LONDON (IT BOLTWISE) – ALMA hat auf Beteigeuze unerwartet helle Hotspots in der Sternatmosphäre beobachtet. Die Messungen aus dem Jahr 2023 zeigen mindestens zwei deutlich heißere Regionen, während der hellste Bereich bis zu etwa 800 Kelvin über dem umgebenden Gas liegt. Besonders spannend ist der Vergleich mit Daten von 2015: Der nordöstliche Hotspot sitzt fast an derselben Stelle und wirkt ähnlich intensiv. Das stellt gängige Modelle zur Lebensdauer großer konvektiver Strukturen infrage.

ALMA findet Hotspots auf Beteigeuze – Stabilität seit Jahren als Herausforderung
ALMA findet Hotspots auf Beteigeuze – Stabilität seit Jahren als Herausforderung (Foto: IT BOLTWISE)
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Beteigeuze gilt als einer der eindrucksvollsten roten Überriesen am Himmel – und zugleich als einer der unzuverlässigsten bei der Vorhersagbarkeit seiner eigenen Erscheinung. Ende 2019 und Anfang 2020 wurde der Stern deutlich schwächer, woraufhin in der Öffentlichkeit erneut die Debatte über eine nahende Supernova aufflammte. Bislang ist diese Explosion jedoch ausgeblieben, und die wissenschaftliche Aufmerksamkeit hat sich wieder stärker auf die Frage verlagert, wie sich das Innenleben und die äußere Atmosphäre dieses Sterns tatsächlich über die Zeit verändern. Genau hier setzen die neuen ALMA-Beobachtungen an: Sie liefern ein feineres Bild der Oberflächen- und Atmosphärenstrukturen, die mit klassischen optischen Methoden oft nur indirekt erkennbar sind.

ALMA – das Atacama Large Millimeter/Submillimeter Array in der nordchilenischen Atacama-Wüste – kann Strukturen auflösen, die für viele andere Sterne verborgen bleiben. Der Grund liegt in der Kombination aus Sensitivität und Winkelauflösung im Millimeter- und Submillimeterbereich: Damit lassen sich Prozesse in der Sternatmosphäre sichtbar machen, obwohl die physikalischen Bedingungen weit komplexer sind als eine simple „Oberfläche“. Für Beteigeuze, der rund 600 Lichtjahre entfernt ist und einen Radius von etwa 800 Sonnenradien hat, zeigt ALMA im Datensatz von 2023 eine Atmosphäre mit einer durchschnittlichen Temperatur von etwa 2300 Kelvin. Darüber hinaus werden mindestens zwei heißere Zonen im Nordosten und im Südwesten der Sternscheibe sichtbar. Der hellste Hotspot liegt dabei bis zu etwa 800 Kelvin über dem umgebenden Gas.

Die entscheidende neue Qualität liegt aber nicht nur in der Entdeckung der Hotspots, sondern in ihrer räumlichen und zeitlichen Einordnung. In dem aktuellen Blogbeitrag der ESO wird als Erklärung ein Zusammenhang mit starken konvektiven Bewegungen im Inneren des Sterns diskutiert. Heißes Gas, das aus tieferen Schichten aufsteigt, kann beim Erreichen der äußeren Atmosphärenbereiche Stoßwellen auslösen. Solche Stoßwellen würden dann jene hellen und ungleichmäßigen Merkmale erzeugen, die ALMA beobachtet. Was dabei besonders auffällt: Beim Abgleich der 2023er Messungen mit ähnlichen Daten aus dem Jahr 2015 zeigt sich der markante nordöstliche Hotspot fast an derselben Stelle und mit vergleichbarer Intensität. Das legt nahe, dass die Struktur mindestens seit sieben Jahren existiert – und damit länger, als viele Modelle für die Lebensdauer großer konvektiver Strukturen vorsehen.

