LONDON (IT BOLTWISE) – Routinemäßige Bluttests könnten bei Erwachsenen unter 45 Hinweise auf ein höheres Risiko für früh auftretenden Darmkrebs liefern. In einer Auswertung fielen besonders niedrige AST- und ALT-Werte auf, die mit häufiger diagnostizierten Fällen in Verbindung standen. Die Forschenden betonen jedoch eine rein statistische Assoziation ohne Ursache-Wirkung. Für Betroffene ändert sich laut medizinischen Stimmen nichts an den bestehenden Empfehlungen zum Screening.

Wird bei einem Routine-Check Blut abgenommen, landen AST und ALT meist als „Leberwerte“ im Laborbericht. Die aktuelle Studie dreht diese klinische Perspektive zumindest teilweise um: Bei Erwachsenen unter 45 mit niedrigen Konzentrationen der beiden Leberenzyme Aspartat-Transaminase (AST) und Alanin-Transaminase (ALT) war die Wahrscheinlichkeit höher, innerhalb des Beobachtungszeitraums mit early-onset colorectal cancer diagnostiziert zu werden. Wichtig ist dabei die Einordnung. Die Studienautoren beschreiben keinen neuen „Risikowert“, der präventiv aktiv verändert werden soll, sondern untersuchen, ob in routinemäßig erhobenen Laborparametern möglicherweise ein Signal steckt, das später zur Forschung über den Anstieg von Darmkrebs bei jüngeren Menschen führen könnte.
Der Kernbefund betrifft konkrete Schwellen im Bereich des im Alltag häufig als „normal“ betrachteten Spektrums. In der Analyse wurden Daten von über 11.000 Personen im Alter von 18 bis 44 ausgewertet, die ihre erste Darmkrebs-Vorsorge- oder Diagnostikuntersuchung zwischen 2017 und 2025 erhielten und in den drei Jahren vor dem Screening mindestens einen AST- oder ALT-Test hatten. Verglichen wurde dann zwischen Personen, die innerhalb eines Jahres nach der Untersuchung mit Darmkrebs diagnostiziert wurden, und solchen ohne entsprechende Diagnose. Dabei zeigte sich: Wer AST-Werte unter 14 Einheiten pro Liter hatte, wies im Vergleich zur Referenzspanne von 14 bis 29 eine 65% höhere Wahrscheinlichkeit einer frühen Diagnose auf; für ALT unter 14 lag der Anstieg bei 68%. Umgekehrt waren AST-Werte ab 30 mit einer 22% geringeren Wahrscheinlichkeit verbunden, ALT ab 30 mit 29% weniger.
Auch die zeitliche Entwicklung der Laborwerte spielte in der Auswertung eine Rolle. Die Daten deuten darauf hin, dass ein Anstieg von AST über die drei Jahre vor dem Screening mit einer 27% geringeren Wahrscheinlichkeit assoziiert war, ein Anstieg von ALT mit 26% weniger. Sinkende Werte wiederum zeigten in der Studie keine statistisch signifikante Assoziation in die eine oder andere Richtung. Das passt zu der klinischen Realität, dass AST und ALT nicht nur „Leber“ messen, sondern auch durch Muskelmasse, körperliche Aktivität, Entzündungen, akute Erkrankungen oder Medikamente beeinflusst werden können. Genau deshalb argumentieren die medizinischen Stimmen in dem Bericht auch gegen Panik: Aus einem niedrigen AST/ALT allein lasse sich kein verlässlicher Hinweis auf ein konkretes Krebsrisiko ableiten, zumal die Studie laut Quellenlage keine Ursache beweist und nicht in einem Peer-Review-Journal veröffentlicht ist.
