TERUEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Paläontologen aus Teruel untersuchten rund 150 Millionen Jahre alte Fossilien aus dem späten Jura und ordneten sie der Gattung Diplodocus zu. Wenn die Bestimmung bestätigt wird, wäre das der erste Nachweis dieses Sauropoden außerhalb Nordamerikas. Im Fokus stehen vor allem 14 Schwanzwirbel und mehrere Chevron-Knochen, die typische Merkmale tragen. Gleichzeitig mahnen mehrere Forschende zur Vorsicht, weil die Zuordnung zu einer vollständigen Gattung aus Knochenresten allein noch nicht endgültig ist.

Ein einzelnes Fossilstück kann in der Paläontologie ganze Landkarten verschieben. Genau das steht beim Fund aus der spanischen Provinz Teruel auf dem Spiel: Dort wurden etwa 150 Millionen Jahre alte Relikte aus dem späten Jura untersucht, die nach Angaben der Forschenden der Gattung Diplodocus zugeordnet werden. Die Ausgangsfrage wirkt auf den ersten Blick simpel, ist aber wissenschaftlich enorm: Diplodocus gilt seit langem vor allem als Dinosaurier der Morrison-Formation in Nordamerika. Ein bestätigter Nachweis in Europa würde diese traditionelle Zuordnung deutlich relativieren und damit auch die Debatte darüber anheizen, wie und wie häufig Tiere zwischen den Kontinenten ausgetauscht wurden.
Im konkreten Fall stammt das Material vom Fundort La Tejeráera bei El Castellar im Osten Spaniens. Erhalten sind 14 Wirbel aus dem mittleren und hinteren Teil des Schwanzes sowie mehrere sogenannte Chevron-Knochen, die an der Unterseite der Schwanzwirbel ansetzen. Gerade diese Anatomie-Details sind für die Bestimmung entscheidend, weil der Schwanz bei vielen Sauropodenarten eine Art „Signatur“ liefert: Form, Aufbau und charakteristische Knochenmerkmale unterscheiden sich zwischen Gattungen teils deutlich. Studienautor Sergio Sánchez-Fenollosa beschreibt die Arbeit daher als Kombination aus anatomischer Untersuchung und evolutionären Analysen; „Die anatomische Untersuchung und die evolutionären Analysen“ hätten die Zuordnung ermöglicht, so lautet sein sinngemäßes Kernaussage gegenüber einer Nachrichtenagentur. Dazu kommt ein weiteres Argument: Das Tier soll zu den „vollständigeren Diplodociden“ gehören, die bislang in Europa gefunden wurden.
Die Region Teruel ist ohnehin paläontologisch dicht besetzt. Co-Autor Alberto Cobos schätzt die Körperlänge des Tieres auf etwa 25 Meter, also ungefähr die Dimension von zwei Stadtbussen hintereinander. Überraschend wäre die Entdeckung von Langhalssauriern in dieser Gegend deshalb nicht; in Teruel sind bereits Funde von Turiasaurus und Losillasaurus bekannt. Der mögliche Diplodocus-Fund würde das bisherige Bild jedoch um eine Dinosauriergattung erweitern, die bislang stark mit Nordamerika verbunden war. Damit würde sich auch die Frage zuspitzen, wie ähnlich die Faunen beider Regionen zur Zeit des späten Jura tatsächlich waren und ob es regelmäßig genug Verbindungen gab, damit Verwandte wie Allosaurus oder Stegosaurus nicht nur „zufällig“ auftreten, sondern als Teil eines umfassenderen Austauschnetzes verstanden werden können.
Für die Einordnung ist die Geologie entscheidend. Zur Zeit vor rund 150 Millionen Jahren lag die Welt anders als heute: Der Atlantik begann sich zwar bereits zu öffnen, war aber noch deutlich schmaler. Daraus ergibt sich ein plausibles Szenario, das Forschende häufig diskutieren: zeitweilige Landverbindungen oder Inselketten hätten Dinosauriern Bewegung zwischen Europa und Nordamerika ermöglicht. Francisco Ortega von der spanischen Fernuniversität UNED verweist in diesem Zusammenhang auf auffällige Gemeinsamkeiten zwischen Dinosauriern der Iberischen Halbinsel und Nordamerikas und nennt dabei Arten wie Allosaurus und Stegosaurus, die aus beiden Regionen bekannt sind. Für Ortega würde ein Diplodocus in Spanien diese gemeinsame Faunenlogik um eine weitere bekannte Gattung ergänzen. Ein ergänzendes Votum kommt von Pedro Mocho von der Universität Lissabon, der den Fund als Hinweis wertet, dass Diplodocus auf der Iberischen Halbinsel vorkam.
Trotzdem bleibt die zentrale Frage offen, weil in der Paläontologie die Beweiskette selten mit nur einem Fundstück endet. Mehrere Forschende betonen, dass Zuordnungen häufig auf vergleichsweise wenigen erhaltenen Knochen basieren und damit immer ein Rest an Unsicherheit enthalten. Im Fall Teruel konzentriert sich die Bestimmung besonders auf Teile des Schwanzes – und genau dieser Fokus ist für Kritik anfällig. Fabien Knoll vom Forschungsrat CSIC hält die Studie zwar für sorgfältig, sieht die Bestimmung jedoch noch nicht als endgültig an: Die erhaltenen Knochen seien mit Diplodocus vereinbar, sag ihr Kern, bedeute aber nicht zwangsläufig, dass sie tatsächlich von einem Diplodocus stammen. In seiner Argumentation bleibt Raum für Alternativen wie einen nahen Verwandten oder sogar eine bislang unbekannte Gattung. Ähnlich äußert sich José Ignacio Canudo von der Universität Zaragoza: Die Fossilien seien detailliert beschrieben, doch für eine eindeutige Zuordnung zur Gattung Diplodocus könnten sie möglicherweise zu unvollständig sein; entscheidend seien weitere Funde aus Spanien oder Portugal.
Was bedeutet das für die Wissenschafts- und Industriesicht auf solche Entdeckungen? Zum einen zeigt der Fall, wie stark moderne Paläontologie heute auf präzise Merkmalsvergleiche angewiesen ist: Chevron-Knochen, Wirbelform und Längenabschätzungen sind nicht nur „Beschreibung“, sondern Voraussetzung für eine belastbare Taxonomie. Zum anderen macht die Debatte deutlich, dass solche Ergebnisse in der Regel erst dann wirklich ankommen, wenn unabhängige zusätzliche Funde die Lücken schließen. Historisch ist Diplodocus zudem ein Lehrbeispiel dafür, wie lang der Weg von den ersten Knochen zu einem stabilen Bild der Gattung sein kann: Die ersten Fossilien, die später Diplodocus zugeschrieben wurden, kamen im Jahr 1877 in Wyoming ans Licht; ein Jahr darauf erhielt die Gattung ihren wissenschaftlichen Namen. Der aktuelle Fund aus Teruel könnte diesen historischen Kontext um eine neue regionale Dimension erweitern – oder er zwingt die Forschung, die Grenzen zwischen nahen Diplodociden genauer nachzuschärfen, bis die Datenlage eindeutiger ist.
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