LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bericht von Anthropic beschreibt, wie ein iranisch verknüpfter Akteur KI genutzt haben soll, um öffentlich verfügbare Informationen zu bündeln und daraus Ziel- und Beobachtungs-Empfehlungen abzuleiten. Dabei soll das Modell „Claude“ eingesetzt worden sein, um US-nahe maritime Bewegungen aus Daten wie Satellitenbildern und Tracking-Informationen besser einzuordnen. Das Vorgehen wurde als Bedrohung eingestuft, der Account gesperrt und die gewonnenen Hinweise an die US-Regierung weitergegeben. Für die nationale Sicherheit wird damit vor allem eine Entwicklung sichtbar: KI senkt die Hürde, auch auf Basis offener Quellen präziser zu agieren.

Die Sicherheitslage im Zusammenspiel von Künstlicher Intelligenz und Open-Source-Intelligence (OSINT) rückt in einen neuen Fokus. Laut einem Bericht von Anthropic habe ein iranisch verknüpfter Bedrohungsakteur in einer Phase des Konflikts zwischen den USA und dem Iran KI genutzt, um Informationen zu sammeln, US-nahe Positionen zu identifizieren und daraus Empfehlungen für das weitere Vorgehen abzuleiten. Die eigentliche Brisanz liegt dabei weniger in der Existenz von OSINT an sich, sondern in der Geschwindigkeit, mit der KI-Modelle aus großen, heterogenen Datenmengen verwertbare Schlussfolgerungen formen können.
Im Kern geht es um eine moderne Form der Zielaufklärung: Der Akteur soll mit Hilfe von „Claude“ offene Quellen strukturiert ausgewertet und so eine umfassendere Perspektive auf US-maritimen Bewegungen erzeugt haben. Genannt werden unter anderem Satellitenbilder, Daten zur Schiffs- und Flugzeugverfolgung sowie Bildunterschriften öffentlicher Militärfotografien. Aus solchen Bausteinen entsteht häufig erst mühsam ein konsistentes Lagebild; durch KI lässt sich dieser Schritt laut Anthropic beschleunigen, weil das Modell Inhalte zusammenführt, Kategorien bildet und Ableitungen in Richtung „Was ist wahrscheinlich und was bedeutet das?“ übersetzt.
Anthropic beschreibt zudem, dass der Einsatz von KI nicht auf die Analyse beschränkt blieb. Der Bericht legt nahe, dass die Auswertung in konkrete Empfehlungen für Ziel- und Angriffsszenarien überführt werden konnte. In den zusätzlichen Einschätzungen aus der Sicherheitsforschung wird der Schritt von „Daten beobachten“ zu „Handlungen verfeinern“ besonders betont. Nikita Shah, Senior Fellow im Programm „Intelligence, National Security, and Technology“ beim Center for Strategic and International Studies, sagte: „They’re using it to enhance the way they already operate and the tactics or the techniques that they’re already used to doing“. Auch Sam Bresnick vom Center for Security and Emerging Technology der Georgetown University ordnet die Entwicklung so ein, dass es für Gegner leichter werde, das Handeln des US-Militärs nachzuvollziehen: „The new threat is just that it is now easier than ever for adversaries to be able to understand what the U.S. military is doing“.
Damit verschiebt sich auch das Verhältnis zwischen Aufklärung und Tarnung. Bresnick argumentiert, dass es für die Streitkräfte bislang vergleichsweise einfacher gewesen sei, Aktivitäten zu verschleiern oder zu verschleiern. Wenn jedoch KI-Modelle die Auswertung offener Indikatoren beschleunigen, sinkt die Zeit, in der sich ein Lagebild „hinter Nebel“ verbirgt. Der Bericht nennt darüber hinaus weitere mögliche Einsatzfelder: KI könne helfen, Zielbereiche für Raketen und Drohnen zu verfeinern, die Sichtbarkeit im Gefechtsfeld zu erhöhen und zudem für Überwachungsaufgaben genutzt werden. Entscheidend ist dabei die Kombination aus Modellkompetenz und Datenzugang, nicht nur die reine Rechenleistung.
