SHIBUYA / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup „A Vinyl Bar in Shibuya“ baut kleine Musik-Apps, die Nutzer mit Sounds und Vocals experimentieren lassen. Die Gründer setzen dabei nicht auf KI als Alleskönner: Prompt-basierte Funktionen kamen erst nachträglich in einzelne Produkte. Zusätzlich plant das Team einen „musical sandbox mixer“ und arbeitet an einer Multiplayer-Version, um Remixe gemeinsam zu erstellen. Im Hintergrund steht die Erfahrung des Gründers Mǎuhan M Zonoozy, der zuvor bei Spotify Innovation leitete und das Projekt Bubbl mitaufbaute.

Startup „A Vinyl Bar“ aus Shibuya: Musik-Apps statt KI-Generierung
Startup „A Vinyl Bar“ aus Shibuya: Musik-Apps statt KI-Generierung (Foto: IT BOLTWISE)
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In Shibuya entsteht gerade ein Produktansatz, der wie ein Rückgriff auf die „Bastel“-Kultur wirkt, aber technisch klar in der Gegenwart verankert ist: „A Vinyl Bar in Shibuya“ veröffentlicht eine Serie kleiner Apps, die Musik nicht primär als fertiges Ergebnis ausgeben, sondern als interaktiven Baukasten. Während in der breiten KI-Debatte aktuell häufig das Generieren von Songs im Mittelpunkt steht, setzt das Startup auf das Experimentieren mit Soundelementen, Tempo und Effekten. Dadurch verschiebt sich der Schwerpunkt vom reinen Konsum hin zu einer Art musikalischem „Tool-Use“ – ähnlich wie viele Nutzer heute mit Filtern oder Game-Mechaniken an Kultur herangehen.

Das Team greift dabei auf einen klaren Product-Split zurück: Wie „Singles“ funktionieren die einzelnen Experimente, die zusammen zu einem erkennbaren Album-Gefühl werden. Speed Surfer läuft als Chrome-Extension im Browser und verändert während des Abspielens sowohl die Geschwindigkeit als auch Filter, ohne dass Nutzer die Musik erst in eine separate Bearbeitungsumgebung importieren müssen. Usersound macht es noch direkter: Aus einem „Audio“-Benutzernamen wird ein musikalisches Muster, bei dem jeder Buchstabe eine Note repräsentiert. In Stacks werden „Stems“ zu einem Raster verdrahtet, in dem Nutzer durch das Ein- und Ausschalten einzelner Bars Mixes bauen. Drops setzt auf ein physisch angehauchtes Mapping, bei dem das Platzieren von Plaketten eine Abfolge fallender Kugeln beeinflusst und daraus musikalische Noten entstehen. Sampler wiederum übersetzt YouTube-Videos in Sampler-Auszüge, indem unterschiedliche Teile des Songs als Beatsgetriebene Bausteine dienen.

Mit „bop“ geht das Startup von der experimentellen Web-/Extension-Welt stärker in Richtung Social Publishing. Die iOS-App erlaubt es, Instrumente und Effekte in einem Grid zu platzieren und damit verschiedene Mixes auf Basis eines Grundsongs zu erstellen. Dazu kommen Regler für das Tempo sowie einmalige Effekte, die eher wie „Performance-Momente“ funktionieren als wie dauerhaft angewendete Bearbeitung. Besonders relevant für die Verbreitung ist die Export-Funktion: Nutzer können ihre Mixes direkt für TikTok oder Instagram ausspielen. Damit entsteht ein konkreter Loop zwischen Kreation und Distribution, der die Hürde senkt, eigene Klangideen überhaupt sichtbar zu machen. Parallel arbeitet das Unternehmen an einer Multiplayer-Variante, in der mehrere Personen gemeinsam an Remixen arbeiten können – ein Schritt, der den Charakter der Apps von Solo-Spielzeug zu kollaborativen Musik-Werkzeugen verschieben würde.

