BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der RWE-Chef fordert, dass der Schutz der kritischen Infrastruktur nicht länger an Regeln aus „Friedenszeiten“ hängen bleibt. Er warnt vor hybriden Angriffen, die sowohl digital als auch physisch wirken und mit klassischen Prozessen zu langsam beantwortet werden. Statt pauschaler Geheimhaltung und Transparenz verlangt er eine engere Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden, Öffentlichkeit und Unternehmen. Besonders bei akuter Gefahr müsse auch im öffentlichen Raum schneller erkannt und gehandelt werden.

RWE stellt den Netzschutz zur Diskussion, weil die aktuelle Bedrohungslage nach Darstellung des Konzernchefs Krebber nicht mehr mit etablierten Abläufen auskommen soll. Beim Sommerfest des Energiekonzerns in Berlin argumentierte er, dass hybride Angriffe auf lebensnotwendige kritische Infrastruktur eine Geschwindigkeit erfordern, die weder durch „Regeln“ noch durch „bürokratische Prozesse“ im Alltag der Betreiber ausreichend abgebildet sei. Im Zentrum steht dabei weniger ein abstraktes Sicherheitsgefühl als die Frage, wie Unternehmen die eigene Schutzstrategie über die reinen Betriebsgrenzen hinaus ausrichten können, wenn Angreifer bereits im Vorfeld außerhalb des eigenen Geländes Handlungen vorbereiten.
Technisch geht es dabei um die Lücke zwischen dem, was Anlagenbetreiber üblicherweise überwachen können, und dem, was Angreifer operational benötigen. Krebber verwies auf technische Möglichkeiten wie Videosensorik auf dem Betriebsgelände. Entscheidend ist jedoch sein Punkt, dass Angreifer sich „außerhalb der Betriebsgelände“ auf mögliche Angriffe vorbereiten. Genau dort entsteht für Betreiber eine Zielkonflikt-Situation: Grundstücks- oder Zaunüberwachung liefert oft erst dann verwertbare Hinweise, wenn ein Angriff bereits näher rückt, während die Erkennung früherer Stadien mehr Blick auf den öffentlichen Raum erfordert. Damit verschiebt sich die Sicherheitsarchitektur von einem rein perimeterspezifischen Modell hin zu einem Ansatz, der frühe Mustermeldungen ermöglicht, bevor es zu einem physischen Schadensereignis kommt.
Auch regulatorisch und gesellschaftlich sorgt der Vorschlag für Reibung, weil er unmittelbar die Debatte um Transparenzgesetze berührt. Krebber kritisierte, dass solche Regeln kritische Infrastruktur öffentlich machten, und formulierte als „Devise“: Geheimhaltung statt Transparenz. Für die Praxis ist diese Gegenposition heikel, weil Transparenz nicht nur Risiken mindert oder verschärft, sondern auch dabei hilft, Verantwortlichkeiten sichtbar zu machen und Sicherheitsmaßnahmen überprüfbar zu gestalten. Die eigentliche Stoßrichtung seiner Aussage dürfte daher weniger „weniger Information“ als vielmehr „bessere Information zum richtigen Zeitpunkt“ sein: nicht die breite Offenlegung, sondern eine bedarfsgerechte Weitergabe relevanter Sicherheitslage an die, die operativ reagieren können.
Konkreter wird Krebber beim Thema Handlungsfähigkeit in einer akuten Lage. Er sprach die „physischen Notwehr“ an, etwa in einem Szenario, in dem eine Drohne im Anflug ist und der erwartete Schaden „groß“ wird. In dieser Logik reicht es nicht, im Ernstfall erst eine Standard-Notrufkette wie die „110“ abzuwarten. Aus technischer Sicht bedeutet das vor allem, dass Betreiber nicht nur Detektion brauchen, sondern auch eine klare Eskalationslogik, die Entscheidungsketten verkürzt und im Idealfall verifiziertes Lagebild mit passenden Maßnahmen verbindet. Unternehmensseitig geht es damit um die Verzahnung von Sensorik, Einsatzplanung und Kommunikationswegen, während auf Behördenseite die Frage nach Zuständigkeiten und Reaktionszeiten im Vordergrund steht.
Der Hintergrund der Diskussion liegt zudem in einer polizeilichen Ermittlungslage nach einer Serie von Sabotage-Angriffen auf das Stromnetz. Laut dem Bericht wurde ein verdächtiger 48-Jähriger festgenommen; die Ermittler glauben, dass er an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Sachsen versucht hat, Stromleitungen in der Nähe von Kohlekraftwerken zu sabotieren, wobei es in einigen Fällen offenbar gelungen sein soll. Für die Bewertung aus Unternehmensperspektive ist diese Kombination aus geografischer Streuung und Zielnähe ein Hinweis darauf, dass Angriffe nicht zwingend „am Zaun“ beginnen. Betreiber brauchen daher eine Sicherheitslage, die nicht nur den Status kritischer Anlagen erfasst, sondern auch Hinweise auf Vorbereitungsaktivitäten liefert, die geografisch außerhalb des unmittelbaren Areals stattfinden.
In der Praxis führt das zu einem erweiterten Blick auf „kritische Infrastruktur“: Darunter fallen Bereiche, deren Beeinträchtigung oder Ausfall zu Versorgungsengpässen, Störungen der öffentlichen Sicherheit und weiteren dramatischen Folgen führen kann. Dazu gehören beispielsweise Energie, Informationstechnik sowie Transport und Verkehr. Wer diesen Rahmen ernst nimmt, muss Sicherheitsmaßnahmen entlang der gesamten Wertschöpfung planen: von der Netzsteuerung über IT-Schnittstellen bis zur physischen Umgebung, in der Angriffe sichtbar werden können. Die Forderung, die kritische Infrastruktur auch im öffentlichen Raum mit allen verfügbaren technischen Möglichkeiten überwachen zu können, ist dabei ein Signal für eine intensivere Nutzung moderner Sensorik – nicht als Selbstzweck, sondern um frühzeitig Muster zu erkennen, die auf einen bevorstehenden physischen Angriff hindeuten. Gleichzeitig bleibt der zentrale Management-Trade-off bestehen: Je früher und je weiter der Blick reicht, desto stärker müssen Unternehmen ihre Prozesse so gestalten, dass Datenschutz- und Sicherheitsziele nicht gegeneinander laufen, sondern zusammen messbar werden. Genau hier dürfte sich die nächste Phase der Netzschutz-Debatte entscheiden: an der Schnittstelle zwischen Technik, Einsatzlogik und Zusammenarbeit, nicht nur in der Frage, welche Sensoren vorhanden sind.
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