Das Thema trifft auf eine andere, bereits länger diskutierte Entwicklung in der Onkologie: Darmkrebs steigt in jüngeren Altersgruppen an, während die Screening-Logik in vielen Ländern noch an der Schwelle von 45 Jahren ausgerichtet ist. In den USA gilt nach den Angaben im Bericht für Personen mit durchschnittlichem Risiko ein Start der Screening-Maßnahmen ab 45, bei höherem Risiko wegen Familienanamnese, Symptomen oder Vorerkrankungen entsprechend früher. Gleichzeitig existieren bereits blutbasierte Ansätze: Im Bericht wird erwähnt, dass die American Cancer Society im Mai erstmals Bluttests in ihre Liste empfohlener Optionen für 45- bis ältere, durchschnittlich riskante Erwachsene aufgenommen hat, wenn diese auf visuelle Untersuchungen und Stuhltests verzichten oder sie nicht abgeschlossen haben. Der konkrete Bluttest, den die Quelle beschreibt, ist der Shield-Test – er ist jedoch nicht Bestandteil des üblichen Routinelabors und ersetzt Koloskopien nicht.
Für den praktischen Nutzen bedeutet das: Selbst wenn AST und ALT als „Metabolismus-/Ernährungsmarker“ verstanden werden könnten, bleibt der Schritt von Korrelation zu Screening-Entscheidung groß. Die Forschenden selbst führen aus, dass die Studie nicht darauf ausgelegt war, Mechanismen aufzudecken. Eine Begründung, die aus dem medizinischen Kontext plausibel ist, wäre etwa, dass niedrige Werte auf eine veränderte Physiologie hinweisen (z. B. geringere Muskelmasse oder nutritive Faktoren) und diese wiederum Teil eines größeren Risikoprozesses sein können. Aber solange nicht klar ist, warum das beobachtete Signal entsteht, bleibt die Konsequenz vor allem die Forschungsagenda: Welche Patientenprofile profitieren potenziell von zusätzlichen Untersuchungen, und welche Labor- und klinischen Konstellationen sind tatsächlich prädiktiv?
Bemerkenswert ist zudem, dass andere routinemäßige Laborwerte in der gleichen Analyse keine vergleichbare Assoziation zeigten. Neben AST und ALT wurden auch Triglyceride und Cholesterin sowie Kalium betrachtet; hier fand das Team keine Verbindung zu early-onset colorectal cancer. Solche Negativbefunde sind für die spätere Interpretation wichtig, weil sie das Spektrum eingrenzen: Es geht nicht um „beliebige Stoffwechselwerte“, sondern um ein spezifisches Muster rund um die Transaminasen. Außerdem wird im Bericht auf eine zweite, unabhängige Untersuchung verwiesen, die ebenfalls einen inversen Zusammenhang zwischen ALT/AST und Darmkrebsrisiko nahelegt, hier jedoch über einen längeren Zeithorizont und in einer anderen Fragestellung. Der technische und methodische Unterschied ist entscheidend: Die neue Analyse zielt darauf, ob bereits bestehende, routinemäßig erhobene Blutwerte unerkannte frühe Erkrankungen markieren könnten, während die andere Arbeit eher langfristige Risiken betrachtet.
Für Kliniken, Labore und Gesundheitsdienstleister ergibt sich daraus vor allem ein realistisches Stimmungsbild für „datengetriebene Prävention“. Labore können bereits heute AST und ALT in Labor-Workflows automatisiert liefern; die Studie zeigt, dass sich solche Routinedaten prinzipiell in Risiko-Hypothesen übersetzen lassen. Trotzdem bleibt die patientennahe Konsequenz laut den im Bericht zitierten medizinischen Einschätzungen gleich: bestehende Screening-Programme werden nicht allein wegen niedriger AST/ALT angepasst, und eine gezielte Erhöhung der Laborwerte wird nicht empfohlen. Wenn der nächste Schritt gelingt, wird er voraussichtlich nicht im Umstellen des individuellen Screenings bestehen, sondern in kontrollierten Folgeuntersuchungen, die prüfen, wie stabil solche Signale sind, wie sie sich bei unterschiedlichen Referenzbereichen verhalten und ob sie in Kombination mit klinischen Faktoren tatsächlich eine praxistaugliche Vorhersagequalität erreichen.
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