JENA / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Universitätsmedizin Halle beteiligt sich an der RISE-Studie (Relapse Prevention Intervention after Suicidal Event), die Rückfälle nach einem Suizidversuch reduzieren soll. Unter Federführung des Universitätsklinikums Jena werden rund 350 Patientinnen und Patienten in sechs Kliniken aus fünf Bundesländern untersucht. Eine Hälfte erhält die Standardbehandlung, die andere zusätzlich fünf therapeutische Sitzungen innerhalb von vier Wochen. Finanziert wird das Vorhaben unter anderem mit 1,3 Millionen Euro aus Mitteln des Gemeinsamen Bundesausschusses.

RISE-Programm in Halle: Studie senkt Rückfälle nach Suizidversuchen
RISE-Programm in Halle: Studie senkt Rückfälle nach Suizidversuchen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Nachsorge nach suizidalen Krisen wird in der Praxis oft als „nächster Schritt“ behandelt, obwohl genau dort die gefährliche Lücke beginnt: zwischen dem Entlasszeitpunkt aus der Klinik und der nächsten ambulanten therapeutischen Begleitung. Das Forschungsprojekt RISE (Relapse Prevention Intervention after Suicidal Event) setzt genau an diesem Punkt an und will die Rückfallquote bei Menschen nach einem Suizidversuch messbar senken. Dass sich die Universitätsmedizin Halle nun an der Studie beteiligt, verschiebt das Thema zugleich von einer rein konzeptionellen Debatte hin zu einem strukturierten Versuchsdesign mit klarer Behandlungskomponente.

Technisch und organisatorisch ist RISE als kontrollierte klinische Studie angelegt: Das Universitätsklinikum Jena führt die Untersuchung federführend durch, insgesamt sind sechs Kliniken aus fünf Bundesländern eingebunden. Begleitet werden circa 350 Patientinnen und Patienten, wobei das Studiendesign zwei Gruppen vorsieht. Eine Hälfte erhält die etablierte Standardbehandlung, die andere Hälfte bekommt zusätzlich das RISE-Programm. Entscheidend ist dabei nicht nur der „Mehrwert“ zusätzlicher Sitzungen, sondern die zeitliche Taktung: Fünf therapeutische Sitzungen sollen innerhalb von vier Wochen stattfinden, also unmittelbar in der sensiblen Übergangsphase nach dem krisenhaften Ereignis.

Nach dieser intensiven Phase folgt ein weiteres Element, das in vielen Versorgungsketten bislang zu kurz kommt: wissenschaftliche Begleitung bis zu einem Jahr. Damit kann das Projekt nicht nur kurzfristige Effekte innerhalb weniger Wochen bewerten, sondern auch untersuchen, ob sich Verhaltensmuster und Risikofaktoren stabiler adressieren lassen. Finanziell wird das Vorhaben durch den Gemeinsamen Bundesausschuss mit Fördermitteln in Höhe von 1,3 Millionen Euro unterstützt. Für die spätere Übertragbarkeit in die Routineversorgung ist das relevant, denn Programme, die im Alltag funktionieren sollen, müssen sowohl personell als auch prozessual in den bestehenden Versorgungsrhythmus passen.

Hinter dem Engagement der Universitätsmedizin Halle steht außerdem eine regionale Versorgungsrealität: In Sachsen-Anhalt liegt die Suizidrate über dem bundesweiten Durchschnitt. Genau solche Unterschiede machen deutlich, warum die „bestmögliche“ Behandlung nicht überall identisch ausfallen darf. Bundesweit gehen Fachleute auf Basis von Studien davon aus, dass es jährlich zu mehreren hunderttausend Suizidversuchen kommt; bei dieser Größenordnung entscheidet die Nachsorge über einen großen Teil der späteren Verläufe. Der Ansatz von RISE zielt deshalb darauf, Lücken in der Nachsorge zu schließen, bevor sich Rückfallrisiken über Zeit verfestigen. Neben dem Setting spielt dabei auch die Prozessfrage eine Rolle: Wie schnell die erste Anschlussbetreuung nach einer Klinikbehandlung organisiert ist, und ob sie strukturiert genug erfolgt, um die unmittelbare Krisendynamik mitzunehmen.

Ein Blick in den internationalen Kontext zeigt, dass RISE kein isoliertes Einzelprojekt ist, sondern in eine breitere Bewegung zur Optimierung der Suizidprävention fällt. In der Schweiz hat eine Auswertung der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz ergeben, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen nach einem Suizidversuch bislang keine fachliche Betreuung erhält. Zudem wurden dort zwischen 2021 und 2025 mehrere Programme wie SERO, ASSIP flex sowie AdoASSIP umgesetzt; eine Evaluation durch das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut sowie die Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg bescheinigte diesen Maßnahmen eine entsprechende Wirksamkeit. Für 2026 ist außerdem die Entstehung des nationalen Projekts SuiT geplant, dessen Kernstück ein KI-basierter Chatbot sein soll, der als niedrigschwelliges Hilfsangebot fungieren wird. Auch wenn digitale Unterstützung nicht die therapeutische Beziehung ersetzt, kann sie im Übergang helfen, schneller Kontakt aufzubauen und Erstorientierung zu geben.

Dass digitale und programmatische Ansätze allein nicht reichen, machen Berichte aus anderen europäischen Ländern sichtbar. In Ungarn wurde in Krankenhäusern wie dem Szent János, Szent Imre oder dem Péterfy-Klinikum das Fehlen verpflichtender Verfahren für die Betreuung von Überlebenden nach Suizidversuchen festgestellt. In Sachsen-Anhalt wird der Bedarf ebenfalls klar beschrieben: In vielen Kliniken fehlt ein verpflichtendes Verfahren für die Betreuung von Überlebenden eines Suizidversuchs. Gerade für die Implementierung bedeutet das eine Hürde, weil „freiwillige“ Strukturen in der Versorgung oft von Ressourcen und Zuständigkeiten abhängen. Für Entscheider in Kliniken und Trägern wird damit eine zentrale Frage lauter: Wie lässt sich eine Nachsorge-Struktur so standardisieren, dass sie unabhängig von Einzelfällen zuverlässig ausgelöst wird.

Die Dringlichkeit lässt sich auch an Altersdaten festmachen. Im Jahr 2025 starben in Ungarn 121 junge Menschen im Alter von 12 bis 29 Jahren durch Suizid; insbesondere in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen wurde ein Anstieg der Rate um 20 Prozent verzeichnet. Solche Zahlen unterstreichen, warum Interventionen wie RISE zeitlich so eng nach dem Ereignis ansetzen: Sie sollen Betroffene unmittelbar therapeutisch auffangen, statt Risiken erst im nächsten routinemäßigen Termin zu adressieren. Für die weitere Bewertung wird vor allem entscheidend sein, ob RISE nicht nur kurzfristige Rückgänge zeigt, sondern auch über Monate hinweg stabil wirkt und damit ein belastbares Modell für Nachsorge-Prozesse liefert, die in der Praxis wirklich skalierbar sind.


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