LONDON (IT BOLTWISE) – Mehrere große Fachgesellschaften haben kurz vor Beginn der Atemwegs-Saison gemeinsame Impfempfehlungen für Covid, Influenza und RSV veröffentlicht. Grundlage sind aktuelle Evidenzbewertungen aus dem Fachjournal JAMA. Im Fokus stehen vor allem aktualisierte Covid-Impfungen für Erwachsene sowie nach Alter abgestufte Auffrischungen für Ältere, zusätzlich breite Empfehlungen für die Grippesaison und eine saisonale RSV-Strategie. Damit füllen die Verbände eine Lücke, weil zentrale Bundesstellen bislang keine neuen offiziellen Leitlinien zur Covid-Aktualisierung vorgelegt haben.

JAMA-Leitfaden: Neue Empfehlungen für Covid-, Grippe- und RSV-Impfungen
JAMA-Leitfaden: Neue Empfehlungen für Covid-, Grippe- und RSV-Impfungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit Blick auf die anstehende Saison für Atemwegsinfektionen starten Apotheken und Arztpraxen vielerorts wieder in den jährlichen Impfmodus. Diesmal geht es jedoch nicht nur um den Klassiker gegen Influenza: Parallel rücken auch aktualisierte Covid-Impfungen sowie eine strukturierte RSV-Strategie in den Vordergrund. Dass die Empfehlungen nun als gemeinsamer Leitfaden erscheinen, hat laut den beteiligten Fachorganisationen auch einen praktischen Grund: In der Vergangenheit lief der Impfleitlinien-Teil in den USA über zentrale Bundesstellen: Für Covid wären typischerweise neue Empfehlungen der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) erwartet worden, für Grippe jährlich die Aktualisierung der Stichtage und Präparate. Genau diese konkrete Weiterleitung an die Versorgungskette fehlt derzeit in der gewünschten Form.

Die neuen Empfehlungen stützen sich auf Evidenzreviews, die in JAMA veröffentlicht wurden. In dem Konsortium finden sich unter anderem die American Medical Association sowie Fachgesellschaften aus Bereichen wie Pädiatrie, Familienmedizin, Geburtshilfe und Infektiologie; als eine der verantwortlichen Stimmen wird Dr. Bruce Gellin genannt, der den Board-Vorsitz des Vaccine Integrity Project an der University of Minnesota innehat. Im Kern argumentieren die Gruppen, dass die Zeit bis zu neuen, behördlich koordinierten Leitlinien für die Bevölkerung nicht stehen bleibt. Gleichzeitig bleibt das Setup in Teilen unklar: Für Covid habe die CDC traditionell Empfehlungen ausarbeiten sollen, doch das Impf-Beratungsgremium befinde sich laut dem Bericht in einem rechtlichen Schwebezustand („legal limbo“). Eine Sprecherin des US Department of Health and Human Services verwies dabei nur auf „more information … soon“ – damit bleibt die Frage nach dem exakten Behörden-Timing offen.

Bei Covid empfehlen die Verbände eine aktualisierte Dosis für alle Erwachsenen. Für Menschen ab 65 Jahren folgt dann eine zweite Dosis nach sechs Monaten; außerdem könne eine zweite Gabe auch für immunsupprimierte Personen sinnvoll sein. Für Kinder wird es differenzierter: Empfohlen sind Impfungen für Säuglinge im Alter von 6 bis 23 Monaten sowie für Kinder ab zwei Jahren mit zugrunde liegenden Erkrankungen. Entscheidend ist dabei auch die Zulassungslage, denn die Food and Drug Administration (FDA) habe die neuen Covid-Schüsse zunächst nur für Personen mit hohem Risiko oder mindestens 65 Jahren freigegeben. In der Praxis können Ärztinnen und Ärzte die Impfungen jedoch auch an weitere Gruppen verabreichen; zudem sollen die aktualisierten Impfstoffe in vielen Bundesstaaten zumindest in Teilen des Apothekennetzes verfügbar sein, während in manchen Regionen die Abgabe in der Apotheke für Kinder eingeschränkt sein kann und eher die Kinderärztin bzw. der Kinderarzt als Zugang dient.

Die Evidenzbewertung aus JAMA kommt zu dem Ergebnis, dass ein aktualisierter Covid-Impfstoff weiterhin Nutzen bringt. Die CDC schätzt für den Zeitraum von Oktober 2025 bis August 2026 in den USA bis zu 250.000 Krankenhausaufenthalte und bis zu 44.000 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid. Der Bericht verknüpft diese epidemiologischen Größen mit beobachtbaren Effekten der Impfungen: Bei Erwachsenen werde die Zahl der Krankenhausaufenthalte gesenkt, bei Schwangeren und jungen Kindern reduzierten sich Notaufnahmen, und auch bei immunsupprimierten Erwachsenen gehen Intensivstationseinweisungen sowie Todesfälle zurück. Dabei würden ernsthafte Nebenwirkungen laut Review als sehr selten eingeordnet; gleichzeitig wurden in der aktuellen Sicherheitsbewertung keine neuen Sicherheitsbedenken identifiziert. Für die Umsetzung im Gesundheitssystem bedeutet das: Ärztliche Aufklärung und die Organisation der Dosislogik (insbesondere beim Abstand von sechs Monaten für Ältere) werden zum zentralen Baustein, damit die Wirkung der Prävention auch tatsächlich im Alltag ankommt.

