MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Preis für Superbenzin E10 hat auf ein neues Rekordhoch zugelegt: Am Sonntag kostete ein Liter im bundesweiten Tagesdurchschnitt 2,273 Euro. Diesel stieg ebenfalls und liegt im Schnitt bei 2,404 Euro, nur noch 4,3 Cent von seinem April-Rekord entfernt. Als Treiber nennt der ADAC vor allem den weiter steigenden Ölpreis und den Euro-Dollar-Wechselkurs. Zugleich wächst der Druck auf die Politik – erneut wird über einen Spritpreisdeckel diskutiert, während sich Versorgungssorgen auf dem Gasmarkt ebenfalls durchschlagen.

Wer am Wochenende tanken musste, hat die Dynamik der vergangenen Wochen direkt gespürt: Der ADAC meldet für den bundesweiten Tagesdurchschnitt am Sonntag bei Superbenzin E10 einen Preis von 2,273 Euro pro Liter. Gegenüber Freitag entspricht das einem Plus von 1,7 Cent – und damit einem neuen Rekordhoch. Diesel entwickelte sich noch spürbarer nach oben: Im Tagesschnitt kostete ein Liter 2,404 Euro, ein Zuwachs um 3,5 Cent. Entscheidend ist dabei die Nähe zum bisherigen Hochwert aus dem April; laut ADAC fehlen Diesel nur noch 4,3 Cent bis zu diesem Rekord.
Technisch betrachtet folgen die Zapfpreise in Deutschland zwar grundsätzlich einer Kette aus Rohstoffpreis, Wechselkurs und Verarbeitungs-/Margenkomponenten, kurzfristig wirkt aber vor allem der Rohölmarkt wie ein Schalter. Der ADAC stellt in seiner Einordnung ausdrücklich heraus, dass der weiter steigende Ölpreis und der Euro-Dollar-Wechselkurs das aktuelle Preisniveau nur teilweise erklären. Interessant ist die Vergleichslogik: Ende April habe Brent – die für Europa wichtige Rohölsorte – in etwa ähnlich viel gekostet wie aktuell, E10 lag damals aber bei rund 2,10 Euro je Liter. Genau diese Lücke macht die aktuelle Belastung für Verbraucherinnen und Verbraucher schwer nachvollziehbar, sagt eine Sprecherin des Verkehrsclubs, und fordert mehr Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette – also von der Raffinerie- und Großhandelsebene bis zur Preisbildung an den Tankstellen.
Auch wenn sich die Preise zu einzelnen Tageszeitpunkten unterscheiden, zeigt der Blick auf den Verlauf im Tagesgeschäft vor allem eines: Das Thema ist nicht nur „hoch“, sondern auch „volatil“. Laut ADAC- und Portalbeobachtungen wird Sprit in Südeutschland, besonders in Bayern, aktuell günstiger gehandelt, während Norden und vor allem Ostdeutschland teurer sind. Dazu kommt eine ausgeprägte Schwankung im Tagesverlauf: Nach dem Preissprung am Mittag liegen die Kraftstoffe häufig um mehr als 20 Cent über dem Niveau unmittelbar davor, am Nachmittag fallen sie meist wieder rasch, bis sie gegen späten Vormittag typischerweise ihr Tagestief erreichen. Dazu passt auch ein weiterer Punkt aus der Praxis, den Herbert Rabl vom Tankstellen-Interessenverband betont: An Autobahn-Tankstellen sei der Abstand gegenüber abseits der Autobahnen teils deutlich, und eine ADAC-Untersuchung hatte zuletzt mehr als 30 Cent gemessen.
