SIOUX FALLS, S.D. / LONDON (IT BOLTWISE) – 25 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 blicken zwei ranghohe Führungskräfte der South-Dakota-National-Guard auf den Wendepunkt zurück. Maj. Gen. Mark Morrell berichtet, wie der Schock bei ihm zu sofortigem Handeln drängte – und wie sich daraus neue Einsätze, Deployments und ein dauerhaftes Bleiben im Dienst ergaben. Col. Jon Friedman beschreibt den Moment, in dem seine Basis in den Notfallmodus ging, und ordnet den heutigen Auftrag als dauerhaft „einsatzbereit“ ein. Zentral ist dabei auch die Überzeugung, dass Erinnern und Verteidigen zusammengehören.

Der 11. September 2001 liegt für viele junge Soldatinnen und Soldaten inzwischen in der Vergangenheit, die sie nur aus Protokollen, Bildern und Gesprächen kennen. Für die Führung der National Guard in South Dakota ist das Datum aber noch immer ein konkreter Maßstab dafür, wie schnell sich Missionen verändern können. Maj. Gen. Mark Morrell, Adjutant General des Bundesstaats, erinnert an den Moment, in dem aus Nachrichten plötzlich eine Lage wurde, die Handlungsdruck erzeugte: Er war damals im aktiven Dienst und in Vorbereitung auf eine F-16-Ausbildung, als er den Beginn der TV-Berichterstattung sah. Morrell beschreibt, dass zunächst Unglauben vorherrschte, die Situation aber nach dem zweiten Einschlag binnen Sekunden „anders“ wirkte – und dass der erste Impuls nicht nur Beobachtung war, sondern „sofortiges Handeln“.
Auch Col. Jon Friedman verbindet den Tag mit einem sehr physischen Gefühl der Unmittelbarkeit: Er befand sich in der Pilotenausbildung auf der Sheppard Air Force Base und war gerade im Gym, als die Angriffe begannen. In seiner Schilderung wechselten die Bildschirme im Raum nacheinander auf die Berichterstattung aus New York, begleitet von dem Gedanken, dass hier etwas von außergewöhnlicher Tragweite passiert. Besonders eindrücklich ist sein Rückblick auf die Sicherheitslage auf der Basis: Friedman sagt, er habe zuvor keine Situation erlebt, in der ein Standort in den „Lockdown“ ging, und er habe in diesem Moment verstanden, dass sich Regeln und Prioritäten grundlegend verschieben würden. Diese emotionale Wirkung sei auch nach 25 Jahren spürbar geblieben.
Von der persönlichen Erinnerung führt der Blick bei beiden Führungskräften unweigerlich zu einer strukturellen Veränderung im Auftrag der National Guard. Laut Morrell war die Guard vor den Anschlägen vor allem als strategische Reserve einzuordnen. Seitdem beschreiben er und der Adjutant General die Entwicklung aber deutlich anders: Die Guard sei in vielen Phasen zu einer operativen Reserve geworden und zeitweise sogar zu einer operativen Kraft. Genau diese Verschiebung spiegelt sich auch in den Zahlen wider, die Morrell nennt: Mehr als 10.000 Guardsmen aus South Dakota seien in den Jahren nach dem 11. September in Einsätze eingebunden gewesen. Dazu kam eine Sicherheitskomponente unmittelbar nach den Anschlägen, bei der Armee- und Air-National-Guard-Angehörige mobilisiert wurden, um kritische Infrastruktur zu schützen – insbesondere auch Flughäfen.
In technischer Hinsicht ist diese Aufgabenverlagerung vor allem eine Frage der Einsatzbereitschaft: Wenn aus einer Reserve eine regelmäßig aktiv geforderte Komponente wird, muss das Training, die Bereitschaftsplanung und die Schnittstelle zur zivilen Infrastruktur mitwachsen. Friedman beschreibt das an der Air National Guard konkret: Weil die Einheit „wirklich“ als operativer Kraftfaktor gilt, kann der Präsident sie jederzeit nach vorn rufen, und die Truppe müsse dann stets bereit sein. Das bedeutet nicht nur, dass Personal verfügbar sein muss, sondern dass Prozesse, Ausrüstung und Einsatzstandards konsistent bleiben – selbst dann, wenn die Ereignisse, auf die man reagiert, nicht mehr in der eigenen Lebenszeit verankert sind. Heute gibt es Airmen, die keine persönliche Erinnerung an 2001 haben; sie lernen den Kontext „aus Geschichte“ und aus Rückgriffen auf die Erfahrungen von Führungskräften.
Gleichzeitig setzen Morrell und Friedman auf die Wirkung von Generationenwechseln statt auf Nostalgie. Morrell sagt, er habe gerade aus dem Blick auf die Jüngeren Zuversicht gewonnen, weil viele Dienstleistende dem Ereignis nicht selbst begegnet seien, aber trotzdem ihren Weg in das Militär gefunden hätten. Für ihn ist Erinnern deshalb nicht bloß Gedenken, sondern aktives Weitererzählen: die Geschichten der Männer und Frauen, die damals dienten, und wie der 11. September die folgenden Jahre in der Art beeinflusst habe, wie der Staat und seine Institutionen Sicherheit begreifen. Friedman ergänzt diese Haltung mit einer Art „operativem Wertekompass“: Die Lektion bestehe darin, dass man sich – sobald „ein Schlag“ kommt – als kohäsive Einheit zusammenschließt, um Familie, Nation und die Menschen im unmittelbaren Umfeld zu verteidigen.
Aus dieser Verbindung von Erinnerung und Einsatzleitbild folgt auch die Blickrichtung nach vorn. Morrell betont, dass die USA derzeit in „vielen Arten“ verwundbar seien – nicht nur im Sinn von klassischen Bedrohungsszenarien mit Flugzeugen, sondern allgemein mit Blick auf unterschiedliche Risiken. Für die National Guard heißt das: Vorbereitung auf neue Bedrohungsbilder bleibt Pflicht, ebenso wie Unterstützung für die Menschen, die darauf reagieren müssen. Entscheidend sei dabei laut Morrell, dass Ressourcen, Training und Ausrüstung „die richtigen“ sein müssen, um die Aufgabe in den Gemeinden sicher umzusetzen. Damit wird aus dem historischen Rückblick ein klarer Management-Punkt: Wer Bereitschaft will, braucht nicht nur Motivation, sondern planbare Mittel, belastbare Ausbildungswege und robuste Fähigkeitspakete für den nächsten Einsatz – auch wenn die konkreten Ereignisse, auf die man reagiert, heute noch nicht absehbar sind.
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