LAGRANGE POINT TWO (L2) / LONDON (IT BOLTWISE) – Die NASA hat beim Nancy Grace Roman Space Telescope mit dem Einschalten der Instrumente begonnen. Das Wide Field Instrument (WFI) soll nach mehreren Kälte- und Funktionsschritten in den nächsten Wochen in die Kalibrierphase gehen, während die Coronagraph-Komponenten bereits remote geprüft wurden. Erste Übertragungen deuten auf nominale Werte hin, und weitere Decontamination- sowie Testarbeiten laufen noch bis in den Winter 2027 hinein. Für die Mission ist ein erster Startschuss mit Bildern „early 2027“ geplant.

Das Nancy Grace Roman Space Telescope befindet sich weiterhin auf dem langen Weg zu seinem endgültigen Betriebsort im All und wird Schritt für Schritt „wach“. Nachdem der Start am 30. Aug. erfolgte, folgt jetzt eine rund drei Monate dauernde Reise zum Lagrange-Punkt zwei (L2), einem vergleichsweise ruhigen Punkt in etwa eine Million Meilen Entfernung von der Erde. Für den Betrieb ist diese Position zentral, weil Roman dort auf der Nachtseite der Erde ausgerichtet bleiben kann und das grelle Sonnenlicht praktisch von der Instrumentenperspektive abgeschirmt wird. Damit kann das Teleskop die beiden Hauptwerkzeuge – das Wide Field Instrument (WFI) und den Coronagraph Instrument – unter Bedingungen ausführen, die möglichst nah an den späteren Messanforderungen liegen.
NASA-Teams sprechen dabei von einem wichtigen Meilenstein im Commissioning: Noch werden keine wissenschaftlichen Daten im großen Stil gesammelt, aber die ersten Downlinks zeigen, dass zentrale Komponenten nominal reagieren. Josh Schlieder, Wide-Field-Instrument-Wissenschaftler bei der NASA am Goddard Space Flight Center, ordnete das als „huge milestone“ ein – gemeinsam mit den Industrie- und Wissenschaftspartnern für das Projekt. Der Zeitplan ist eng getaktet, denn bis Roman wirklich mit der Mission startet, müssen weitere Kalibrations- und Testschritte abgeschlossen werden; dafür bleiben dem Observatorium auf dem Weg zu L2 noch rund zwölf Wochen übrig.
Technisch rückt zunächst das WFI in den Fokus. Es handelt sich um eine 300-Megapixel-Infrarotkamera, die große Himmelsbereiche systematisch vermessen soll. NASA zufolge sind dafür 18 Infrarot-Detektoren vorgesehen, die zusammen eine Sensorfläche ergeben, die etwa der Größe eines Laptops entsprechen soll – im Vergleich dazu deckt bei einer typischen Digitalkamera ein Sensor oft nur die Fläche einer Briefmarke ab. Beim Aufheizen und Abkühlen ist das WFI besonders anspruchsvoll: Vor dem eigentlichen „Switch-on“ ließen die Ingenieurinnen und Ingenieure das Instrument rund zehn Tage trocknen, um vor dem Start eventuell angesammelte Kontaminanten abzugeben. Das WFI wurde dabei auf etwa -65 °C gehalten. Anschließend schalteten die Teams am 11. Sept. den Heizmechanismus ab, sodass das System auf ungefähr -143 °C abkühlen konnte – erst dann war es kalt genug, um die Infrarotdetektoren zu aktivieren; danach kühlten die Bauteile weiter in Richtung der geplanten Betriebstemperatur von etwa -183 °C.
Nachdem die Detektoren aktiv waren, ging es mit der Feinjustage weiter. Die Teams kalibrierten den „Element Wheel“-Mechanismus des WFI: Ein Filterrad wählt einzelne Wellenlängen zur Detektion aus – über ein Zusammenspiel aus Prismen und weiteren optischen Komponenten. Am 13. Sept. bestätigten die Verantwortlichen außerdem, dass die Fokus-Komponenten nominal funktionieren. Für die spätere Wissenschaft ist das mehr als eine reine Funktionsprüfung, denn nur mit stabiler Fokuslage lassen sich sowohl schnelle Momentaufnahmen des Kosmos als auch Messkampagnen für Themen wie Dunkle Energie und die Kartierung der Materieverteilung präzise durchführen. Gerade bei Infrarotbeobachtungen entscheidet die Kombination aus Temperaturstabilität und sauberer optischer Abstimmung über Bildqualität und wissenschaftliche Belastbarkeit.
