NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Das offizielle Gedenken am Ground Zero zum 25. Jahrestag der Anschläge vom 11. September rückt näher – doch der Ton ist längst nicht mehr der traditionelle eines parteiübergreifenden Rituals. Republikanische Stimmen fordern, dass Bürgermeister Zohran Mamdani nicht teilnimmt, während mehrere andere Landes- und Stadtpolitiker betonen, Hassdürfe nicht das Gedenken dominieren. Mamdani sagt, der Fokus müsse auf den Opfern, Familien und Einsatzkräften liegen – nicht auf Politik. Parallel verschiebt sich die Debatte auch auf das Thema Luftqualität und darauf, welche Informationen Betroffene nach den Anschlägen erhalten haben.

Neun-elf-Gedenken in New York: Streit um Teilnahme von Bürgermeister Mamdani
Neun-elf-Gedenken in New York: Streit um Teilnahme von Bürgermeister Mamdani (Foto: IT BOLTWISE)
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Das Gedenken an den 11. September auf dem Gelände von Ground Zero hat in New York seit Jahren eine klare Intention: Es soll vor allem würdevoll sein, apolitisch wirken und die Perspektive der Opferfamilien und Überlebenden in den Mittelpunkt stellen. Doch genau diese Trennlinie wird in den Wochen vor dem offiziellen Termin spürbar verwischt. Laut den Berichten aus dem Umfeld der Feierlichkeiten kreist der Konflikt aktuell um die Teilnahme von Bürgermeister Zohran Mamdani, New Yorks erstem muslimischen Bürgermeister, dessen Besuch von Teilen der Republikanischen Partei aktiv kritisiert wird.

Im Kern geht es um die Frage, ob Mamdani „dazugehört“ – und damit indirekt um die Deutungshoheit darüber, wer das nationale Trauma repräsentieren darf. Mehrere Top-Republikaner, darunter Rudy Giuliani, George Pataki und der Nassau County Executive Bruce Blakeman, forderten demnach, dass Mamdani der Zeremonie fernbleibt. Mamdani hält dagegen und kündigt an, er werde erscheinen und in einem Bereich sitzen, der für aktuelle und ehemalige gewählte Amtsträger reserviert ist. Für die Organisatoren gilt seit dem Beginn des moderneren Zeremoniensystems ab 2012, dass Redebeiträge von Politikern möglichst vermieden und die Gäste „einfach“ zum Gedenken eingeladen werden sollen; gleichzeitig zeigt das laufende Jahr, dass allein die Anwesenheit offenbar bereits als politisches Signal gelesen wird.

Die Debatte knüpft dabei an eine Spannung an, die sich seit den frühen 2000er-Jahren immer wieder neu entzündet: Auf die Anschläge folgte zunächst eine Phase der „politischen Höflichkeit“ in den USA, parallel aber verstärkte sich im Alltag die Feindseligkeit gegenüber muslimischen sowie arabisch- oder südasiatisch gelesenen Communities. Basil Smikle, politischer Berater und Professor an der Columbia University, beschreibt diesen Zusammenhang rückblickend deutlich und spricht von einer Rückkehr von Vorurteilen: „It’s not just Islamophobia. It’s racism. … It didn’t go away. It just went dormant for a while and reared its head again.“ Er verweist zugleich auf den Effekt, dass für viele Menschen damals eine Art politische Wachwerdung einsetzte – mit Folgen für die spätere Wahl von Mamdani.

Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung von einem Trauerritus hin zu einem Streit um Narrative. Kritiker argumentieren, Mamdani sei mit Personen und Aussagen verknüpft, die den Anschlag selbst oder Teile der öffentlichen Aufarbeitung relativieren bzw. sich abseits des Mainstreams positionieren. Genannt werden dabei unter anderem die Vergangenheit seines Chief Counsel Ramzi Kassem sowie die Kontroverse um die Formulierung „globalize the intifada“. Mamdani nutzt diesen Ausdruck selbst dem Bericht zufolge nicht, verurteilt aber wiederholt Gewaltaufrufe. Auch Hasan Piker, der öffentlich äußerte, Amerika habe den 11. September „verdient“, wird in diesem Kontext erwähnt; Mamdani habe solche Aussagen ebenfalls klar verurteilt. Auf der anderen Seite halten die Republikaner die Kritik an Mamdani zusammen mit dem Argument fest, seine Teilnahme „beleidige“ sie – insbesondere Rudy Giuliani stellte sich dem entgegen. Bruce Blakeman wiederum verglich die Zeremonie mit einem „wake“ (einer Art Totenwache), was die Emotionalität der Debatte zusätzlich anheizt.