Auch die großskalige Dynamik des Sterns wirkt ungewöhnlich. ALMA kann Schwankungen erfassen: Im sichtbaren Radius werden dabei Änderungen von bis zu etwa sechs Prozent gemessen, während schwächere Emissionen sich über mehrere Sternradien in die Atmosphäre hinein erstrecken. Das ist mehr als nur eine statistische Streuung – es deutet auf eine Atmosphäre hin, die nicht vollständig „gekapselt“ ist, sondern in unterschiedlicher Dichte und Temperatur über große Entfernungen vom Sternkern verteilt ist. Damit rückt die Kopplung mehrerer Prozesse in den Fokus: Konvektion als Antrieb im Inneren, Stoßwellen als Mechanismus in der äußeren Atmosphäre und schließlich mögliche Auswirkungen auf Massenverlust. Gerade bei einem Stern wie Beteigeuze ist der Massenverlust entscheidend, weil er die Bedingungen für zukünftige Beobachtungen und die chemische Zusammensetzung des umgebenden Materials mitprägt.

Wie könnte man nun prüfen, ob die Hotspots tatsächlich ortsfest bleiben? Der nächste Schritt wäre, die Beobachtungen stärker zu timen und die Bildrekonstruktion über weitere Epochen zu wiederholen, um Bewegungen oder wiederkehrende Muster nachzuweisen. Die Daten legen nahe, dass die Strukturen nicht nur kurzfristige Ausbrüche sind, sondern eine Art „Stabilitätsfenster“ haben könnten. Entscheidend ist dabei die Frage, ob die Hotspots mit großen konvektiven Zellen zusammenfallen, die langlebiger sind als gedacht, oder ob andere Mechanismen – etwa Wechselwirkungen in der ausgedehnten Atmosphäre – zur Persistenz beitragen. Weitere hochauflösende ALMA-Beobachtungen sollen daher klären, in welchem Zusammenhang die hellen Regionen mit Konvektion, dem Massenverlust und der komplexen Geometrie der Atmosphäre stehen.

Für die Einordnung spielt zudem die „Supernova-Frage“ weiterhin eine emotionale Rolle, auch wenn die aktuellen Beobachtungen vor allem physikalische Grundlagen liefern. ESO-Astronom Bill Dent bringt in dem Beitrag genau diese Faszination zum Ausdruck: Wenn das spätere Schicksal als Supernova eines Tages Realität wird, ist es besonders wertvoll zu verstehen, wie der Stern heute tatsächlich aussieht. Methodisch bedeutet das: Statt nur auf Helligkeitskurven zu schauen, untersucht man mit Radiowellen und Millimetermessungen, welche Temperatur- und Dichtestrukturen den Gesamteindruck prägen. Die Ergebnisse wurden zur Veröffentlichung in Astronomy & Astrophysics angenommen und sind bereits als Preprint auf arXiv verfügbar, was die wissenschaftliche Gemeinschaft zeitnah in die Lage versetzt, die Daten mit eigenen Modellen und Simulationen abzugleichen.

Für die Forschung und den technischen Instrumentenblick steckt in dieser Arbeit auch eine praktische Lehre. ALMA zeigt, dass „Sternoberfläche“ bei Überriesen kein starres Konzept ist, sondern ein dynamisches Zusammenspiel aus inneren Strömungen und äußeren, ausgedehnten Atmosphärenschichten. Wenn Hotspots über Jahre hinweg in ähnlicher Position auftreten, werden Modellierer ihre Parameter zur Konvektion, zur Kopplung an Stoßwellen und zur zeitlichen Kohärenz neu kalibrieren müssen. Gleichzeitig lohnt der Blick auf die Beobachtungsstrategie: Wer zeitlich wiederkehrende Strukturen finden will, braucht nicht nur Auflösung, sondern auch einen mehrjährigen Datensatz. Genau das liefern die Vergleiche zwischen 2015 und 2023 – und sie machen deutlich, dass Beteigeuze uns weiterhin vor Fragen stellt, die bis in die Detailphysik der Sternhülle reichen.


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