BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Steigen Öl- und Gaspreise weiter, kann das die Inflation in Deutschland spürbar nach oben ziehen. Die Brüsseler Denkfabrik New Economics Foundation (NEF) nennt als Beispiel eine Teuerungszunahme von bis zu 0,22 Prozentpunkten bei einem Anstieg der Energiepreise um jeweils 10 Prozent. Für Europa modellieren die Forschenden bei einem Sprung um 50 Prozent sogar einen Inflationsschub von bis zu 1,8 Prozentpunkten im Folgejahr. Gleichzeitig argumentiert die Studie, dass hohe EZB-Zinsen grüne Investitionen verteuern und damit die Widerstandsfähigkeit gegen solche Schocks begrenzen.

Die Europäische Inflationslandschaft hängt laut einer neuen Modellstudie deutlich stärker an fossilen Preisimpulsen als viele Inflationsberichte vermuten lassen. Wenn sich Öl- und Gaspreise weiter nach oben bewegen, wirkt das nicht nur in den Energieabrechnungen, sondern verschiebt auch die gemessene Teuerungsrate. Für Deutschland rechnen die Forschenden vor: Steigt der Preis für Öl und Gas jeweils um 10 Prozent, könnte die Gesamtinflation hier um bis zu 0,22 Prozentpunkte zulegen. Damit wird aus einer Energiebewegung ein makroökonomischer Effekt, der besonders in Phasen ohnehin angespannter Preisniveaus schnell sichtbar werden dürfte.
Auf europäischer Ebene wird der Mechanismus noch klarer, weil die Studie nicht bei linearen Annahmen stehen bleibt. In ihren Simulationen modellierten die Autorinnen und Autoren einen Anstieg der Öl- und Gaspreise um 50 Prozent. Ihre Berechnungen zufolge könnte ein solcher Schock die ohnehin vorhandene Inflation in Europa im folgenden Jahr um bis zu 1,8 Prozentpunkte erhöhen. Zentral ist dabei die Aussage, dass Preissteigerungen bei fossilen Brennstoffen in fast allen Ländern Europas als größtes Inflationsrisiko gelten. Das ist ökonomisch plausibel, weil Energie sowohl direkt (Transport, Heizen, Produktion) als auch indirekt über Kostenketten in viele Güterpreise hineinwirkt.
Die Studie ordnet diese Abhängigkeit zugleich historisch ein. Maike Schmidt von der NEF bringt den Zusammenhang auf den Punkt und verweist auf die vergangenen Jahrzehnte als Muster: „Der Preis fossiler Brennstoffe war in den vergangenen 50 Jahren der Auslöser für die meisten großen Phasen hoher Inflation in Europa – vom OPEC-Embargo in den 1970er-Jahren über den Einmarsch Russlands in die Ukraine bis hin zu den Angriffen der USA und Israels auf den Iran.“ Bemerkenswert ist dabei nicht nur der Rückblick, sondern die daraus abgeleitete Konsequenz: Wer die Volatilität von Öl und Gas als Preistreiber dauerhaft reduzieren will, muss laut Studie die Abhängigkeit von diesen Märkten verringern. Der Ausbau heimischer Wind- und Solarenergie wird deshalb nicht als reine Klimapolitik beschrieben, sondern als Bestandteil einer Inflationsstrategie, die den Kontinent weniger schockanfällig macht.
Technisch betrachtet steht hinter dieser Argumentation eine robuste Verschränkung aus Energieerzeugung, Netzkapazität und Investitionsumfeld. Der Ausbau erneuerbarer Energien senkt perspektivisch die Menge an Brennstoffkosten, die bei internationalen Preisbewegungen sofort in die Volkswirtschaft durchschlägt. Gleichzeitig braucht es dafür Kapital, um Anlagen zu bauen, Netze zu verstärken und Speicher sowie Systemdienstleistungen zu integrieren. Genau hier setzt die Kritik an der Geldpolitik an: Die Studie macht geltend, dass die von der Europäischen Zentralbank (EZB) festgelegten vergleichsweise hohen Zinssätze den Aufbau einer Infrastruktur für erneuerbare Energien besonders teuer machen. In der Logik der Forschenden kann das dazu führen, dass die Reaktionsgeschwindigkeit auf fossile Preisschocks abnimmt, weil sich Projekte finanziell weniger attraktiv oder kurzfristig schwerer darstellbar machen.
Aus diesem Grund formulieren die Autorinnen und Autoren einen konkreten Vorschlag für die Ausgestaltung der geldpolitischen Rahmenbedingungen: Sie empfehlen, dass die EZB einen separaten, niedrigeren Zinssatz für grüne Investitionen wie Wind- und Solarenergie festlegt. Die Idee dahinter ist, dass der Leitzins zwar grundsätzlich zur Inflationssteuerung erhöht oder beibehalten werden kann, die Kreditaufnahme für Projekte zur Dekarbonisierung aber nicht gleichzeitig stark verteuert wird. So könnte die EZB ihren geldpolitischen Kurs mit Blick auf die Gesamtwirtschaft verfolgen, ohne die ökonomische Tragfähigkeit grüner Investitionen zu beschädigen. Der vorgeschlagene Mechanismus zielt damit weniger auf eine pauschale Förderung, sondern auf eine gezielte Entkopplung von Finanzierungskosten für unterschiedliche Verwendungszwecke.
Für Unternehmen und Projektentwickler wäre das bei der Umsetzung vor allem bei der Planbarkeit relevant. Investitionen in erneuerbare Energien sind typischerweise kapitalintensiv und erstrecken sich über längere Zeiträume, während die Finanzierungsbedingungen sich in der Zwischenzeit ändern können. Wenn ein Finanzierungsmodell stark vom allgemeinen Zinsniveau abhängt, können Verzögerungen bei Genehmigungen oder Lieferkettenlücken schnell die Wirtschaftlichkeit drücken. Eine gezieltere Zinssenkung für grüne Vorhaben könnte daher helfen, Projekt-Risiken zu reduzieren und Baupläne stabiler zu machen, gerade wenn gleichzeitig fossile Energiepreise als unruhiger externer Faktor die Gesamtkosten beeinflussen. Gleichzeitig bleibt die Kernbotschaft der Studie: Wer Inflation wirksam begrenzen will, muss Energieversorgungspolitik und makroökonomische Stabilität enger zusammendenken.
Wirtschaftlich ergibt sich daraus ein doppelter Handlungsdruck. Einerseits zeigt die Modellierung, dass Energiepreis-Schocks die Teuerung in Europa im Folgejahr deutlich verstärken können. Andererseits verschiebt sich der Fokus weg von kurzfristigen Beruhigungsmaßnahmen hin zu strukturellen Hebeln, die die Abhängigkeit von volatilen fossilen Märkten reduzieren. Ob und wie eine differenzierte Zinssteuerung implementiert werden kann, hängt letztlich von der EZB-Architektur und den geldpolitischen Zielen ab. Für die Praxis bleibt jedoch die Richtung klar: Der beschleunigte Ausbau erneuerbarer Kapazitäten wird in der Studie als Inflationsdämpfer begründet, weil er die Quelle künftiger Preisübertragungen reduziert.
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