SCHWERIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern starten mit TENNO ein länderübergreifendes Telemedizin-Netzwerk. Die Länder wollen eine verbindliche digitale Anbindung aller Kliniken vorbereiten, um Fachkompetenz ortsunabhängig verfügbar zu machen. Als praktische Schritte stehen Televisiten und Telekonsile im Fokus, ergänzt um Notfallversorgung sowie spezialisierte Kinder- und Jugendmedizin. Der praktische Aufbau der Infrastruktur soll Anfang 2027 beginnen.

Die Absichtserklärung zu TENNO wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Regionalprojekt. Bei genauerem Hinsehen adressieren Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern jedoch ein strukturelles Problem der Versorgung: Fachwissen ist in Deutschland zwar vorhanden, aber nicht immer dort verfügbar, wo es in akuten Situationen gebraucht wird. Genau an dieser Schnittstelle setzt das Telemedizin-Netzwerk an, indem es die medizinische Fachkompetenz der Kliniken im Norden digital koppelt. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von einzelnen Insellösungen hin zu einem länderübergreifenden Betriebsmodell, das auch im Kontext der Krankenhausreform anschlussfähig bleiben soll.
Technisch geplant ist vor allem eine verbindliche Anbindung aller Kliniken beider Bundesländer an das digitale System. Im Kern bedeutet das: Ein Krankenhaus bringt nicht nur eine „App“ mit, sondern muss seine Televisite-Prozesse, Schnittstellen und Betriebsabläufe so ausrichten, dass Fachkonsile zuverlässig und wiederholbar stattfinden können. Die Vereinbarung nennt dafür den Aufbau über Televisiten und Telekonsile, bei denen Experten digital zu Beratungen hinzugezogen werden können. Ergänzt wird das Paket durch Prioritäten für die Notfallversorgung sowie die spezialisierte Kinder- und Jugendmedizin – also Bereiche, in denen der Fachkräftemangel besonders spürbar ist und in denen „mal eben“ keine dauerhafte Schichtbesetzung durch selten verfügbare Spezialprofile ersetzt werden kann.
Organisatorisch sind mehrere Rollen vorgesehen, damit das Modell nicht nur auf dem Papier funktioniert. An der Kooperation beteiligen sich neben den Gesundheitsministerinnen aus Schwerin und Kiel auch führende Krankenhausvertreter der beiden Länder. Zu den tragenden Partnern gehören die Universitätsmedizin Rostock und das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH). Diese Kombination ist wichtig, weil Telemedizin in der Praxis nicht bei der Videoübertragung endet: Die Inhalte müssen klinisch abgestimmt, die Einbindung in Dokumentation und Behandlungspfade geklärt und die Verantwortung zwischen beratender und behandelnder Einheit sauber geregelt werden. Gerade Universitätskliniken spielen hier typischerweise die Rolle von Wissens- und Prozessankern.
Der Zeitplan ist klar genug, um schon jetzt Investitions- und Umstellungsentscheidungen auszulösen. Der praktische Aufbau der Infrastruktur soll Anfang 2027 starten, während die weiteren Anwendungen im Verlauf des Jahres 2027 in Betrieb gehen sollen. Entscheidend ist zudem die Formulierung, dass Kliniken, die ihre Schnittstellen, Televisite-Prozesse und Fördermittel-Anträge jetzt vorbereiten, zum Start handlungsfähig statt reaktiv sein sollen. Für IT- und Medizin-Organisationsteams heißt das: Es reicht nicht, Termine „irgendwie“ per Videokonferenz zu koordinieren. Stattdessen müssen technische Voraussetzungen zeitlich vor der Pflichtanbindung geschaffen werden, damit Televisiten und Telekonsile ab dem Projektstart in den Alltag integrierbar sind.
Finanziert wird das Vorhaben über den Krankenhaustransformationsfonds. Damit wird die Umsetzung explizit mit dem größeren deutschen Modernisierungspfad verbunden, der den Umbau von Strukturen, Abläufen und Technik in Kliniken unterstützen soll. Für Entscheidungsträger ist das mehr als eine reine Budgetfrage: Fonds-Mittel schaffen oft Planungssicherheit für die initialen Modernisierungen an der technischen Anbindung und für die Etablierung länderübergreifender Schnittstellen. Gleichzeitig dürfte die Förderlogik auch den Druck erhöhen, dass TENNO nicht nur im Pilotstadium „läuft“, sondern als wiederholbares Muster für weitere Fachbereiche nutzbar wird.
Aus Marktsicht ist TENNO besonders interessant, weil Telemedizin in Deutschland schon lange existiert, aber häufig an Fragmentierung scheitert: Einheitliche Prozesse, Interoperabilität und ein durchgängiger Regelbetrieb waren in der Vergangenheit oft schwerer zu erreichen als die eigentliche Übertragung von Daten. TENNO versucht hier, die Lücke zwischen Konzept und Betrieb zu schließen, indem die verbindliche Anbindung aller Kliniken als Zielbild formuliert wird. Der Fokus auf Notfallversorgung und Kinder- und Jugendmedizin zeigt zudem, dass das Netzwerk nicht nur für planbare Spezialsprechstunden gedacht ist, sondern vor allem für Situationen, in denen Zeit und Verfügbarkeit über Behandlungsergebnisse mitentscheiden können.
Für Kliniken und IT-Abteilungen im Norden bedeutet das jetzt vor allem eines: Priorisieren, standardisieren, vorbereiten. Wer die nächsten Schritte früh gestaltet, kann Schnittstellen, Prozessketten und Beratungsworkflows so aufsetzen, dass Televisite und Telekonsil nicht als zusätzlicher Aufwand, sondern als integrierte Erweiterung der Versorgung wahrgenommen werden. Zudem entsteht ein realistischer Vorteil gegenüber einem reinen Start-zu-Stichtag: Wenn Anfang 2027 der praktische Infrastrukturaufbau beginnt, können sich Teams parallel auf Qualitätssicherung, Schulung der Fachbereiche und den stabilen Betrieb vorbereiten. Damit wird TENNO weniger ein einzelnes Projekt „für 2027“, sondern ein organisatorischer Umbau, der die Versorgung in ländlich geprägten Regionen Norddeutschlands zukunftsfähig machen soll.
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