Für Influenza rücken die Empfehlungen zugleich stärker auf die Breite der Zielgruppe und auf den richtigen Zeitpunkt. Angestrebt ist eine Impfung für alle Menschen ab 6 Monaten, idealerweise bis Ende Oktober. Die Palette reicht von klassischen Grippeschutzimpfungen über eine mRNA-Option von Moderna für Personen über 50 bis hin zu einem nasalen Spray für Menschen im Alter von 2 bis 49, das auch zu Hause verabreicht werden kann. Ausdrücklich ausgeschlossen wird das Spray jedoch für Schwangere und für immunsupprimierte Personen. Für die Gruppe der über 65-Jährigen nennen die Verbände als bevorzugte Wege entweder eine hochdosierte klassische Impfung oder die mRNA-Variante, weil diese bei älteren Erwachsenen stärker Antikörper auslösen können und dadurch den Schutz verbessern. Wenn eine der bevorzugten Impfungen nicht früh verfügbar sei, solle man die zuerst erreichbare Option nicht aufschieben, so Dr. Sarah Nosal, die als Präsidentin der American Academy of Family Physicians zitiert wird. Die Evidenzbewertung hält fest, dass Impfungen das Risiko für schwere Verläufe senken; die Wirksamkeit schwanke je nach Übereinstimmung zwischen Impfstoff und zirkulierenden Stämmen, aber selbst bei einer weniger guten Übereinstimmung sieht man laut Nosal deutliche Rückgänge bei Hospitalisierung und Tod.

Bei RSV schließlich setzen die Empfehlungen auf eine klare saisonale Logik und auf unterschiedliche Schutzmechanismen je nach Alters- und Risikoprofil. Vorgesehen ist eine einmalige Impfung für alle Erwachsenen ab 75 Jahren sowie für Erwachsene zwischen 50 und 74 Jahren mit erhöhtem Risiko. Für immunsupprimierte Erwachsene und für Jugendliche wird ebenfalls eine Impfung empfohlen, allerdings sollen Anzahl und Häufigkeit der Dosen im Einzelfall entschieden werden. Besonders relevant ist außerdem der Zeitraum in der Schwangerschaft: Zwischen September und dem 1. März wird für Frauen im Alter von 32 bis 36 Wochen eine RSV-Impfung empfohlen, damit der Schutz in die Babysaison übertragen wird. Für Säuglinge unter 8 Monaten sieht der Leitfaden stattdessen den Einsatz von monoklonalen Antikörpern vor, wenn die Mutter während der Schwangerschaft nicht geimpft war oder wenn daran Zweifel bestehen. Für Kinder im Alter von 8 bis 19 Monaten wird eine Immunisierung für die zweite Saison bei erhöhtem Risiko vorgeschlagen, unabhängig von einer vorherigen Impfung.

Hintergrund dieser differenzierten Strategie ist die historische Belastung: RSV war vor Einführung von Impfungen in den USA der führende Grund für Krankenhausaufenthalte bei Babys. Der Bericht nennt außerdem als Größenordnung, dass etwa 2 bis 3 Prozent aller Säuglinge unter drei Monaten jedes Jahr aufgrund von RSV hospitalisiert werden. Als weitere Risikogruppen werden unter anderem Frühgeburtlichkeit, bestimmte Lungenkrankheiten, Erwachsene über 75, ausgewählte chronische Erkrankungen sowie Menschen in Pflegeeinrichtungen hervorgehoben. Die neue Review-Erkenntnis lautet dabei konsistent: Immunisierung senkt das Risiko für schwere Erkrankungen und Krankenhausaufenthalte. Für Gesundheitsdienstleister ergibt sich daraus eine operative Herausforderung, die weniger mit dem Impfstoff an sich zu tun hat als mit der Terminlogik über mehrere Bevölkerungsgruppen hinweg – von Schwangerschaftsterminen über pädiatrische Zeitfenster bis zu einmaligen Impfungen für ältere Erwachsene.

Damit verschiebt sich die Bedeutung des Leitfadens auch in Richtung Versorgungspraxis: Für Erwachsene und Kinder entsteht ein klarerer Handlungsrahmen, während die Dosisabstände bei Covid und die saisonale Planung bei RSV eine präzise Kommunikation in der Arzt- und Apothekenlandschaft erfordern. Gleichzeitig bleibt die Koexistenz von behördlicher Zulassung, klinischer Verabreichungspraxis und regionaler Impfstoffverfügbarkeit ein realer Faktor, der den Unterschied zwischen „Empfehlung“ und „tatsächlicher Schutzquote“ ausmachen kann. Für Entscheider im Gesundheitswesen ist genau das der Punkt: Wenn zentralstaatliche Leitlinien verzögert sind, gewinnen konsolidierte, evidenzbasierte Empfehlungen der Fachcommunity an praktischer Relevanz – und sie müssen so in Prozesse übersetzt werden, dass Patienten die passende Dosis zum richtigen Zeitpunkt erhalten.


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