LONDON (IT BOLTWISE) – In Cornell ist am 11. September ein jährliches 9/11-Gedenken als gemeinsames ROTC-Workout organisiert worden. Über 200 Cadets, Veteranen, Mitarbeitende und Community-Mitglieder legten in einem 40-minütigen Parcours sowohl Treppenläufe als auch Kraftübungen ab. Die Vize-Provost Katherine McComas nahm zum zweiten Mal teil und verbindet das Ritual mit dem Anspruch, die Erfahrungen der Studierenden aktiv mitzuerleben. Zum Abschluss überreichte der ROTC-Tri-Service-Brigade-Kommandeur Nathan Li eine über Barton Hall geflogene US-Flagge und die Gruppe schloss mit „Never forget“ ab.

Der Morgen begann in Cornell mit einem Geräusch, das auf dem Campus sonst eher selten so präsent ist: Schritte auf Beton, gleichmäßig und hartnäckig, während das Licht erst langsam genug wurde, um die Konturen im Schoellkopf Stadium zu erkennen. Am 11. September trafen sich dort mehr als 200 Cadets, Veteranen, Mitarbeitende und Angehörige der Community für ein 9/11-Gedenken, das ausdrücklich als memorial workout angelegt ist. Es ist kein rein symbolischer Akt, sondern ein körperlicher Parcours, der im Rhythmus der Teilnehmer spürbar wird – und der in einer 40-minütigen Runde aus Treppenaufstiegen und Kraftübungen die Idee von Durchhalten und Zusammenhalt in den Vordergrund rückt.
Organisiert wird die Veranstaltung jährlich vom Cornell Reserve Officer Training Corps (ROTC). Die inhaltliche Klammer sind die ersten Einsatzkräfte, die bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center ums Leben kamen. In der Praxis läuft das Gedenken als gemeinsames Training ab: Unter Stadionlichtern erklimmen die Teilnehmenden zunächst Treppenabschnitte in einer Art wiederholtem „Stair climb“-Muster, danach folgen Kraftübungen, bevor am Ende ein Cooldown das Tempo reduziert. Dieses Design ist mehr als ein sportliches Rahmenprogramm. Es erzeugt eine einheitliche Beteiligung vieler Statusgruppen – Kadetten und Veteranen im selben Raum, mit der gleichen körperlichen Belastung und damit einer gemeinsamen „Sprache“ jenseits von Vorträgen oder Reden.
Besonders auffällig ist, dass das Event auch von Personen getragen wird, die normalerweise nicht im unmittelbaren Trainingsbetrieb stehen. Katherine McComas, Vize-Provost für Engagement und Land-Grant-Angelegenheiten sowie Professorin im Department of Communication, war zum zweiten Mal dabei. Sie beschreibt die körperliche Wirkung als „burn“ in den Beinen – und ordnet sie zugleich als Privileg ein, das es so am 11. September 2001 nicht gegeben habe: Man spüre die Belastung, könne aber parallel nicht in derselben Lage sein, sondern gemeinsam mit anderen Menschen an das Ereignis erinnern. In ihrer Perspektive geht es damit nicht nur um Teilnahme, sondern um eine Form von Haltung: Sie will gezielt in die Umgebungen, Traditionen und Herausforderungen eintauchen, die für die Studierenden prägend sind.
Dass McComas die ROTC-Programme nicht nur verwaltet, sondern aktiv begleitet, zeigt sich auch in ihrem Vorgehen außerhalb des Stadioms. Über das vergangene Jahr hinweg suchte sie laut Bericht Einsichten vor Ort, etwa durch Besuche militärischer Installationen wie Fort Knox, der Philadelphia Naval Yard sowie Joint Base McGuire-Dix-Lakehurst. So entsteht ein Verständnis dafür, wie Ausbildung und militärische Kultur in realen Arbeits- und Ausbildungsumfeldern funktionieren. Für die Hochschulorganisation ist das relevant, weil ein ROTC-Programm immer in zwei Welten lebt: akademische Erwartungen auf der einen Seite, militärische Strukturen und Traditionen auf der anderen. McComas’ Teilnahme am Workout wirkt dabei wie eine Brücke zwischen beiden Welten – sie signalisiert, dass die Institution nicht nur „Fragen“ stellt, sondern die eigenen Antworten durch echtes Mitmachen überprüft.
