LONDON (IT BOLTWISE) – Auf der Internationalen Raumstation standen diese Woche sowohl Fertigungs- als auch Gesundheitsversuche im Fokus. Eine Besatzung arbeitete am MIYOKA-Experiment für bleifreies Löten und überprüfte dabei die Strom- und Anschlussqualität von Elektronik in der Mikrogravitation. Parallel dazu liefen Hörtests in der Quest-Airlock, um mögliche Veränderungen durch die Einsatzumgebung zu erfassen. Ergänzt wurde das Programm durch VR-gestützte Gleichgewichtsversuche und die Erprobung eines Lower-Body-Negative-Pressure-Anzugs für den Flüssigkeitsausgleich nach Langzeitflügen.

ISS-Woche: Bleifreies Löten, Hörtests und VR-Experimente für Mikrogravitation
ISS-Woche: Bleifreies Löten, Hörtests und VR-Experimente für Mikrogravitation (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf der Internationalen Raumstation (ISS) hat die Expedition 75 ihren Wochenstart mit einem technisch klar umrissenen Mix aus Produktion im All und Human-Research gestaltet: Im Laborbetrieb ging es nicht nur um klassische Wartung, sondern auch um die Frage, ob und wie sich bestimmte Fertigungsschritte künftig direkt im Orbit durchführen lassen. Besonders sichtbar wurde das am MIYOKA-Versuch in der Harmony-Modulumgebung, wo die Besatzung bleifreies Löten unter Bedingungen der Mikrogravitation praktisch erprobt. Die Logik dahinter ist pragmatisch: Wenn Reparaturen und Nacharbeiten an Elektronik nicht mehr zwingend eine komplexe Rück- und Nachlieferkette benötigen, könnten teure Versorgungsflüge deutlich seltener werden.

Der MIYOKA-Testzyklus begann mit Arbeiten am Wartungsbereich im Harmony-Modul und der Vorbereitung von Sicherheitsmaßnahmen, um mögliche Dämpfe einzudämmen und Risiken für die Hardware auszuschließen. Danach installierte Anil Menon die internen Komponenten des Experiments, testete anschließend die Stromverbindungen und löste erst dann die eigentlichen Lötarbeiten aus: Er brachte Bauteile auf einer Leiterplatte zusammen, um zu demonstrieren, wie Elektronik in Schwerelosigkeit montiert und im Bedarfsfall repariert werden kann. Im Anschluss sollen die „space-soldered“ Muster zur Auswertung zur Erde zurückkehren und mit identischen Proben aus dem bodengebundenen Lötablauf verglichen werden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Machbarkeit im Orbit, sondern die Qualitätssignatur der Verbindung: Erst ein belastbarer Vergleich zeigt, ob sich Ergebnisse aus dem Laborumfeld eins zu eins auf den Einsatz im Weltraum übertragen lassen.

Während im Fertigungsbereich an einer potenziell zukunftsrelevanten Reparaturfähigkeit gearbeitet wurde, zielten weitere Stationstage auf Gesundheit und Funktionsanpassung ab. Im Quest-Bereich nutzten Roscosmos-Flugingenieure Pyotr Dubrov und Anna Kikina Computertests, um das Gehör zu überprüfen und mögliche Änderungen in der Betriebsumgebung der ISS früh zu erkennen. Parallel dazu startete ESA-Flugingenieurin Sophie Adenot ihren Schichtblock im Columbus-Modul mit dem Aufbau eines Kubik-Inkubators sowie einer Zentrifuge für die Fernsteuerung durch Forschende am Boden. Adenots Arbeit umfasste zudem das Nachfüllen von Human-Research-Facility-Versorgungskits in Columbus, darunter Blutröhrchen, Kanülen, Tücher und weitere Verbrauchsmaterialien. Zum Abschluss stand noch das Training am neuen European Enhanced Exploration Exercise Device (E4D), das die Wirksamkeit für spätere Langzeitmissionen evaluieren soll.

Auch die Kommandostruktur des Laborbetriebs blieb nicht hinter den Experimenten zurück: Jessica Meir und Jack Hathaway konzentrierten sich hauptsächlich auf Labhardware und Systeme der Lebenserhaltung. Meir tauschte modular angelegte Payload-Container, sogenannte „Lockers“, innerhalb eines EXPRESS-Racks, das mehrere Untersuchungen auf der Station beherbergt und unterstützt. Anschließend prüfte sie Stau- und Lagerbereiche in Harmony, um Platz für die kommende Ankunft der NASA-SpaceX-Crew-13-Mission vorzubereiten. Hathaway wiederum entfernte Container aus Pflanzenexperimenten im Kibo-Labor und installierte biologische Inkubatoren auf dem Saibo-Rack. Zum Tagesende sammelte er Flüssigkeitsproben aus dem internen Thermalkontrollsystem im US-Segment ein; diese Proben sollen zur Analyse zurück zur Erde, um unter anderem auf korrosive Chemikalien und mikrobielles Wachstum zu prüfen. Diese Kombination aus Materialprüfung, Flüssigkeitsmonitoring und logistischen Vorbereitungen zeigt, wie eng Wartung, Hygiene- und Betriebsdaten im ISS-Alltag verzahnt sind.

Ergänzt wurde der Tagesplan durch Experimente, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Mikrogravitation systematisch untersuchen. Dubrov und Kikina wechselten sich beim Virtual-Experiment ab: Dafür trugen sie VR-Brillen und reagierten auf computergestützte Reize, um zu testen, wie sich das Gefühl für Gleichgewicht und Richtung in der Schwerelosigkeit verändert. Später half Kikina zudem Andrey Fedyaev von Roscosmos bei dessen Test des Lower-Body-Negative-Pressure-Anzugs, der die im All typischen Flüssigkeitsverschiebungen vom Kopf in Richtung der Beine rückgängig machen soll. Wenn sich dieses Konzept in der Praxis bewährt, könnte es die Anpassung an die Erdgravitation nach Langzeitmissionen erleichtern. Parallel dazu aktivierte Fedyaev automatisierte Geräte für die Bildaufnahme der Erde, mit denen Motive wie Gebirge, Seen und Wüstenregionen in Afrika erfasst werden.

Für die Praxis auf der Station ist der Nutzen mehrschichtig: Fertigungsversuche wie MIYOKA adressieren direkt das Thema In-Orbit-Reparaturfähigkeit; Human-Tests wie die Hörmessungen und das VR-Balance-Experiment liefern dagegen Datenpunkte, die sich später in medizinische Einsatzkonzepte übertragen lassen. Dass die Besatzung diese Bausteine nicht isoliert, sondern als zusammenhängenden Tagesbetrieb organisiert hat, spiegelt den operativen Realismus der ISS: Elektronik, Lebenserhaltung, medizinische Protokolle und Sensorik müssen in einem engen Zeitfenster parallel laufen. In Summe entsteht so ein Arbeitsmuster, das sowohl der unmittelbaren Stabilität der Station dient als auch Entscheidungen für künftige Missionen vorbereitet, bei denen weniger Nachschub und bessere Anpassungsmechanismen zunehmend wichtiger werden.


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