LONDON (IT BOLTWISE) – US-Investoren schichten derzeit spürbar Geld in XRP um, während Produkte auf Bitcoin und Ethereum zeitweise Mittel verlieren. David Schwartz, ehemaliger CTO von Ripple, sieht die Chance, dass XRP langfristig bei der Marktbewertung an Bitcoin vorbeiziehen könnte. Auslöser der Neubewertung sind unter anderem das Ende des SEC-Verfahrens, der Marktzugang über Spot-ETFs und eine messbar steigende Aktivität auf dem XRP Ledger. Gleichzeitig bleibt die zentrale Frage offen, ob Netzwerk-Expansion dauerhaft in Nachfrage nach dem nativen Token übersetzt.

Die Debatte um XRP wirkt aktuell weniger wie ein reines Kursthema und mehr wie ein Stresstest für das Geschäftsmodell hinter Krypto-Assets. In den Zahlen, die in den vergangenen Monaten in den Vordergrund gerückt sind, steckt ein Signal für institutionelle Allokationen: US-Spot-XRP-ETFs sollen in drei Sitzungen bis zum 10. September insgesamt 18,98 Millionen US-Dollar eingesammelt haben, während bei Bitcoin- und Ethereum-Fonds zusammen 479 Millionen US-Dollar abflossen. Genau in diese Lücke hinein wird auch die These von David Schwartz platziert, der als Ripple Chief Technology Officer Emeritus erklärte, XRP könne perspektivisch Bitcoin nach Marktbewertung überholen, sofern der gesamte digitale-Asset-Markt deutlich weiter wächst.
Technisch betrachtet richtet sich diese Erwartung nicht primär auf einen “höheren Kurs”, sondern auf eine mögliche Rolle des XRP Ledgers als Wert- und Abwicklungsinfrastruktur. Der Investment Case, der dafür angeführt wird, verweist auf vier Faktoren: regulatorische Klarheit, einen leichteren Zugang für institutionelle Investoren, messbare Netzwerkaktivität und eine feste Token-Zahl ohne laufende Inflation. Der Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Frage, wofür das Netzwerk genutzt wird. XRP wird in diesem Narrativ als möglicher Settlement-Kern für Stablecoins, tokenisierte Vermögenswerte und grenzüberschreitende Zahlungen verstanden. Wenn solche Anwendungsfälle skalieren, entsteht Nachfrage nach den dafür nötigen Mechanismen im Netzwerk – und damit auch nach dem nativen Token, zumindest indirekt.
Der regulatorische Faktor hat in der Berichterstattung eine zentrale Gewichtung erhalten, weil er das Risikoprofil verändert, das zuvor viele traditionelle Marktteilnehmer vom direkten Engagement abgehalten haben dürfte. Laut dem Bericht endete der Fall der U.S. Securities and Exchange Commission gegen Ripple im August 2025; damit sei die rechtliche Unsicherheit weggefallen, die XRP seit Dezember 2020 “wie eine Wolke” begleitet habe. Das ist relevant, weil XRP laut Darstellung gerade auf Zielgruppen abzielt, die typischerweise besonders vorsichtig bei ungeklärten Wertpapierfragen agieren: Banken, Asset Manager und Payment-Companies. Auch wenn XRP weiterhin die für große Altcoins typischen Risiken wie Volatilität und Adoptionspfade trägt, verschiebt sich für US-Investoren der Schwerpunkt von “Rechtsrisiko” hin zu “Nutzungs- und Ausführungsrisiko”.