Finanziell unterstreicht das Team den Aufbau dieser Tool-Landschaft mit einer frühen Seed-Phase: Laut Berichten wurde eine Vor-Seed-Runde über 5,5 Mio. US-Dollar eingeworben. An der Runde sind mehrere Venture-Player beteiligt, darunter unter anderem Mantis VC und SV Angel sowie weitere Investoren. Als technischer und strategischer Anker gilt dabei Mǎuhan M Zonoozy, der als ehemaliger Head of Innovation bei Spotify ausgestiegen ist; er verließ Spotify laut Angaben im Jahr 2024. Sein Werdegang verbindet wiederum Medienproduktion und Interaktion: Bereits zuvor gründete er das Video-Clipping- und Remix-Startup Bubbl, das von Cricket Media übernommen wurde. Diese Mischung aus Produktionslogik und kreativer Interaktion passt zu dem, was „A Vinyl Bar in Shibuya“ in Form von kleinen Experimenten ausliefert.

Bemerkenswert ist zudem die Haltung zur Rolle von KI in den Produkten. Zonoozy betont, dass das Startup nicht jede Funktion „mit KI“ anreichern will, obwohl KI für bestimmte Teile sinnvoll sein kann. In seinem Statement stellt er die Generierung von Musik nicht als alleinige Zukunftsform in den Vordergrund, sondern argumentiert, dass steigende KI-Verfügbarkeit paradoxerweise den Wert von Geschmack, menschlicher Perspektive und Interaktion erhöhen kann. Gleichzeitig macht er klar, dass das Team KI eher für Infrastruktur und gezielte Produktbausteine einsetzt – etwa dort, wo robuste Systemkomponenten wichtig sind. Praktisch bedeutet das: Prompt-basierte Funktionen sind erst relativ kürzlich in einzelne Apps integriert worden; die Geschichte wurde außerdem angepasst, weil im Testzeitraum zuvor noch keine promptgestützten Features vorhanden waren.

Für die Markt- und Technologieperspektive ist dieser Ansatz interessant, weil er ein anderes Risiko adressiert als rein generation-lastige Musiktools. Wenn KI Inhalte beliebig oft produzieren kann, steigen Anforderungen an Kontext, Kuratierung und Wiedererkennbarkeit – und damit an Schnittstellen, die Kreativität in Bahnen lenken, statt nur Ergebnisse auszuspucken. „A Vinyl Bar in Shibuya“ plant genau in diese Richtung weiter: Noch in diesem Jahr soll ein „musical sandbox mixer“ erscheinen, der Nutzer noch stärker in die Rolle des Instrumente-Erfinders bringt, inklusive der Fähigkeit, eigene Instrumente zu erstellen. Technisch liegt die Stärke hier weniger in einem einzelnen Modell als in der Kombination aus Interaktionsdesign, Medien-Engineering und Export-Workflows. Gleichzeitig eröffnet die Multiplayer-Richtung eine zweite Ebene: Statt nur „Projekte“ zu speichern, wird Remix als gemeinsamer Prozess gedacht.

Für Unternehmen und Entwickler steckt in dem Ansatz eine klare Lehre: Der schnellste Weg zu echter Nutzung führt oft über wenige, sehr konkrete Interaktionsmechaniken. Eine Browser-Extension, ein Stem-Raster oder ein Grid in iOS sind „kleine“ Oberflächen, aber sie reduzieren die Einstiegskosten massiv. Dazu kommt der geplante Ausbau zu einem Sandbox-Mixer und die soziale Komponente über Remixe mit anderen. Wenn das Startup den Spagat zwischen kreativer Freiheit und technischer Stabilität schafft, könnte es ein Beispiel dafür liefern, wie KI-gestützte Features in der Kreativ-Software eher als Beschleuniger für Interaktion fungieren – nicht als Ersatz für Geschmack und aktive Beteiligung.


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