Die technische Komponente bekommt eine zweite Ebene, weil die Hürde für den Zugang zu leistungsfähigen Modellen offenbar sinkt. Laut dem Bericht ist der Zugriff auf „Claude“ zwar in Iran blockiert; dennoch könnten Gegner laut Bresnick leicht alternative Zugänge schaffen, etwa über VPNs und ausländische Telefonnummern. Damit wird ein praktisches Muster sichtbar: Selbst wenn ein Dienst in einem Land gesperrt wird, kann sich die Nutzung über Umgehungswege verlagern. Zugleich verweist der Kontext auf die bereits länger bekannte Rolle von KI in unterschiedlichen militärischen Anwendungsszenarien, etwa wenn Modelle die Verarbeitung und Skalierung von Kommunikations- oder Cyber-Aktivitäten unterstützen.
Auch der Einflussbereich wird als Gegenwartsthema beschrieben. Laut Anthropic habe es drei dem iranischen Staat nahestehende Konten gegeben, die „Claude“ für Kampagnen zur öffentlichen Meinungsbildung eingesetzt haben. Genannt wird, dass „Iranian institutions produce propaganda as both a religious and strategic duty“ – also nach Angaben des Berichts Propaganda als Teil von religiöser und strategischer Pflicht betrachtet werde. In einer Kampagne sollen außerdem falsche Zuschreibungen an bekannte Forschungseinrichtungen wie Brookings und RAND genutzt worden sein, um der Kommunikation zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Solche Inhalte seien über Plattformen wie X, TikTok und Instagram verbreitet worden; das Vorgehen umfasse dabei das Managen digitaler Operationen, Übersetzungen und das so strukturierte Posten, dass Beiträge wie aus unabhängigen Nachrichtenquellen wirken.
Für die US-Verteidigungsplanung folgt daraus eine doppelte Herausforderung: Einerseits brauchen Systeme robuste Verfahren, um „KI-gestützte Aufklärung“ früh zu erkennen und zu entkoppeln. Andererseits müssen Gegenmaßnahmen berücksichtigen, dass auch weniger ausgefeilte Akteure durch KI schneller lernen, welche Signale sie beobachten und wie sie daraus Handlungsoptionen ableiten. Bresnick führt aus, dass immer dann mit mehr Gegenmaßnahmen zu rechnen sei, wenn auch weniger spezialisierte Gegner verstehen können, was betrieben wird. Als ein im Kontext diskutierter Ansatz nennt der Bericht die Idee, KI-„Personas“ zu schaffen, die reale Lebensmuster imitieren und zugleich „digital exhaust“ verschleiern könnten, um Tracking und Überwachung durch Gegner zu erschweren.
Für Unternehmen in der Technologiebranche ist das Thema mehr als ein geopolitischer Randfall. Shah weist in ihrer Einordnung darauf hin, dass nationale Sicherheitsakteure schon seit Längerem damit rechnen, dass Gegner Modelle nutzen, um Operationen zu verfeinern, zu skalieren und zu verstärken. Gleichzeitig zeigt der Bericht laut ihr ein strukturelles Problem: Tech-Unternehmen betreten einen Bereich, in dem sie nicht nur Produktrisiken betrachten müssen, sondern auch die Wirkung ihrer KI-Modelle im adversarialen Threat Landscape. Genau hier treffen sich MLOps, Sicherheitsteams und politische Entscheidungsträger: Nicht jede Schutzmaßnahme kann allein im Modell stattfinden; oft müssen Prozesse, Zugangskontrollen, Monitoring und schnellere Reaktionsketten zusammenwirken. Der Bericht macht damit deutlich, dass der Weg von „Modellkompetenz“ zu „operativer Wirkung“ zunehmend kürzer wird.
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