MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Reverion aus Eresing westlich von München will mit 150 Millionen Euro Kapital seine Festoxidbrennstoffzellen-Anlage skalieren. Das System wandelt Gas direkt in Strom um und soll wahlweise Methan oder Wasserstoff einsetzen. Laut Unternehmen liegt der elektrische Wirkungsgrad dabei bei bis zu 80 Prozent, während eine Gasturbine weniger als 50 Prozent erreicht. Neben der Stromerzeugung zielt das Konzept auch auf die Umkehrung zur Erzeugung und Speicherung von Kraftstoffen bei Netz-Überangebot.

Strom aus erneuerbaren Energien wird nicht nur dann zum Engpass, wenn die Nachfrage steigt, sondern besonders dann, wenn Wind- und Solargeneration zeitweise aussetzen. Genau an dieser Schnittstelle setzt Reverion an: Das Startup aus Eresing westlich von München beschreibt ein „Gas-to-Power“-System, das Methan oder Wasserstoff direkt in elektrische Energie überführt – und in Zeiten mit viel Überschussstrom perspektivisch auch den umgekehrten Weg einschlägt. Die aktuelle Finanzierung mit 150 Millionen Euro ist damit weniger als reines Skalierungs-Update zu sehen, sondern als Versuch, eine Lücke zwischen kurzfristigen Netzschwankungen und langfristiger Speicherung mit einer einzigen Technologie zu schließen.
Technisch steht hinter dem Ansatz eine Festoxidbrennstoffzelle (Solid Oxide Fuel Cell, SOFC). Im Unterschied zu klassischen Kraftwerken wird das eingesetzte Gas nicht erst in einer Gasturbine verbrannt, um Wärme in Strom umzuwandeln. Stattdessen spaltet das System das Gas direkt auf und nutzt die chemische Energie anschließend zur Stromerzeugung. Reverion nennt für diese Methode einen elektrischen Wirkungsgrad von bis zu 80 Prozent; als Vergleich führt das Unternehmen an, dass eine Gasturbine weniger als 50 Prozent erreicht. Für die Praxis ist dieser Unterschied entscheidend, weil sich bei gleicher Energiequelle deutlich weniger Brennstoff in Verlusten „verflüchtigt“ – und damit sowohl Betriebskosten als auch die erforderliche Brennstofflogistik beeinflusst werden können.
Die industrielle Dimension wird im nächsten Schritt konkret geplant: Mit dem neuen Kapital soll eine Fertigungsanlage entstehen, bei der jährlich Festoxidbrennstoffzellen mit einer Gesamtleistung von 250 Megawatt aufgebaut werden können – rechnerisch vergleichbar mit einem großen Gaskraftwerk. Das System selbst beschreibt Reverion als kompakt: Es hat nach Angaben eine Größe im Bereich eines Schiffscontainers und ist für den Betrieb mit Methan/Erdgas oder Wasserstoff ausgelegt. Solche Container-ähnlichen Einheiten sind für Energieunternehmen vor allem dann interessant, wenn der Standortwechsel nicht nur theoretisch möglich sein soll, sondern in der Projektplanung eine Rolle spielt – etwa zur Ergänzung bestehender Infrastruktur in der Nähe von Biogas-Erzeugern oder Netzpunkten mit flexibel schwankender Einspeisung.
Für den Betrieb nennt Reverion einen zweiten, ebenso zentralen Einsatzfall: das „Power-to-Gas-and-back“-Prinzip. Laut Darstellung kann das System bei besonders günstigen Strompreisen Methan oder Wasserstoff erzeugen und speichern. In der Nähe von Biogasanlagen, wo bereits Speichermöglichkeiten vorhanden sind, sollen solche Anlagen bereits laufen; genannt werden sieben Stück mit je 500 Kilowatt Leistung. Damit verbindet das Konzept zwei Welten: die biogenen, heute bereits verfügbare Brennstoffbasis und die Netzdynamik, die durch den Ausbau erneuerbarer Energien zunimmt. Wenn Wind- und Solarstrom zeitweise knapp werden, könnte Biogas gezielt eingesetzt werden; bei einem Überschuss – im Sprachgebrauch „Hellbrise“ – soll dagegen die Erzeugung und Speicherung betrieben werden, um spätere Schwachlastphasen zu überbrücken.
Die nächste Ausbaustufe ist ebenfalls quantifiziert. Reverion plant, die jährliche Produktion von derzeit kleineren Stückzahlen auf 500 Einheiten hochzufahren. Entsprechend soll sich die Belegschaft nach Unternehmensangaben von 200 auf 800 Mitarbeitende erhöhen. In der Logik dieses Skalierungspfads geht es nicht nur um mehr Produktion, sondern auch um die Fähigkeit, die Fertigung wiederholbar und in gleichbleibender Qualität zu betreiben – ein Punkt, der bei komplexen Hochtemperaturkomponenten wie SOFCs typischerweise über Lieferketten, Materialchargen und Prüfprozesse entschieden wird. Parallel ordnet das Startup das Vorhaben in die Flexibilisierung des deutschen Stromnetzes ein und nennt Biogasanlagen mit durchschnittlich 4 Gigawatt als relevanten Baustein für die Grundlast.
Auch wirtschaftlich betrachtet ist die Finanzierung ein Signal: Beteiligt sind unter anderem die KfW, die Allianz und der Klimafonds Kembara. Der Mix aus Förder- und Industrie-/Finanzakteuren deutet darauf hin, dass das Projekt sowohl technologisch als auch in Bezug auf Systemnutzen und Investitionshorizonte eingeordnet wird. Dass das Container-System zudem als nominierter Beitrag für den Deutschen Zukunftspreis geführt wird, unterstreicht den Anspruch, nicht nur eine Pilotidee zu bleiben, sondern eine Energie- und Speicherlösung mit industrieller Anschlussfähigkeit zu liefern. Für den Markt bedeutet das: Wer Flexibilität künftig nicht nur über Batteriespeicher, sondern auch über „Gas als Energiespeicher“ abbilden will, bekommt mit SOFC-basierten Modulen einen potenziellen neuen Baustein – vorausgesetzt, die Skalierung von der Fertigungskapazität zur verlässlichen Feldverfügbarkeit gelingt.
Darüber hinaus verschiebt sich damit die Diskussion über „Dunkelflaute“: Statt ausschließlich auf die Frage zu schauen, wie viel Residuallast überbrückt wird, rückt stärker in den Fokus, wie effizient und schnell bestehende und neu geschaffene Flexibilitätsketten arbeiten. Reverions Ansatz zielt darauf, den Kreislauf aus Erzeugung, Speicherung und Rückverstromung in einem technischen System zu bündeln. Wenn sich die genannten Wirkungsgrade und Produktionspläne in der Breite bestätigen, könnte das insbesondere für Betreiber von Biogas- und Netzinfrastruktur interessant werden, die ihre Anlagen schrittweise in Richtung steuerbarer Stromerzeugung weiterentwickeln.
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