LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie mit 252 Jugendlichen zeigt, dass narzisstische Merkmale kurzfristig die öffentliche Anerkennung in der Peer-Gruppe erhöhen können. Besonders grandiose Selbsteinschätzung korreliert zunächst mit „Popularität“, verschwindet aber später wieder. Angeberei und dominantes Auftreten wirken im Anfangszeitraum stärker als echte Sympathie, die über den Verlauf hinweg kaum mit Narzissmus zusammenhängt. Entscheidend ist damit nicht nur, wie sichtbar jemand auftritt, sondern ob daraus dauerhaft echte Freundschaft entsteht.

Die Trennlinie zwischen „populär sein“ und „gemocht werden“ lässt sich in Jugendgruppen oft schon mit einem Blick auf Sitzpositionen, Gesprächsrunden oder die Wahl von Peers erkennen. Was eine aktuelle Untersuchung zusätzlich liefert, ist eine feinere zeitliche Perspektive: Jugendliche mit narzisstischen Merkmalen steigen nicht automatisch auf der Sympathieskala nach oben. Stattdessen entsteht zunächst häufig ein Status-Boost, der sich aber nicht in stabile soziale Wärme übersetzt. Damit rückt die Frage in den Fokus, ob bestimmte Persönlichkeitsstrategien vor allem am Anfang einer sozialen Hierarchie funktionieren oder langfristig sogar Gegenreaktionen auslösen.
Die Arbeit ordnet Narzissmus in zwei Dimensionen ein: grandiosen und verletzlichen Narzissmus. Grandios bedeutet dabei ein ausgeprägtes Selbstbild mit Anspruchshaltung und dem Drang nach Bewunderung – etwa über dominantes oder aggressiver wirkendes Auftreten. Beim verletzlichen Narzissmus steht dagegen eine stärker wackelige Selbstwertbasis im Vordergrund, die stark von Rückmeldungen der Gruppe abhängt; daraus können erhöhte Empfindlichkeit und defensive Reaktionen entstehen. Aus theoretischer Sicht nutzen Personen mit diesen Ausprägungen offenbar unterschiedliche soziale Strategien: Grandiose Tendenzen werden eher mit offenem Statusstreben in Verbindung gebracht, während verletzliche Merkmale eher verdeckte Versuche auf Zugehörigkeit nahelegen können, manchmal bis hin zu sozialem Rückzug oder kühlerer Interaktion.
Besonders interessant ist das Studiendesign, weil es den Rahmen, in dem sich Status und Sympathie entwickeln, bewusst kontrolliert. Das Team um Christopher Barry von der Washington State University rekrutierte 252 Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren, die an einem 22-wöchigen, strikt strukturierten Wohnprogramm für gefährdete Jugendliche teilnahmen. Die Teilnehmenden lebten zusammen, besuchten gemeinsam den Unterricht und folgten einem quasi-militärischen Tagesablauf mit Uniformen, Linienmärschen und klaren Verhaltensregeln. Diese Umgebung teilt die Gruppe in kleinere Wohneinheiten, innerhalb derer Peer-Nominierungen statistisch standardisiert wurden, um Unterschiede in Gruppengrößen und internen Dynamiken besser vergleichbar zu machen.
Der zeitliche Hebel kam über zwei Erhebungszeitpunkte: Etwa sieben Wochen nach Eintritt wurde das erste Mal gemessen, ausreichend, damit sich erste Eindrücke festsetzen konnten. Die zweite Erhebung fand 15 Wochen später statt, also in der späten Phase nahe dem Ende des Programms. In beiden Fällen füllten die Jugendlichen Fragebögen aus, die ihre Ausprägung von grandiosem bzw. verletzlichem Narzissmus erfassen sollten. Zusätzlich nahmen sie an einer Peer-Nominierungsaufgabe teil: Pro Wohneinheit sollten sie bis zu drei Mitschüler auswählen, die bestimmte Eigenschaften verkörpern, darunter beliebt, gemocht, abgelehnt, selbstsicher, anmaßend/angeberisch oder dominant. So entsteht eine sozial beobachtbare Einordnung – getrennt nach „Popularität“ und „Likeability“.
