LONDON (IT BOLTWISE) – NCSC, FBI und AIVD warnen gemeinsam vor iranisch verknüpfter Spyware namens CHOSEN BRICK. Die Schadsoftware zielt gezielt auf Regimekritiker, Aktivisten und Journalisten und wird offenbar über Messaging-Dienste wie WhatsApp und Telegram initiiert. Nach Angaben der Behörden setzen die Angreifer zudem auf Spear-Phishing, um präparierte Dateien zur Ausführung zu bringen. Im Infektionsfall kann die Malware laut den Warnungen umfassend auf Windows-Systeme zugreifen und Spionagefunktionen dauerhaft ausführen.

Eine koordinierte Warnung der britischen Cyber-Security-Behörde NCSC, der US-Bundespolizei FBI sowie des niederländischen Geheimdienstes AIVD stellt aktuell eine besonders zielgerichtete Form von Spyware in den Mittelpunkt: CHOSEN BRICK. In der Mitteilung heißt es, dass dem Iran nahestehende Akteure damit offenbar Regimekritiker, Aktivisten und Journalisten ins Visier nehmen. Besonders relevant ist dabei, dass der Einstieg nicht über „klassische“ Massenkampagnen erfolgt, sondern über Kontaktaufnahme im Alltag: Die Behörden beschreiben, dass die Angreifer potenzielle Opfer über Messaging-Dienste wie WhatsApp und Telegram adressieren.
Technisch lässt sich aus der Beschreibung vor allem ein mehrstufiges Angriffsschema ableiten, das stark auf Social Engineering und präzise Datenmanipulation setzt. Laut den Erkenntnissen der beteiligten Behörden versuchen die Täter, Zielpersonen mittels Spear-Phishing dazu zu bewegen, vorbereitete Dateien zu öffnen. Gelingt die Ausführung, übernimmt CHOSEN BRICK die Kontrolle über das betroffene Gerät. Damit folgt die Kampagne einem Muster, das in der Incident-Response-Praxis seit Jahren dominiert: Statt nur kurzzeitig Zugang zu erlangen, wird die Kontrolle so etabliert, dass die späteren Spionagehandlungen nicht mehr vom initialen Kontakt abhängig sind.
Im Zentrum der operativen Risiken steht dabei die Auslegung auf Windows-Systeme. Die Warnung betont, dass die Schadsoftware nach einem Neustart weiterhin auf dem Rechner verbleibt – ein Hinweis auf persistente Mechanismen wie Start-Trigger oder das gezielte Zurücksetzen der Komponente bei Systemereignissen. Sobald CHOSEN BRICK installiert ist, kann das Programm laut den Behörden eine ganze Reihe sensibler Informationen abgreifen: Dazu zählen Kontakte, E-Mails sowie Chatnachrichten und Kontodaten aus sozialen Medien. Zusätzlich nennt die Mitteilung Funktionen, die besonders schwer zu erkennen sind, etwa Bildschirmfotos und die Möglichkeit, Sicherheitseinstellungen zu manipulieren. Auch ein Zugriff auf das Mikrofon wird beschrieben, wodurch Angreifer die Umgebung akustisch überwachen können.
Die Behörden ordnen die Kampagne in einen größeren politischen Kontext ein, bei dem digitale Überwachung als Werkzeug gegen Opposition eingesetzt wird. Das FBI beschreibt den Einsatz des Schadprogramms nach eigenen Angaben dem iranischen Ministerium für Geheimdienste und Sicherheit (MOIS) und ordnet die Operationen mutmaßlich dem Ziel an, vertrauliche Informationen zu stehlen und Betroffene gezielt in der Öffentlichkeit zu diskreditieren. Das NCSC bewertet die Lage ähnlich und hält es für sehr wahrscheinlich, dass der Iran Cyberaktivitäten einsetzt, um Andersdenkende und Regimekritiker zu unterdrücken. Auch der NCSC-Direktor Paul Chichester wird in der Warnlage mit einer Einschätzung zitiert, wonach Teheran digitale Überwachungsmethoden rücksichtslos gegen Dissidenten einsetze; nach NCSC-Angaben seien zudem bereits erbeutete Daten auf pro-iranischen Internetseiten veröffentlicht worden.
Für Organisationen und Sicherheitsverantwortliche ist außerdem die Einordnung als Aktualisierung früherer Hinweise relevant. Die gemeinsame Mitteilung soll Berichten zufolge eine Fortschreibung eines NCSC-Hinweises aus dem März 2026 darstellen, der sich mit der Gruppierung „Handala Hack“ befasst hatte. Der AIVD teilt laut der Veröffentlichung mit, dass betroffene Personen über die Bedrohung informiert worden seien; zugleich bleibt aber die Gesamtzahl der weltweit oder regional Kompromittierten derzeit unbekannt. Gerade diese Mischung aus „klarem technischen Muster“ und „unklarer Reichweite“ ist in der Praxis entscheidend: Sie spricht dafür, dass es vermutlich wiederkehrende Angriffszyklen gibt, deren tatsächliche Opferzahl nur schrittweise sichtbar wird, sobald Telemetrie, Meldeketten und Forensik-Ergebnisse zusammenlaufen.
Schließlich zeigt die Meldung, wie stark die digitale Infrastruktur politischer Kommunikation inzwischen zur Angriffsfläche wird. In den nachfolgenden Kontextangaben wird auf Maßnahmen des iranischen Apparats verwiesen, die Kontrolle über Exilanten verstärken sollen: Am 14. September 2026 starteten iranische Stellen das Onlineportal „Aladsch“, das laut offizieller Darstellung dem Schutz der nationalen Sicherheit dienen soll, indem Bürger im Ausland lebende mutmaßliche Regimekritiker vertraulich melden können – auch über Social-Media-Kanäle. Laut Angaben auf der Portalseite seien bereits 600 Personen gemeldet worden; zudem werden einzelne Identitäten von Exiliranern veröffentlicht. Für die IT-Sicherheitsstrategie ergibt sich daraus ein doppelter Impuls: Neben technischen Abwehrmaßnahmen gegen Spyware sind auch Prozesse zur Aufklärung über Social-Engineering-Routen und zur Absicherung sensibler Konten notwendig, weil Angriffe wie CHOSEN BRICK typischerweise genau dort ansetzen, wo Kommunikation im Alltag stattfindet.
Für den praktischen Betrieb bleibt die Kernaussage der Warnung damit klar: CHOSEN BRICK ist keine „einmalige“ Malware, sondern Teil eines gezielten Überwachungs- und Einflussarsenals, der über Messaging-Kontakt, präparierte Dateien und anschließend dauerhafte Kontrolle über Windows-Systeme funktioniert. Unternehmen mit Journalistinnen und Journalisten-nahem Umfeld, mit bekannten Aktivistennetzwerken oder mit Mitarbeitenden, die häufig über Messenger erreichbar sind, sollten entsprechende Indikatoren in ihre Detection-Workflows übernehmen und in Incident-Runbooks konkretisieren. Auch wenn die Meldung keinen exakten Katalog an Indicators of Compromise liefert, geben die beschriebenen Funktionsblöcke – Persistenz nach Neustart, Datenabgriff, Screenshots, Mikrofonzugriff und Manipulation von Sicherheitseinstellungen – eine belastbare Grundlage, um verdächtige Muster in Endpunkten, die Berechtigungs- und Medienzugriffe sowie ungewöhnliche Dateiöffnungen entlang der Kontaktstrecken systematisch zu prüfen.
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