LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse zur US-Ungleichheit verschiebt den Blick von Wall-Street-Billionären hin zu rund 3 Millionen „Everywhere Millionaires“. Entscheidend ist die Datenbrücke zwischen Individual- und Unternehmensbesteuerung, weil viele Vermögen über Personengesellschaften und andere Pass-Through-Strukturen laufen. Das Modell erklärt auch, warum diese Gruppe laut den Forschern politisch überproportional präsent ist. Gleichzeitig zeigt die Debatte eine zweite Seite: Der gleiche Steuer- und Arbeitsmarktumbau begünstigt „disposable“ Beschäftigung und drückt W-2-Anstellungen.

„Everywhere Millionaire“: Wer in den USA wirklich reich ist – und warum
„Everywhere Millionaire“: Wer in den USA wirklich reich ist – und warum (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte über Vermögen in den USA ist seit der Zeit von „1% gegen 99%“ nicht nur emotional aufgeladen, sie ist auch methodisch verkürzt. Denn lange war unklar, wer jenseits der gut sichtbaren Superreichen tatsächlich das große Geld besitzt – und vor allem, wie dieses Geld entsteht. Die Einordnung „reich“ greift jedoch zu kurz, wenn man zwar Börsenindizes beobachtet, aber die Einkommensquellen von Unternehmen betrachtet, die nicht öffentlich an der Wall Street gehandelt werden. Genau hier setzt die Untersuchung an: Sie knüpft die Vermögensfrage an eine praktische Datenfrage, weil die Steuerdaten der USA historisch in getrennten Systemen lagen – getrennt nach privaten Steuererklärungen und nach Unternehmensmeldungen. Erst als diese Lücke geschlossen wurde, ließ sich sichtbar machen, welche Eigentümer real profitieren.

Im Kern geht es um die Verknüpfung steuerlicher Datensätze, die akademische Forschung lange nicht durchgängig verbinden konnte. Die Autoren beschreiben, dass der frühere Engpass darin bestand, dass das US-Steuersystem zwar Informationen sammelt, aber die Zusammenführung zwischen „Profiten, die in Firmen entstehen“ und „Personen, die diese Firmen besitzen“ ohne spezielle Aufbereitung schwierig bleibt. Dafür wurden im Ergebnis nicht nur Tabellen erstellt, sondern die Logik zweier Datenwelten aufeinandergelegt. Das Resultat verändert die Landkarte der Vermögensverteilung: Bei einer Zuordnung von Profiten aus Pass-Through-Gesellschaften an Personen, die im obersten Teil der Einkommens- bzw. Vermögensskala liegen, tauchen nicht primär die bekannten Tech- oder Finanznamen auf. Stattdessen stehen viele „überall“-reiche Eigentümer im Vordergrund: Automobilhändler, Fachleute aus dem Gesundheitsbereich und Unternehmer aus mittelgroßen Regionen, deren wirtschaftliche Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung untergeht.

Aus dieser Beobachtung leiten die Autoren das Konzept des „Everywhere Millionaire“ ab. Gemeint ist eine Person mit mindestens 5 Millionen US-Dollar Nettovermögen, die ein einzelnes eng gehaltenes, operativ tätiges Unternehmen besitzt und daraus den Großteil des Einkommens zieht. In ihrer Datensicht finden sie etwa 3 Millionen solcher Fälle in den USA. Auffällig ist dabei nicht nur die Zahl, sondern die regionale und branchenspezifische Streuung: Die Vermögen sitzen nach dieser Logik nicht primär in Manhattan oder Palo Alto, sondern konzentrieren sich in Metropolregionen, die selten die Schlagzeilenlandschaft dominieren. Damit wird aus einer scheinbar klaren Erzählung („die Reichen sind die, die man sieht“) eine viel diffusere Realität. Für jeden Namen auf bekannten Forbes-Listen, so die in der Untersuchung zitierte Rechnung, existieren Tausende private Business Owner, die jeweils bereits ab etwa 10 Millionen US-Dollar Nettovermögen liegen – und die zugleich oft weder in Medienbildern noch in politischen Kampagnen sichtbar werden.

Die politischste Konsequenz kommt allerdings nicht aus der sozialen Schicht selbst, sondern aus dem Mechanismus, der Vermögen in Einkommens- und Steuerlogiken übersetzt. Die Autoren argumentieren, dass Pass-Through-Business Owner in Vertretungsgremien überproportional vertreten seien. In ihren Schätzungen machen sie ungefähr ein Viertel der Bundesabgeordneten aus und rund 40% der Legislativen auf Bundesstaatsebene, während ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich darunter liegt. Das ist keine Aussage über „Absicht“, sondern über strukturelle Nähe: Wer steuerliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen mitgestaltet, bringt typischerweise Erfahrungen aus dem eigenen Unternehmensmodell in die Debatte ein. An einem Beispiel aus dem jüngsten Steuerpaket wird das konkret: Clean-Energy-Vehicle-Credits sollen ausgelaufen sein, während eine pass-through-spezifische Abzugsregel aus 2017 dauerhaft bleiben konnte. Die Lesart der Autoren lautet: Dieses Design kommt Auto-dealern zugute, also genau den Unternehmensprofilen, die in ihrer Datenwelt häufig vorkommen und in politischen Ausschüssen sichtbar sind.

