BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie des BVDW und des Mannheimer Forschungsinstituts ISTARI.AI beziffert die Bruttowertschöpfung der Digitalwirtschaft in Deutschland auf 481,5 Milliarden Euro pro Jahr. Das entspricht einem Anteil von 11,91 % an der gesamten Wirtschaftsleistung und liegt damit deutlich über der Leitbranche Automobilbau. In der Methodik bewerten die Forscher Webpräsenz und Geschäftsaktivitäten von rund 1,4 Millionen Unternehmen, um die tatsächliche Tätigkeit statt veralteter Branchencodes zu treffen. Der Bericht betont zudem die Dominanz des Mittelstands und nennt eine Beschäftigungswirkung von rund neun Millionen Jobs.

Die deutsche Wirtschaft wirkt auf den ersten Blick wie eine klassische Industrie-Nation: Stahl, Autos, Zulieferer. Rechnet man jedoch die digitalen Wertschöpfungsketten konsequent mit ein, verschiebt sich das Bild deutlich. Laut einer Untersuchung des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) und des Mannheimer Forschungsinstituts ISTARI.AI erwirtschaftet die Digitalwirtschaft in Deutschland eine jährliche Bruttowertschöpfung von 481,5 Milliarden Euro. Das entspricht 11,91 % der gesamten Wirtschaftsleistung. Damit ist der digitale Sektor volkswirtschaftlich nicht nur „irgendwie“ relevant, sondern liegt bei dieser Betrachtung klar vor Branchen, die hierzulande lange den Ton angegeben haben.
Besonders auffällig ist der Vergleich zur Automobilindustrie: Die Untersuchung stellt der digitalen Kernwirtschaft die Leitbranche Automobilbau gegenüber. Deren Anteil an der Bruttowertschöpfung wird mit typischen Werten von rund 4,5 bis 5 Prozent beziffert. Für die digitale Seite bedeutet das in Summe eine mehr als doppelt so große Bedeutung. Noch deutlicher wird die Divergenz, sobald auch Unternehmen berücksichtigt werden, die aus klassischen Branchen stammen, aber sich bereits tiefgreifend digital transformiert haben. Dann steigt die digital geprägte Wertschöpfung sogar auf über 1,01 Billionen Euro an. Damit umfasst sie mehr als ein Viertel der gesamten Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik.
Wichtig ist dabei, wie diese Zahlen zustande kommen. Die Forscher analysierten die Webpräsenz und Geschäftsaktivitäten von rund 1,4 Millionen Unternehmen und ordneten sie unabhängig von oft veralteten Branchencodes nach ihrer tatsächlichen Tätigkeit ein. Aus dieser Neu-Zuordnung entsteht ein klareres Bild dafür, welche Betriebe heute digitale Produkte oder digital getriebene Geschäftsmodelle prägen. Im Ergebnis zählt die Untersuchung rund 229.000 Unternehmen zur Digitalwirtschaft. Davon entfallen 63.000 Betriebe auf rein digitale Produkte wie Software oder Plattformen; diese erwirtschaften rund 192 Milliarden Euro. Weitere 166.000 Unternehmen steuern mit digital getriebenen Geschäftsmodellen, etwa im reinen Online-Handel, knapp 289 Milliarden Euro bei. Rechnet man zudem die 124.000 digitalisierten Betriebe aus klassischen Branchen dazu, betreibt fast jedes vierte Unternehmen in Deutschland digitale Wertschöpfung.
Damit rückt auch die Struktur des Sektors in den Fokus: Der Bericht widerspricht dem verbreiteten Eindruck, Digitalwirtschaft bestehe vor allem aus wenigen großen, marktbeherrschenden Playern. Rund 95 % der erfassten Firmen seien kleine und mittlere Unternehmen, heißt es in der Studie. Gleichzeitig nennt der Bericht erhebliche Beschäftigungswirkungen: Der digitale Kern und digital getriebene Geschäftsmodelle sichern rund neun Millionen Arbeitsplätze; unter Einbezug der transformierten Branchen seien es sogar mehr als 15 Millionen. Für Entscheider ist das eine wichtige Botschaft, weil sie die Standortdebatte über reine „Technologie-Enthusiasten“ hinaus erweitert: Digitalisierung wirkt demnach wie eine flächige Produktivitäts- und Wertschöpfungsbasis, nicht wie ein isoliertes Nischenfeld.
Vor diesem Hintergrund fordert BVDW-Präsident Dirk Freytag eine politische Neuausrichtung. Digitalpolitik müsse als Wirtschaftspolitik verstanden werden, weil digitale Wertschöpfung die Grundlage für künftige Wettbewerbsfähigkeit bilde. Konkreter lautet der Ansatz: Deutschland brauche bessere Rahmenbedingungen für Datennutzung, Skalierung und Investitionen, um das Potenzial des Sektors auszuschöpfen. Genau hier treffen die volkswirtschaftlichen Kennzahlen auf die betriebliche Praxis: Wenn Unternehmen ihre Daten leichter nutzen, schneller skalieren und kontinuierlich investieren können, wird die digitale Wertschöpfung vom Projektstatus in den Regelbetrieb überführt. Das ist auch für Branchen relevant, die nicht als „Tech-Unternehmen“ etikettiert werden, aber durch digitale Prozesse wie Plattformzugang, Automatisierung oder datengetriebene Logik in den Alltag eingezogen sind.
Für die weitere Einordnung ist außerdem die Methodik selbst eine Art stiller Hinweis auf die Marktrealität. Branchencodes sind in vielen Statistiken nützlich, aber sie spiegeln häufig nicht sofort wider, wenn Geschäftsmodelle schneller wechseln als die Klassifikationen. Indem die Studie auf Webpräsenz und Geschäftsaktivitäten setzt, nähert sie sich stärker dem tatsächlichen Leistungsprofil an. Gleichzeitig macht diese Vorgehensweise deutlich, warum die Ergebnisse auch politisch anschlussfähig sind: Sie schafft eine Brücke zwischen der Frage „Wer macht digital?“ und der Frage „Wo entsteht Wertschöpfung?“. Für die Wirtschafts- und Industriepolitik bedeutet das, dass Förder- und Investitionsprogramme stärker entlang von Wertschöpfungsketten statt entlang historischer Branchengrenzen diskutiert werden sollten.
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