Für Studierende, die den 11. September 2001 nicht selbst miterlebt haben, ist das Datum eher Geschichte. Für andere, etwa Menschen mit eigener Dienstbiografie, ist es stärker mit persönlicher Erinnerung und gelebter Kameradschaft verknüpft. Tony Roach, Director of Administration an der Meinig School of Biomedical Engineering und US-Navy-Veteran, macht genau diesen Generationen-Dialog zum Kern des Trainings. Er beschreibt die Übergabe von Erfahrung als „passing the torch“ – also als Weiterreichen von Wissen und Kontext, bevor die ROTC-Kadetten und Midshipmen in ihren Dienst starten und später Führungsaufgaben übernehmen. Roach ist seit sieben Jahren beteiligt: Zuerst als commanding officer der Navy ROTC Unit, später als Veteran und aktives Mitglied der Cornell-Community, unter anderem im Veterans Colleague Network Group, als Berater für die Graduate Student Military Community und als Cornell Veterans House Community Fellow.
Roach betont zudem, dass viele Veteranen die besondere Form von Gemeinschaft vermissen, die aus dem militärischen Alltag entsteht. Ein Teil des Werts dieses memorial workout liegt darin, Elemente dieser Verbindung wieder herzustellen, ohne sie zu romantisieren oder zu imitieren: Die Teilnehmenden „recreate“ nicht die Vergangenheit, sondern schaffen einen Moment, in dem sich Zugehörigkeit wieder anfühlt. Dass das im Laufe der Jahre immer tiefer in die Universität hineinwirkt, habe er mit Blick auf die Historie Cornells besonders wahrgenommen. Cornell habe, so seine Sicht, eine Verbindung zu militärischen Strukturen und Veteranengemeinschaften, die viele erst beim tatsächlichen Eintauchen erkennen. Gerade deshalb ist das Ereignis auch organisatorisch stimmig: Es bindet nicht nur die unmittelbar Beteiligten ein, sondern verankert die militärische Community dauerhaft im Campus-Leben.
Als das Workout um 7:15 Uhr endete, wurde der Rhythmus der Schritte leiser: Die Gruppe ging in einen Cooldown über, sammelte Luft und ließ die Ereignisse des Morgens nachwirken. Den Abschluss gestaltete eine kleine, aber symbolisch geladene Zeremonie: Nathan Li ’27, Kommandeur der Cornell ROTC Tri-Service Brigade, überreichte McComas eine gefaltete amerikanische Flagge, die über Barton Hall geflogen war – als Anerkennung für ihre fortgesetzte Unterstützung der militärischen Community an der Universität. Danach schloss sich die Gruppe zu einem letzten gemeinsamen Ruf zusammen: „Never forget“, der im Stadion noch kurz nachklang. Damit zeigt sich eine weitere Dimension des Formats: Es kombiniert körperliche Anstrengung, institutionelle Kontinuität und rituelles Erinnern zu einer Handlung, die man nicht nur hört, sondern erlebt – und die dadurch auch für künftige Jahrgänge wieder auf Wiedererkennbarkeit setzt.
Auch aus der Perspektive von Hochschul- und Community-Management lässt sich daraus eine klare Lehre ableiten: Gedenken funktioniert dann besonders gut, wenn es nicht im Kopf bleibt, sondern im Alltag der Organisation sichtbar wird. Ein Workout ist dabei mehr als Sport. Es strukturiert Beteiligung, macht Zeitpläne verbindlich, erzeugt gemeinsame Anstrengung und schafft so eine Umgebung, in der Generationen- und Rollenunterschiede überbrückt werden. Für ähnliche Initiativen in anderen Institutionen wäre das entscheidende Designprinzip, die aktive Teilnahme so zu gestalten, dass sie echte Empathie fördert – etwa durch Mitmachen von Entscheidungsträgern, durch klare Organisation in wiederkehrenden Formaten und durch Abschlussrituale, die nicht beliebig wirken, sondern an der konkreten Geschichte des Events anknüpfen. Im Zeichen Künstlicher Intelligenz bleibt das eine bemerkenswerte Gegenwelt: Während KI-Entwicklung oft nach Effizienz und Skalierung fragt, erinnert ein solcher Tag daran, dass Gemeinschaft und Verantwortung durch konkrete, gemeinsame Erfahrungen getragen werden.
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