Technisch lässt sich diese Verschiebung an einer historischen Weichenstellung festmachen: dem Tax Reform Act von 1986. Vor dieser Reform dominierten C-Corporations fast die gesamte Unternehmensbesteuerung; danach wuchs der Anteil von Pass-Through-Modellen stark an. Der entscheidende Punkt ist die doppelte Steuerlogik, die bei klassischen Unternehmensstrukturen häufig entsteht: erst auf Firmenebene, danach nochmals auf Ebene der Dividenden bzw. Ausschüttungen. Pass-Through-Strukturen verlagern Gewinne stärker auf die individuelle Steuerrückkehr der Eigentümer. Wenn Profite also „durchgereicht“ werden, verändert das nicht nur die Buchhaltung, sondern auch die Art, wie reich bestimmte Gruppen werden – und wie gut sich diese Vermögen in Daten und Wahrnehmungen wiederfinden lassen. Die Untersuchung beschreibt zudem, dass die datenbasierte Sicht auf Eigentümer erst Jahre später systematisch rekonstruiert werden konnte. Gleichzeitig verbindet sie die Vermögensstory mit einer Arbeitsmarktstory: Ein Steuerumfeld, das Arbeitgebern und Beschäftigten je nach Vertragsform unterschiedliche Lasten und Anreize gibt, kann W-2-Anstellungen unattraktiver machen. So entsteht ein Umfeld, in dem mehr Arbeit über freie Mitarbeit, Kontrakte und andere „marginale“ Beschäftigungsformen organisiert wird.

Damit wird die zweite These greifbar: Das „Everywhere Millionaire“-Narrativ ist nicht nur eine Geschichte über mehrsichtbare Eigentümer, sondern auch über den Preis, den bestimmte Beschäftigungsmodelle zahlen. In einer ergänzenden Perspektive wird auf eine Studie von Paul Osterman verwiesen, die in einer Befragungs- und Interviewarbeit mit mehr als 6.000 Erwachsenen und fast 100 Interviews arbeitet. Ostermans Ergebnis: Ein erheblicher Anteil der US-Arbeitskräfte wird in eine Kategorie eingeordnet, die als „disposable“ beschrieben wird – darunter Freelancer, Contractor und Gig Worker sowie „marginal workers“, also W-2 Beschäftigte, bei denen implizit klar ist, dass sie nur kurzfristig im Unternehmen bleiben. Die Autoren verknüpfen diese Dynamik mit dem politischen Klima seit den frühen 1980er Jahren und betonen, dass sie nicht ausschließlich auf Steuerdetails zurückführen wollen. Dennoch wird argumentiert: Nach 1986 liegt eine stärkere Last für Lohn- und Gehaltsbeschäftigte in bestimmten Konstellationen auf der Arbeitgeberseite, wodurch Aktivität aus dem „salaried worker bucket“ in andere Kategorien abwandert. Das wiederum macht die politische Debatte um Ungleichheit technischer als sie im Alltag wirkt – denn sie entscheidet sich an Vertragsformen, Steuerparametern und daran, welche Beschäftigtenrisiken sich im System verschieben.

Für Unternehmen und Entscheider in Deutschland und Europa liegt die Relevanz vor allem in der Erkenntnis, wie schnell sich Erzählungen über Wohlstand in Datenfragen auflösen können. Wer Ungleichheit nur als „Börse minus Gehalt“ versteht, übersieht Vermögensbildungsmodelle, die über nicht börsennotierte Eigentumsstrukturen laufen. Ebenso zeigt die „move slow, make things“-Perspektive der Fallbeispiele: Wohlstand entsteht oft über langes Betreiben einer operativen Plattform – vom Hotdog-Stand bis zum Restaurantverbund – weniger über spekulative Sprints. Gleichzeitig führt das gleiche Setup zu Kultur- und Arbeitsmarktfolgen, die sich in der Praxis als Risiko verschieben lassen: Wenn Beschäftigung stärker segmentiert wird, steigen für viele Menschen Planungsunsicherheit und Übergangskosten. Die Studie endet nicht in Fatalismus, sondern in einem Gegenbild zum „American Dream“-Mythos der Tech-Eliten: Der Traum existiert demnach weiter, aber er wird von „überall“ gespeist – und genau deshalb braucht die Gesellschaft eine präzisere Debatte darüber, welche Eigentums- und Beschäftigungsformen den Staat und die Märkte tatsächlich prägen.


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