Die Ergebnisse zeichnen ein zweigeteiltes Bild. Selbstberichteter grandioser Narzissmus hing am ersten Messzeitpunkt mit peer-nominiertem „Popularitätsstatus“ zusammen: Jugendliche, die sich als besonders selbstwichtig einschätzten, wurden zunächst häufiger als Personen mit hohem sozialen Rang wahrgenommen. Diese Verbindung brach jedoch in der zweiten Messung in der späten Programmphase weitgehend weg. Ebenso wichtig: Ein grandioses Profil half nicht dabei, als gemocht zu gelten – weder zu Beginn noch am Ende bestand ein verlässlicher Zusammenhang zwischen Selbstauskunft und „well-liked“ durch die Peers. Verletzlicher Narzissmus zeigte ebenfalls fast keine systematischen Beziehungen zum sozialen Status; einzig eine schwache Verbindung zu „disliked“ trat in den frühen Wochen auf.
Noch klarer wird die Mechanik bei den Verhaltensindikatoren aus den Peer-Nominierungen. Wenn Mitschüler jemanden als besonders selbstsicher oder dominant bewerteten, galt diese Person in der Regel sowohl früh als auch später als populär. Dominantes Auftreten konnte darüber hinaus gelegentlich auch mit „Likeability“ zusammenhängen, was nahelegt, dass in bestimmten Gruppennormen assertives Verhalten durchaus belohnt wird. Angeberei verläuft dagegen anders: Jugendliche, die zu Beginn häufig als „boastful“ nominiert wurden, waren zwar zunächst ebenfalls stärker populär, eine Folgeanalyse zeigte aber, dass frühes Prahlen bis zum Ende des Wohnprogramms in einen messbaren Rückgang der peerberichteten Popularität mündete. In der Praxis heißt das: Dominanz kann kurzfristig Aufmerksamkeit bündeln, aber anmaßendes „Angeben“ scheint sich im Verlauf abzunutzen oder als Belastung wahrgenommen zu werden.
Dass das Setting ein Wohnprogramm mit quasi-militärischer Struktur war, dürfte dabei eine Rolle spielen. Solche Umgebungen erzeugen sehr klare Rollen, hohe Sichtbarkeit und eng getaktete Interaktionen – Bedingungen, unter denen Statussignale schneller wirksam werden, während sich Sympathie langsamer und widersprüchlicher herausbildet. Für eine Übertragung auf „normale“ Schul- oder Community-Kontexte mahnt die Studie selbst zur Vorsicht: Die beobachteten Muster könnten in breiteren Populationen abgeschwächt oder anders verteilt sein. Gleichzeitig liefern die Daten Impulse für Pädagogik und Jugendsozialarbeit: Wer Teenagern beibringen möchte, Selbstbewusstsein zu zeigen, ohne Peers zu entfremden, sollte nicht nur auf „Confidence“ schauen, sondern auch auf die soziale Wirkung von Angeberei im Zeitverlauf.
Als nächste Schritte nennt die Untersuchung, dass zukünftige Forschungen eine breitere Palette beobachtbarer narzisstischer Verhaltensweisen prüfen sollten – etwa Manipulation oder zielgerichtetes Aufmerksamkeitsverhalten – und wie stark diese sich von dominanter Präsentation unterscheiden. Auch methodisch wird eine Erweiterung angeregt: Größere und weniger eingeschränkte Peer-Nominierungen, bei denen nicht nur eine Auswahl an Mitschülern beurteilt wird, könnten präzisere Netzwerke abbilden. Der entsprechende Paper-Titel lautet „How Does Narcissism Relate to Popularity and Likeability in an Adolescent Residential Setting?“ und ist in der Zeitschrift Journal of Social and Personal Relationships veröffentlicht: Journal of Social and Personal Relationships.
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