LONDON (IT BOLTWISE) – Jefferies hat sein Bewertungsmodell für Gold neu aufgesetzt und rückt die Reservepolitik der Notenbanken sowie Fiskaldefizite der Industriestaaten in den Mittelpunkt. Das Haus kommt zu dem Schluss, dass bereits ein von drei Extrem-Szenarien den Goldpreis über 5.000 US-Dollar je Feinunze treiben könnte. Für 2026 erwartet Jefferies dabei einen Zielwert von 4.650 US-Dollar. Entscheidend für Anleger ist damit weniger der Fokus auf US-Realzinsen, sondern die Geschwindigkeit der Notenbankkäufe.

Der Goldmarkt bekommt eine neue Denkstruktur: Jefferies hat sein Bewertungsmodell grundlegend überarbeitet und damit den häufig genutzten Ansatz in Frage gestellt, der Gold vor allem über Realzinsen und den US-Dollar erklärt. In dem aktualisierten Rahmenwerk verschiebt sich die Gewichtung hin zu Fragen, die Anleger zwar beobachten, aber oft nicht als zentrale Stellschraube behandeln: Wie stark diversifizieren Notenbanken ihre Reserven, und wie groß ist der Anteil von US-Staatsanleihen bereits von Gold verdrängt? Das Analysehaus arbeitet dabei mit drei Variablen und bettet die Berechnungen in ein 30-Jahres-Fenster von 1995 bis 2025.
Der zentrale Bruch zur „alten Formel“ liegt in der Beobachtung, dass Gold in den vergangenen Jahren zunehmend seine historische Bindung an Realzinsen und den US-Dollar gelöst hat. Jefferies argumentiert, dass reine Regressionsmodelle dadurch inzwischen Werte ausweisen können, die deutlich unter dem aktuellen Marktniveau liegen. Statt die bisherigen Treiber nur zu justieren, ersetzt das Haus den Ansatz: Zinsen, Geldmenge und Dollarindex fließen zwar weiterhin indirekt ein, aber sie bestimmen nicht mehr den direkten Takt. Für die Praxis bedeutet das, dass ein Bewertungsmodell plötzlich andere makroökonomische Impulse als „ausreichend“ markieren kann, obwohl die klassischen Kennzahlen unverändert aufmerksam verfolgt werden.
Konkreter wird die Studie bei der Frage nach dem Überschreiten psychologisch wichtiger Schwellen. Jefferies nennt drei Extremfälle, von denen nach eigener Einschätzung jeder für sich ausreichen könnte, um die Marke von 5.000 US-Dollar je Feinunze zu erreichen. Genannt werden erstens Fiskaldefizite in einer Größenordnung wie während der Corona-Pandemie von rund 14 Prozent der Wirtschaftsleistung, zweitens ein Rückgang des Dollar-Anteils an den globalen Währungsreserven unter 40 Prozent und drittens eine Verdopplung des aktuellen Tempos der Notenbank-Goldkäufe. An dieser Stelle wirkt der Ansatz wie eine Art „Stress-Test“: Nicht ein einzelner Zinsschritt entscheidet, sondern ein Bündel aus Reserve- und Fiskalpfaden.
Damit bleibt die Frage, ob diese Szenarien nur theoretische Extrembereiche sind oder bereits in der Realität ankern. Der World Gold Council verweist auf einen konkreten Datenpunkt: Notenbanken kauften im zweiten Quartal 2026 netto rund 289 Tonnen Gold. Das entspricht laut Bericht einem Plus von 62 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, in dem es 177,9 Tonnen waren. Als Initiatoren hebt der Bericht unter anderem Polen und China hervor; gerade solche geografischen Treiber sind für das Jefferies-Modell wichtig, weil es die Intensität der Reserve-Diversifizierung als eine der Kernvariablen behandelt.
Auch externe Bankanalysen ordnen das Bild ähnlich ein, allerdings über andere Parameter. Goldman Sachs erwartet bis Jahresende einen Goldpreis von rund 4.900 US-Dollar je Feinunze, gestützt auf durchschnittlich 50 Tonnen monatlicher Notenbankkäufe und auf schwindende Erwartungen weiterer US-Zinserhöhungen. Dass beide Linien – das Jefferies-Szenariomodell auf Basis von Reservedaten und die Goldman-Projektion mit Fokus auf Kaufmengen – in einer ähnlichen Größenordnung landen, macht die Verschiebung der Perspektive für Marktteilnehmer greifbar. Jefferies selbst zielt bis zum Jahresende 2026 auf 4.650 US-Dollar; das entspricht einem Aufschlag von rund 5 Prozent auf den aktuellen Kassapreis. Gleichzeitig bestätigt das Haus damit seine zuvor genannte Einschätzung: 4.500 US-Dollar für die zweite Jahreshälfte und 5.000 US-Dollar für die erste Hälfte 2027.
Für Anleger ist die Konsequenz weniger „neues Kursziel“, sondern neues Monitoring. Wer die Rally bisher vor allem an der US-Zinspolitik festgemacht hat, findet im Jefferies-Ansatz den Hinweis, dass die Reservepolitik der Notenbanken der zentralere Taktgeber sein kann. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, ob wichtige Käufer wie Polen oder China ihr Tempo halten, beschleunigen oder ins Verkaufen drehen. Jefferies liefert dabei auch eine methodische Bremse: Das Modell versteht sich als Werkzeug, um bestehende Prognosen zu hinterfragen, nicht als abschließende Wahrheit. Gerade deshalb ist der Umgang mit den drei Extremszenarien entscheidend: Als Randbedingungen gelesen, helfen sie bei der Risikoeinschätzung; als vermeintlicher Basisfall interpretiert, können sie die Entfernung bis 5.000 US-Dollar schnell überschätzen.
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