Parallel dazu machte die Mission beim Coronagraph Instrument die ersten großen Schritte Richtung Betrieb. Dieses Werkzeug wird über ein „Coronagraph Commanding Center“ bei Caltech/ IPAC in Pasadena gesteuert; dort konnten Operatoren verifizieren, dass sie die elektronischen und mechanischen Systeme des Instruments remote bedienen können. Der Coronagraph arbeitet mit einer Kette aus Spiegeln, Masken und Sensoren, um das Licht eines weit entfernten Sterns zu blockieren und dadurch das deutlich schwächere Licht von Planeten in dessen Umlaufbahn sichtbar zu machen. Die Tests beinhalteten auch eine temperaturbezogene Vorbereitung: Die Teams erwärmten das Gerät auf 22 °C, was in kontrollierten Umgebungen auf der Erde als nominal gilt, jedoch im Vergleich zum extrem kalten WFI-Temperaturniveau deutlich „wärmer“ ist.
Die höhere Temperatur hilft dabei, bestimmte Prüfungen besser an reale Testumgebungen anzunähern. Laut Eric Cady, einem optischen Ingenieur, der die Commissioning-Arbeiten für den Roman-Coronagraph am Jet Propulsion Laboratory leitet, läuft nach Abschluss des Tests vor allem eine Decontamination-Phase: „Now that this test is complete, we’ve been decontaminating: sitting idle with our detectors warm so anything that’s stuck to the surface, such as water or trace chemicals, will tend to leave it“ – damit soll sich auf Oberflächen gebundenes Material mit der Zeit lösen. Diese Decontamination soll 30 Tage andauern, begleitet von regelmäßigen Checks und kleineren Kalibrationsschritten. Damit wird ein wesentlicher Teil der Arbeit in die verbleibende Reisezeit zum L2-Betrieb verschoben, die NASA mit insgesamt weiteren etwa zwölf Wochen beziffert.
Am Ende steht eine harte Zielmarke für die Öffentlichkeit: NASA zufolge bleibt Roman auf Kurs, um erste wissenschaftliche Bilder „early 2027“ freizugeben. Dass der Start von einem Falcon-Heavy-Startprofil aus erfolgte und Roman in frühen Bahnkorrekturen zudem Kraftstoff einspart, wird als Grund genannt, warum der Satellit genügend Treibstoff für den Betrieb der nächsten 22 Jahre mitbringen soll. Für die Industrie und die Forschung ist diese Phase vor allem eine Frage von Prozessreife: Wenn die Instrumente nach dem Aktivieren des Detektorbereichs sowie der optischen Komponenten zuverlässig stabil bleiben, können Teams die spätere Datenpipeline auf wiederholbare Qualität trimmen. In der Praxis wird dazu auch die Auswertung großer Bildmengen gehören – und hier können KI-gestützte Verfahren bei Detektion, Klassifikation und Mustererkennung helfen, ohne dass sie die physikalische Kalibrierung ersetzen.
Für Betreiber und Wissenschaftler verschiebt sich der Fokus damit von „Hoffen auf Funktion“ hin zu „Halten auf Messgüte“. Das Commissioning am WFI zeigt, wie stark Temperierung, Filterwahl und Fokus zusammenhängen; beim Coronagraph macht die Decontamination-Phase deutlich, dass selbst kleine Kontaminationen später die Kontrastleistung beeinträchtigen können. Sobald Roman nach den verbleibenden Tests auf L2 die volle Betriebsfähigkeit erreicht, wird die Mission zeigen, ob die Designziele für großflächige Infrarotvermessungen und die exakte Unterdrückung des Sternenlichts im Alltag realisiert werden. Entscheidend ist, dass jede Kalibrationsschleife jetzt messbar in Richtung Stabilität und Reproduzierbarkeit wirkt – dann wird „early 2027“ nicht nur ein Datum, sondern ein belastbarer Startpunkt für neue astronomische Datensätze.
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