LONDON (IT BOLTWISE) – Der Start des neuen Altersvorsorgedepots (AVD) löst einen scharfen Preiswettbewerb aus. Deka will für ein Standardprodukt nur 0,1 Prozent pro Jahr des Depotwerts verlangen und damit deutlich unter dem gesetzlichen Kostendeckel von einem Prozent bleiben. Neobroker wie Scalable Capital und Smartbroker drücken ebenfalls auf die Kosten, allerdings mit Bedingungen. Für Anleger wird der Wettbewerb kurzfristig günstiger, während spätere Umschichtungen in teurere Produkte wahrscheinlicher werden.

Der Preiskampf um das neue Altersvorsorgedepot (AVD) zeigt, wie stark der Wettbewerb zwischen Banken, Fondsgesellschaften und Neobrokern ausfällt, sobald ein Produkt regulatorisch „neu“ in den Markt gedrückt wird. Im Zentrum steht das Standarddepot, das ab Jahreswechsel eingerichtet werden kann und die staatlich geförderte private Altersvorsorge nach einem Reformimpuls neu ordnet. Für Anleger bedeutet diese Konstellation vor allem eines: Wo bislang über Jahre hinweg vergleichsweise starre Preisstrukturen galten, konkurrieren nun mehrere Anbieter mit sehr aggressiven Gebührenmodellen um junge und kostenbewusste Kundengruppen.
Besonders weit geht der Sparkassen-Fondsdienstleister Deka: Für ein Standardprodukt soll der Preis bei 0,1 Prozent des Depotwerts pro Jahr liegen. Anders gesagt: Bei 1000 Euro Depotwert wären jährlich nur 1 Euro für Depot- und Zulagenverwaltung sowie Produktkosten fällig. Deka-Vertriebschef Dirk Peters verwies bei der Vorstellung auf die Wettbewerbsfähigkeit des Ansatzes und sagte: „Wir sind sehr günstig und wettbewerbsfähig aufgestellt“. Der Haken ist zugleich klar benannt: Um das Angebot zu nutzen, müssen Anleger Kunde einer Sparkasse sein oder es werden. Damit übt das Sparkassenlager nicht nur Druck auf andere Filial- und Direktbanken aus, sondern auch auf Neobroker, die bislang häufig mit niedrigeren Einstiegskosten punkten.
Der Wettbewerb läuft aber nicht nur über absolute Preisunterbietung, sondern auch über Paketlogiken und Verhaltensbedingungen. Der Neobroker Scalable Capital startete den Preiskampf zunächst mit einem kostenfreien Depot, verknüpfte das aber mit Kosten für die eingesetzten Fonds von bis zu 0,15 Prozent. Smartbroker kündigt ebenfalls ein kostenfreies Depot an und erstattet für drei Jahre die Kosten der enthaltenen ETFs. Wer den Rabatt langfristig sichern will, muss zudem mindestens 15-mal pro Jahr handeln. Solche Regeln verändern für viele Kunden die Alltagspraxis: Nicht nur die Gebührenstruktur, sondern auch die notwendige Aktivität rückt in den Fokus. Ob das am Ende für jeden Sparer wirtschaftlich aufgeht, hängt daher stärker von der tatsächlichen Handelsfrequenz und der konkreten Fondsauswahl ab als von der nackten Schlagzeile „kostenfrei“.
Dass die Branche überhaupt so niedrig kalkuliert, liegt nicht nur am allgemeinen Kampf um Kundenzuwächse, sondern auch an der gesetzlichen Leitplanke für das Standardprodukt: Das bereits in Kraft getretene AVD-Gesetz deckelt die Kosten für das Standarddepot bei einem Prozent. Auf dem Boden dieser Vorgabe entsteht ein klarer Anreiz, die Standardkomponente so günstig wie möglich anzubieten. Gleichzeitig deutet die Marktlogik darauf hin, dass ein günstiger Einstieg später als Türöffner für margenstärkere Folgeprodukte dienen könnte – etwa in Form aktiv verwalteter Fonds oder anderer Anlageklassen, die über das Standarddepot hinausgehen. Damit verschiebt sich die Frage für Privatanleger teilweise von „Wie günstig ist der Start?“ zu „Wie sieht die Strategie nach dem Einstieg aus?“, also welche Produkte im Verlauf tatsächlich empfohlen oder umgesetzt werden.
Auch Union Investment, der Fondsanbieter der genossenschaftlichen Banken, positioniert sich mit Blick auf die Kostengrenze. Der größte Riester-Anbieter will beim Standarddepot „Uni-Vorsorge Basis“ deutlich unter dem gesetzlichen Kostendeckel bleiben. Für andere Player heißt es bislang vor allem: abwarten. Etablierte Direktbanken wie ING, Comdirect und DKB hatten in der Berichterstattung noch keine Konditionen für das neue Produkt genannt. Bei Filialbanken wie Deutsche Bank und Commerzbank gilt Ähnliches. Für den Markt ist das ein wichtiges Signal: Der Preiswettbewerb ist zwar sichtbar angezogen, aber die volle Preistransparenz entsteht offenbar schrittweise, sobald die einzelnen Häuser ihre internen Produkt- und Vertriebsmodelle auf das AVD-Setup abgestimmt haben.
Während das Standardprodukt als Vergleichsanker dient, zeigt sich die eigentliche Differenzierung in den Angeboten, die daneben laufen. Deka plant neben dem Standarddepot aus zwei ETFs auch ein aktiv verwaltetes „Individualprodukt“ aus drei Fonds, das mit Kosten von ein bis 1,5 Prozent angegeben wird. Damit entsteht ein zweigleisiger Ansatz: ultra-günstiger Einstieg über den Standardtarif, flankiert von teureren Varianten für Kunden, die – aus Sicht der Anbieter – stärker von aktiver Selektion oder einer breiteren Produktpalette profitieren sollen. Für Entscheider in Unternehmen und Vertriebspartner stellt sich in der Praxis daher die Frage, wie sich die Kundenkommunikation sauber aufteilt: Welche Erwartungen dürfen bei „billig“ beim Standarddepot entstehen, und wie wird verständlich gemacht, welche Mehrkosten in alternativem Setup tatsächlich für welche Ziele eingesetzt werden?
Unterm Strich spricht viel dafür, dass das AVD-Startfenster 2026 kurzfristig besonders gute Kaufargumente liefert, weil Anbieter Gebührenmodelle bis nahe an die wirtschaftliche Schmerzgrenze drücken. Entscheidend bleibt jedoch, ob Kunden die Konditionen wirklich über die gesamte Nutzungsdauer erfüllen können – etwa bei Rabatt-Regeln mit Handelsfrequenz – und ob sie später innerhalb der Förderungsgemeinschaft oder im Rahmen neuer Empfehlungen in Produkte wechseln, die wieder andere Kostenstrukturen aufweisen. Für Anleger lohnt sich deshalb ein Blick auf die Gesamtkosten über mehrere Jahre, nicht nur auf den initial beworbenen Prozentwert. Der Preiskampf macht das Standarddepot für viele erst attraktiv; die nächsten Schritte werden zeigen, ob aus dem Einstieg tatsächlich ein dauerhaft günstiges Vorsorgemodell wird oder ob der Wettbewerb vor allem den Zugang für spätere, margenstärkere Entscheidungen öffnen soll.
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