Der zweite Hebel ist der institutionelle Zugang, und hier setzt der ETF-Mechanismus an. In den USA sollen seit November 2025 sieben Spot-XRP-ETFs gestartet sein. Innerhalb des ersten Monats wurden dabei 1,3 Milliarden US-Dollar eingesammelt; zudem werden 55 aufeinanderfolgende Tage mit Nettozuflüssen genannt. Besonders bemerkenswert ist die Persistenz: Die Mittelzuflüsse sollen auch in der ersten Jahreshälfte 2026 positiv geblieben sein, trotz Schwächephasen am breiteren Kryptomarkt. Für viele institutionelle Portfolios ist das ein praktischer Weg, Engagements ohne direkten Wallet- und Verwahrungsaufwand abzubilden. Allerdings bleibt das Bild zweigeteilt: Goldman Sachs soll in der vierten Quartalsperiode 2025 eine XRP-ETF-Position von 153,8 Millionen US-Dollar offengelegt haben, die in der folgenden Quartalsperiode wieder beendet wurde. Das unterstreicht, dass institutionelles Interesse nicht automatisch in “Buy-and-hold” mündet, sondern vom jeweiligen Risikobudget abhängt.
Damit rückt der dritte Faktor in den Fokus: die Aktivität im XRP Ledger. In der Investment-Thesis, auf die verwiesen wird, heißt es, das Netzwerk habe in den vergangenen zwölf Monaten fast 500 Milliarden US-Dollar an On-Chain-Wert bewegt. Zusätzlich werden RLUSD und tokenisierte Vermögenswerte als konkrete Beispiele genannt: Der RLUSD-Stablecoin soll von 72 Millionen US-Dollar auf etwa 1,6 Milliarden US-Dollar gewachsen sein. Tokenisierte Assets auf dem Netzwerk werden mit ungefähr 4 Milliarden US-Dollar beziffert. Außerdem wird das Konzept “Multi-Purpose Tokens” hervorgehoben, mit dem Emittenten Compliance-Regeln direkt in tokenisierte Produkte einbauen können – also weniger “Compliance als Zusatzschicht”, sondern als Bestandteil der Asset-Logik. Wenn diese Bausteine tatsächlich immer häufiger für reale Zahlungs- und Finanzanwendungsfälle genutzt werden, ist das ein nachvollziehbarer Treiber für steigende Netzwerknutzung.
Trotzdem bleibt der vierte Punkt entscheidend, weil er häufig übersehen wird: Ein steigender Durchsatz garantiert nicht automatisch, dass die Token-Preise dauerhaft nachziehen. XRP hat eine maximale Gesamtmenge von 100 Milliarden Tokens; laut Darstellung gibt es keinen laufenden Inflationsplan. Transaktionsgebühren würden einen kleinen Teil von XRP dauerhaft verbrennen, und mehr als 14 Millionen Tokens sollen bereits zerstört worden sein. Doch auch wenn Burn-Mechanismen langfristig die Umlaufmenge beeinflussen können, ist der Preiseffekt an ein zusätzliches Nachfrageproblem gekoppelt: Viele Nutzer können das Netzwerk nutzen, ohne XRP lange zu halten, etwa wenn Stablecoins und tokenisierte Produkte im Vordergrund stehen. Damit entsteht aus Anlegersicht eine Wette auf zwei Ebenen zugleich – erstens, ob das Settlement auf Blockchain-Niveau skaliert, und zweitens, ob diese Skalierung in anhaltende Nachfrage nach dem nativen Token mündet.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus ein praktischer Blick auf Prioritäten. Sobald XRP-ähnliche Settlement-Mechanismen stärker in Richtung “Finanz-Produkt” gedacht werden, verschiebt sich der Wettbewerb von reiner Token-Performance zu Systemfähigkeit: Wie gut lassen sich Assets programmatisch verwalten, welche Integrationsaufwände entstehen für Banken und Zahlungsanbieter, und wie stabil ist die Infrastruktur, wenn die Aktivität wirklich in die Breite geht? Wer in der Region der tokenisierten Vermögenswerte, der Stablecoin-Ökosysteme oder des Brückenbaus arbeitet, sieht hier vor allem eine klare Zielrichtung: Netzwerke, die messbare On-Chain-Nutzung liefern und zugleich einen institutionell verwertbaren Zugang bieten, bekommen mehr Aufmerksamkeit. Ob XRP dabei tatsächlich Bitcoin bei der Marktbewertung überholt, bleibt damit weniger eine Frage von Spekulation über kurzfristige Volatilität und stärker eine Frage nach Produktmarkt-Fit und nachhaltigen Nutzungsdaten.
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