KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – RTL hat „KI on Air“ gestartet und erstmals Folgen von „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ mithilfe Künstlicher Intelligenz verändert. Für fünf Tage hintereinander liefen komplett neue Versionen, ohne dass neue Schauspieler vor die Kamera mussten. Die Produktion greift dabei auf bestehende Episoden zurück und entwickelt die Handlung dramaturgisch weiter. RTL betont gleichzeitig, dass es sich zunächst um einen Praxistest handelt.

RTL testet KI-Folgen bei „Das Strafgericht“: Wie entsteht aus alten Fällen neues TV?
RTL testet KI-Folgen bei „Das Strafgericht“: Wie entsteht aus alten Fällen neues TV? (Foto: IT BOLTWISE)
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RTL nutzt „Das Strafgericht“ als Testfeld, um Künstliche Intelligenz in die TV-Produktion einzuziehen – und zwar nicht als Effekt-Tool, sondern als Taktgeber für neue Dramaturgie. Der Sender ließ für fünf aufeinanderfolgende Nachmittage KI-veränderte Folgen über die Bildschirme laufen, zum Auftakt am 7. September. Damit verschiebt sich die Rolle von KI im Vergleich zu typischen Anwendungen in der Postproduktion: Statt nur Aufnahmen zu retuschieren oder Szenen nachträglich anzupassen, entsteht hier aus bereits vorhandenen Geschichten eine neue Version der Handlung. Für Zuschauer ist das vor allem eine Frage von Kontinuität: Gerichtsshows leben davon, dass Rollen, Motive und Urteile in sich stimmig bleiben – und genau diese Konsistenz versucht RTL offenbar durch einen KI-gestützten Prozess zu erreichen.

Technisch betrachtet geht es bei dem RTL-Ansatz um eine Art Generierung von Story-Varianten aus bestehenden Episoden. Laut Sender lieferten vorhandene Inhalte die Grundlage, anschließend wurde die Dramaturgie „mithilfe von KI dramaturgisch weiterentwickelt“. Konkrete Beispiele zeigen, wie stark sich der Outcome einer Szene ändern kann: Wird in der Originalfassung eine freigesprochene Angeklagte gezeigt, kann in der KI-Version daraus eine verurteilte Täterin werden. Ebenso beschreibt RTL, dass aus einem Mutter-Sohn-Gespann ein Geschwisterverhältnis entstehen kann und dass sich sogar ein durch das Gericht erlassenes Urteil verändern lässt. Entscheidend ist dabei weniger die einzelne Wendung als der Workflow: KI muss nicht nur Textvarianten oder Plot-Punkte liefern, sondern diese so in eine Folgenlogik bringen, dass eine juristisch nachvollziehbare Dramaturgie entsteht.

Genau an dieser Stelle betont RTL den kontrollierenden Teil des Produktionsprozesses: „Jede Folge wurde redaktionell verantwortet und juristisch geprüft“. Damit setzt der Sender offensichtlich auf einen zweistufigen Gate-Ansatz, bei dem die KI vor allem Vorschläge erzeugt und Menschen die Plausibilität, Stimmigkeit und rechtliche Darstellung absichern. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn KI die Handlungsrichtung verändert, bleibt die Verantwortung für die Darstellung in der redaktionellen und juristischen Prüfung. Auch der Sprecher ordnet das Experiment ein und beschreibt die aktuell ausgestrahlten Folgen als „ein erster Linie ein Praxistest“ ohne Vorgriff auf ein bereits fest definiertes Produktionsmodell. Das ist relevant, weil viele Unternehmen KI bisher eher punktuell einsetzen; RTL schaut hier offenbar, ob sich ein generativer Schritt überhaupt zuverlässig in bestehende Content-Produktionsketten integrieren lässt.

Im Wettbewerbsumfeld zeigt sich zugleich, wie unterschiedlich Sender mit generativen Methoden umgehen. Während RTL KI-Folgen zumindest temporär im Programm ausspielt, heißt es aus anderen Häusern, dass KI-Produktionen in Eigenformaten dort nicht vorgesehen seien – allerdings setzen sie offenbar KI bereits für Special Effects und Arbeiten in der Postproduktion ein. Das ist ein typischer Kontrast: Postproduktion ist in der Regel leichter zu kontrollieren, weil man weiterhin mit klaren, gedrehten Materialien arbeitet, während der Schritt Richtung vollständig neuer Handlungsfassungen das Risiko von Inkonsistenzen erhöht. Für Formate wie Gerichtsshows bedeutet das außerdem: Die Erwartungen des Publikums sind hoch, weil das Format stark durch Rollenlogik, Abläufe und Entscheidungslogik geprägt ist. KI-Änderungen müssen sich daher weniger „kreativ“ anfühlen, sondern vor allem wie eine plausible Fortentwicklung des Fallkonzepts.

Für den Markt ist „KI on Air“ vor allem ein Signal, dass der nächste Schritt in der Content-Wertschöpfung nicht zwingend beim Drehbuch entsteht, sondern in der Produktionssteuerung zwischen vorhandenen Assets und neuer Story-Varianz. Sobald sich solche KI-gestützten Modifikationen wiederholbar und prüfbar in der Pipeline abbilden lassen, könnten Produktionskosten und -zeiten sinken – nicht durch weniger Personal, sondern durch weniger Neudrehs für bestimmte Varianten. Gleichzeitig steigt der Bedarf an redaktionellen und juristischen Prüfressourcen, weil die KI Änderungen ermöglicht, die inhaltliche Kohärenz und rechtliche Darstellung betreffen. Genau deshalb bleibt RTLs Formulierung zum Praxistest zentral: Erst wenn sich die Kontrollschleifen im Alltag bewähren, wird aus einem Test ein belastbares Produktionsmodell.

Auch gesellschaftlich ist die Entwicklung interessant, weil sie an eine breitere Debatte anschließt: KI soll kreative Prozesse beschleunigen, kann dabei aber Inhalte auf eine Weise vereinheitlichen, die langfristig Vielfalt reduziert. Wenn aus bestehenden Episoden neue Varianten entstehen, könnte sich mittelfristig ein typisches „Drehbuchmuster“ abzeichnen, das sich in vielen Fällen ähnelt. Die konkrete Ausgestaltung hängt jedoch davon ab, wie viel Zufall oder wie viele Regeln in die KI-gestützte Dramaturgie eingehen und wie stark die Redaktion gezielt Gegenakzente setzt. Für Entscheider im Medienbereich ist das Experiment deshalb weniger ein Schlagwort als eine echte Machbarkeitsfrage: Kann Künstliche Intelligenz die Variation erhöhen, ohne die Marken- und Formatlogik zu verwässern? RTL liefert mit dem Zeitraum von fünf ausgestrahlten Folgen zumindest einen ersten Realitätscheck.


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