LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs passt seine Prognosen für Brent und WTI deutlich an, weil Störungen im Schiffsverkehr im Nahen Osten offenbar länger anhalten. Im Extremfall hält die Bank 2027 einen Brent-Preis von über 120 US-Dollar je Barrel für möglich. Gleichzeitig steigt die Optionsmarkt-basierte Wahrscheinlichkeit, dass Brent im März 2027 die 100-Dollar-Marke überschreitet. Für Anleger dürfte damit die weitere Entwicklung an der Straße von Hormus zum entscheidenden Beobachtungspunkt werden.

Goldman Sachs signalisiert mit der Anhebung seiner Ölpreisprojektionen vor allem eines: Der Markt soll das Risiko einer länger andauernden Störungsphase im Nahen Osten stärker einpreisen. Der konkrete Auslöser liegt laut Bank nicht in einem einzelnen Ereignis, sondern in anhaltenden Problemen im Schiffsverkehr, die sich nach Einschätzung der Analysten bis ins Jahr 2027 ziehen könnten. Damit verschiebt sich der Fokus von kurzfristigen Schlagzeilen hin zu einer eher „szenariobasierten“ Preispolitik, in der Produktion, Transportwege und Lagerbestände gemeinsam betrachtet werden.
Technisch wird die Neubewertung bei Goldman Sachs über mehrere Drehpunkte hergeleitet. Zum einen hebt die Bank die Prognosen für Brent und WTI um jeweils 5 US-Dollar an: Für Dezember 2026 kalkuliert Goldman Sachs nun mit 85 US-Dollar für Brent beziehungsweise 80 US-Dollar für WTI je Barrel. Für 2027 setzt die Bank bei 80 US-Dollar (Brent) beziehungsweise 75 US-Dollar (WTI) an. Zum anderen verändert sich die Marktpreiserwartung: Die aus Optionsmärkten abgeleitete Wahrscheinlichkeit, dass Brent im März 2027 die Marke von 100 US-Dollar überschreitet, steigt den Angaben zufolge von etwa 6 Prozent auf rund 25 Prozent.
Besonders wichtig ist dabei das von der Bank skizzierte Risikoszenario. Angesichts verschärfter Angriffe auf die Schifffahrt in der Straße von Hormus und im Roten Meer hält Goldman Sachs ein Extremszenario für möglich, das bei Brent 2027 über 120 US-Dollar je Barrel liegen kann. Als zentrale Bedingung nennt die Bank, dass die durchschnittliche Golfproduktion im Jahr 2027 um 4 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau vor Kriegsbeginn bleibt. Verstärkte Angriffe gelten dabei als wahrscheinlichster Trigger, während im Basisszenario „nur“ ein Rückgang um 0,5 Millionen Barrel pro Tag angenommen wird. Um die Bandbreite zu verstehen: Dreht sich das Szenario in eine gegenteilige Richtung und die Golfproduktion steigt 2027 um eine Million Barrel pro Tag über das Vorkriegsniveau, könnte Brent laut Goldman Sachs sogar in Richtung 60 US-Dollar fallen.
Dass die Prognose trotz des Stressszenarios nicht nahtlos „nur nach oben“ zeigt, hängt auch mit der Bestands- und Nachfragedynamik zusammen. Goldman Sachs verweist darauf, dass die kommerziellen Ölvorräte in OECD-Ländern seit Kriegsbeginn kaum gesunken seien. Zwar seien die weltweit angelandeten Ölvorräte von 9,1 auf 8,6 Milliarden Barrel zurückgegangen, die Bank ordnet diese Größenordnung aber weiterhin als deutlich über den operativ notwendigen Mindestmengen ein. Ein zusätzlicher dämpfender Faktor sei außerdem die Preisempfindlichkeit chinesischer Rohöleinfuhren: Wenn die Preise anziehen, reagieren die Importe demnach spürbar nach unten. Daneben nennt die Bank für die zweite Jahreshälfte 2027 eine schrittweise Entspannung beim Angebot aus dem Nahen Osten durch neue Pipelinekapazitäten.
Für die Unternehmens- und Marktpraxis ergibt sich daraus ein Signal, das weit über reine Prognosewerte hinausgeht. In einem Umfeld, in dem der Transportweg selbst zur Variablen wird, gewinnen Absicherungsinstrumente an Gewicht, weil sich die Risikokurve stärker verformt als bei einem „normalen“ Angebotsengpass. Goldman Sachs empfiehlt institutionellen Kunden deshalb weiterhin Termingeschäfte auf europäische Diesel-Timespreads für den Zeitraum März bis Dezember 2027. Die Logik dahinter ist: Falls es nach Ansicht der Bank zu anhaltenden Raffinerieausfällen in Russland oder im Nahen Osten kommt, könnten die Timespreads um mehr als 100 Prozent steigen. Solche Empfehlungen zählen laut der Bank zum Kerngeschäft des Handels und tragen entsprechend zum Ergebnis der Handelssparte bei.
Für Anleger bleibt damit eine klare Beobachtungsfrage: Bleiben die Spannungen an der Straße von Hormus bestehen und verschärfen sie sich weiter, oder setzt sich die von Goldman Sachs skizzierte Entspannung tatsächlich durch? Entscheidend ist dabei nicht nur, ob die Rohölpreise steigen, sondern wie sich die Transportkette, die Produktionsmengen in der Golfregion und die erwartete Angebotserholung im Zeitverlauf miteinander verzahnen. Sollte sich der Markt in den nächsten Quartalen stärker an den Risiko- statt an den Basispfad anlehnen, könnte das die Bandbreite der Preisbewegungen weiter erweitern. Umgekehrt würde eine Bestätigung durch mehr Transportkapazität und zusätzliche Produktion die Wahrscheinlichkeitssignale aus dem Optionsmarkt wieder glätten.
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