Der Energiepreisschub kommt dabei nicht aus dem Nichts, sondern wird im Bericht konsequent mit Ereignissen und Risiken in der Region verknüpft. Für die Entwicklung im Ölmarkt nennt der ADAC einen geopolitischen Hintergrund im Nahen Osten. Ein für Montag geplantes Außenministertreffen der Staaten am Persischen Golf im Oman soll Berichten zufolge doch nicht stattgefunden haben. Gleichzeitig mussten die Ölförderungen und Logistik-Risiken neu bewertet werden: Nach Drohnenangriffen soll Saudi-Arabien eine wichtige Pipeline abgeschaltet haben. Solche Faktoren wirken auf die Erwartungen des Marktes, selbst wenn sie kurzfristig nicht automatisch den physischen Auslieferungsplan verändern. Am Ende entscheidet aber genau diese Erwartung über Terminkurven und damit über die Kosten, die die Marktteilnehmer in ihre Preisformeln einpreisen.
In der politischen Debatte verschiebt sich der Fokus von der Frage „Warum ist es so teuer?“ zu „Wie verhindern wir weitere Spitzen?“. Der Tankstellen-Interessenverband warnt bereits vor noch höheren Preisen und verweist auf die mögliche Bandbreite: „Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, dass wir Spritpreise um drei Euro bekommen. Und wir haben sie an den Autobahnen ja schon“, sagte Herbert Rabl. Dabei kritisiert er das Vorgehen der Mineralölkonzerne und betont, dass neben den Autofahrern auch die Tankstellenbetreiber unter dem Preisniveau leiden. Der ADAC sieht dagegen keine Anzeichen dafür, dass Diesel im Tagesdurchschnitt unmittelbar die Marke von drei Euro je Liter erreicht; dafür müsste es auf den internationalen Öl- und Energiemärkten zu einer nochmals deutlich stärkeren Preissteigerung kommen. Gleichzeitig bleibt die Tür für ein anderes Szenario offen: Ein neuer Höchststand bei Diesel sei nicht ausgeschlossen, falls sich die geopolitische Lage weiter verschärft.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee eines Spritpreisdeckels erneut an Sichtbarkeit. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig forderte in einem Interview eine grundlegende Lösung und sagte: „Es geht so nicht mehr weiter mit den Spritpreisen.“ Sie plädierte für eine Deckellösung „nach Luxemburger Vorbild“. Technisch lohnt sich an dieser Stelle ein genauer Blick auf das Instrument: Ein Deckel, der nur den Endpreis begrenzt, trifft zwar spürbar die Kassen der Verbraucher, löst aber nicht automatisch die Marktmechanik an der Rohstoffseite. Genau deshalb argumentiert der ADAC in seiner Einordnung auch mit der Wertschöpfungskette und nennt zusätzlichen Erklärungsbedarf bei Preisen, die trotz ähnlicher Rohölkosten deutlich abweichen. Ohne Transparenz und ohne Klarheit darüber, wie Margen und Weitergabe von Kosten zwischen Raffinerie, Großhandel und Tankstelle verteilt werden, wird der Streit um den „richtigen“ Preis politisch leicht zur Glaubensfrage.
Die Preiswelle bleibt außerdem nicht auf den Kraftstoff beschränkt, sondern springt in andere Energiesegmente über. Heizöl wurde am Montag nach Angaben eines Marktportals um mehr als 30 Cent pro Liter teurer als Ende August. Auch Erdgas gerät unter Druck: Wegen Angebotssorgen durch Lieferausfälle aus Fördergebieten am Persischen Golf soll der europäische Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat den höchsten Stand seit Ende 2022 erreicht haben. Dass Verbraucherpreise dennoch mit Verzögerung reagieren, liegt an Vertragsstrukturen: Bestehende Lieferverträge dämpfen kurzfristige Effekte, bei Neukunden wirken die höheren Konditionen meist schneller. Der Bericht verweist zudem darauf, dass der europäische Gaspreis sich im laufenden Jahr bereits fast verdreifacht hat. Für die nächste Heizperiode stellt das ein strategisches Risiko dar, weil europäische Länder unter Zeitdruck stehen, die niedrigen Füllstände der Gasspeicher wieder aufzufüllen.
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