Interessant ist, dass der Streit nicht isoliert bleibt, sondern in das weitere Parteigeschehen hineinragt. Laut den Informationen aus New York wurde Blakeman dafür kritisiert, mit Kandidaten und Personen zusammen aufgetreten zu sein, die sich früher mit Verschwörungstheorien über den 11. September befasst hätten. Demgegenüber reagierten demokratische Politiker, unter anderem mit Bezug auf den Abgeordneten Jerry Nadler, der in einem Statement die „Wahlwerbung“ Blakeman-Gruppe bei 9/11-Verschwörungsthemen als „appalling“ bezeichnete. Darüber hinaus taucht die Behauptung eines „Inside job“ in der aktuellen Debatte auf: Joel Anabilah-Azumah, in 2024 mit genau dieser These in Verbindung gebracht, ist Teil der Gegenargumentation. In diesem Spannungsfeld zeigt sich, wie schnell ein Gedenkort zum politischen Bühne wird – selbst dann, wenn die offiziellen Veranstalter ausdrücklich eine parteifreie Atmosphäre anstreben.

Parallel zu den politischen Fronten spielt ein zweiter Strang in Mamdanis Argumentation eine zentrale Rolle: Dokumente zur Luftqualität nach den Anschlägen. Mamdani veröffentlichte dem Bericht zufolge Tausende Unterlagen zu Manhattan-Berichten aus der Zeit nach dem 11. September und argumentiert, dass Menschen krank geworden seien, weil ihnen die Verantwortlichen offenbar Sicherheit vorgespiegelt hätten, während die Atemluft tatsächlich toxisch war. Damit verschiebt sich die moralische Bewertung von „Wer darf kommen?“ zu einer zweiten, technisch-gesellschaftlichen Frage: Wie zuverlässig waren Informationen in den Stunden und Tagen nach der Katastrophe – und was bedeutet das für Vertrauen, Fürsorge und Verantwortlichkeit? Gerade weil fast 3.000 Menschen starben, darunter die meisten bei der Einstürze der Twin Towers, ist diese Erwartung an Transparenz für viele Betroffene nicht nur politisch, sondern existenziell.

Auch die Position anderer politischer Ebenen zeigt, wie stark die Debatte eskaliert ist. Gov. Kathy Hochul argumentiert, es wäre falsch, Mamdani vom Gedenken fernzuhalten, und verweist auf die Tage nach den Anschlägen, in denen „Hass“ nicht über Stimmen des Zusammenkommens stehen dürfe. Mamdani formuliert den Gegenentwurf ebenfalls klar: Die Gedenkveranstaltungen müssten auf die New Yorker ausgerichtet sein, die am 11. September getötet wurden, auf ihre Familien, Überlebenden und die First Responder – nicht auf Politiker. In der Realität jedoch wirkt der Termin wie ein Belastungstest für die gesellschaftliche Konsensfähigkeit: Wenn bereits Redaktions- und Redepraktiken (ohne politische Statements seit 2012) nicht genügen, wird die Anwesenheit selbst zum Streitobjekt.

Schließlich zeigt die Begleitkommunikation, dass die Debatte längst in die öffentliche Meinung hineinreicht. Eine Umfrage unter Wählerinnen und Wählern in New York City, die laut den Berichten diese Woche veröffentlicht wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass 74% der Befragten finden, Mamdani solle teilnehmen; die gleiche Quote spricht sich auch dafür aus, die Veranstaltung stärker auf Opfer und Überlebende zu fokussieren. Gleichzeitig existiert aber auch Widerstand: Angehörige, deren Liebste bei den Anschlägen starben, starteten demnach im Sommer eine Online-Petition gegen Mamdanis Teilnahme. Organizer Giovanni Galante sagte bei einer Kundgebung auf den Stufen des City Hall sowie bei einem weiteren Protest, Mamdani solle bleiben, weil er „radikale Ansichten“ vertrete. Dass gleichzeitig Behördenvertreter und eine Landesregierung das Gegenteil betonen, macht deutlich: Das Gedenken ist nicht nur ein Datum im Kalender, sondern ein Streitpunkt über Zugehörigkeit und über die Deutung der Ereignisse samt ihrer Folgen.

Für Unternehmen, Institutionen und Medien, die diese Bilder und Aussagen später aufgreifen, ergibt sich daraus eine praktische Lehre: In hochsymbolischen Kontexten entscheidet nicht allein der formale Ablauf, sondern auch die „Interpretierbarkeit“ jedes Teilnehmers. Wer später Inhalte kuratiert, sollte deshalb nicht nur auf Fakten achten, sondern auch auf die Narrative, die durch Anwesenheit, Formulierungen und Abgleich mit früheren Aussagen entstehen. Die kommenden Stunden auf dem Platz werden dementsprechend weniger wie ein bloßer Zeremonientermin wirken, sondern wie ein öffentliches Scharnier zwischen Erinnerungskultur und aktueller politischer Polarisierung. Und genau darin liegt die Brisanz: Der 25. Jahrestag kann gleichzeitig Trauerraum und demokratischer Prüfstein sein – mit einer Debatte, die zeigt, wie schnell das „apolitische“ Gedenken wieder politisiert wird.


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