BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Friedrich Merz sieht eine fundamentale Veränderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen und geht davon aus, dass die Zeit der „unbedingten transatlantischen Freundschaft“ länger vorbei ist. Er verweist auf eine andere politische Haltung in den USA, verschlechterte Beziehungen wegen des Iran-Kriegs sowie auf Zollkonflikte. Gleichzeitig betont Merz, Deutschland müsse die Chance zur stärkeren Selbstverantwortung nutzen. Für 2026 nennt er ein Wirtschaftswachstum von etwa 1,3 Prozent bei weiterhin nötigen Reformen.

Merz warnt: Deutschlands transatlantische „Freundschaft“ endet – neue Verantwortung
Merz warnt: Deutschlands transatlantische „Freundschaft“ endet – neue Verantwortung (Foto: IT BOLTWISE)
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Bundeskanzler Friedrich Merz setzt in Berlin ein deutliches Signal zur künftigen Ausrichtung der Beziehungen zu den USA: Die Politik Deutschlands gegenüber Washington sei nicht mehr auf die frühere Formel der „unbedingten transatlantischen Freundschaft“ zu reduzieren. Auf einer Veranstaltung mit dem Berliner CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers formulierte er, dass diese Phase voraussichtlich länger vorbei sei. Inhaltlich geht es dabei weniger um eine Konfrontation als um eine Verschiebung der Erwartungshaltung: Merz spricht von einer Veränderung der politischen Haltung über den Atlantik und davon, dass das transatlantische Bündnis neu eingeschätzt werde.

Diese Neubewertung verknüpft Merz mit konkreten Belastungsfaktoren, die er bereits im Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump spürbar sieht. Laut seiner Darstellung habe sich das Verhältnis wegen Kritik von Merz an den USA im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg verschlechtert. Hinzu kommen Zollkonflikte als zweites Element, das in der Praxis die wirtschaftliche Dimension der Außenpolitik berührt: Wenn Zölle oder tarifäre Maßnahmen eskalieren, geraten Lieferketten, Importpreise und Wettbewerbspositionen in Bewegung, selbst dort, wo politische Gespräche eigentlich auf Stabilität zielen. Genau in dieser Reibung liegt der Kern seiner Argumentation: Politik und Wirtschaft beeinflussen sich gegenseitig, und man darf nicht davon ausgehen, dass frühere Geometrien dauerhaft gleich bleiben.

Aus der Lagebeschreibung leitet Merz einen Handlungsimperativ ab, der sich auf Selbstverantwortung und Prioritäten im Inland richtet. Er sagte sinngemäß, man solle die jetzt entstehende Chance nutzen, mehr Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Konkreter wird er bei den Verteidigungsausgaben: Die Bundesregierung habe diese stark erhöht, und Merz nutzt das als Beispiel dafür, dass Deutschland Fähigkeiten aufbauen müsse, die nicht allein von verlässlicher Unterstützung außerhalb des Landes abhängen. Auch das ist politisch-ökonomisch gedacht, denn Investitionen in Verteidigung bedeuten nicht nur Ausgaben, sondern ziehen häufig Industrieaufträge, Qualifizierungsbedarfe und Sicherheitsinfrastruktur nach sich. In der Logik des CDU-Vorsitzenden steht damit weniger ein Richtungswechsel gegen die USA im Vordergrund, sondern eine Neujustierung des Risikos, das durch wechselnde Partner-Präferenzen entsteht.

Parallel zur außenpolitischen Komponente beschreibt Merz auch eine wirtschaftliche Erholung. Er kündigte an, man befinde sich auf dem Weg „raus aus der Krise“, und nannte für das Jahr 2026 ein Wachstum von ungefähr 1,3 Prozent. Damit setzt er den Gegenpunkt zu einem früheren Bild: Laut seiner Einordnung mussten Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen zuletzt nach oben korrigieren. Entscheidend bleibt dabei die Frage, wodurch die Trendwende getragen wird. Merz verknüpft das Wachstum insbesondere mit Milliardenausgaben des Staates zur Modernisierung der Infrastruktur – ein Ansatz, der in Konjunkturphasen oft doppelt wirkt: kurzfristig über Nachfrageimpulse, mittelfristig über Produktivitätsgewinne durch bessere Netze, Transportwege und digitale/technische Basisleistungen.

Die Argumentation bekommt zusätzlich Gewicht durch den Hinweis auf die Ausgangslage Anfang des Jahres. Wegen des Iran-Kriegs habe die Bundesregierung im Frühjahr die Konjunkturprognose senken müssen, weil es zu Preissprüngen bei Öl und Gas kam. Für 2026 sei damals nur noch ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent prognostiziert worden. Genau an dieser Stelle zeigt sich, wie empfindlich wirtschaftliche Erwartungen auf externe Schocks reagieren: Energiemärkte beeinflussen Investitionskosten, Haushaltsbudgets und Transportpreise unmittelbar. Wenn sich die Rahmenbedingungen dann verbessern oder zumindest weniger stark verschlechtern, können Prognosen relativ schnell nach oben korrigiert werden – wie Merz es für seine Perspektive beschreibt.

Für Unternehmen, die diese politischen und makroökonomischen Signale einordnen, entsteht daraus ein praktischer Mix aus Planungssicherheit und Anpassungsdruck. Die Aussage zur künftigen Form der transatlantischen Zusammenarbeit legt nahe, dass strategische Abhängigkeiten künftig stärker abgesichert werden müssen – etwa durch diversifizierte Beschaffungswege, robustere Handels- und Zollkalkulationen sowie durch Investitionsprogramme, die nicht vollständig von außenpolitischen Konstellationen abhängen. Gleichzeitig deutet die Wachstumsprognose von etwa 1,3 Prozent 2026 auf ein Umfeld hin, in dem Nachfrageimpulse aus Infrastrukturprogrammen in einzelnen Branchen und Regionen sichtbar werden können. Merz betont zudem, dass trotz wirtschaftlicher Erholung Reformen weiterhin notwendig seien – ein Hinweis darauf, dass der Aufschwung nicht allein aus staatlichen Ausgaben resultieren soll, sondern strukturelle Anpassungen erfordert.

Gleichzeitig bleibt der größte Unsicherheitsfaktor die politische Dynamik auf beiden Seiten des Atlantiks. Merz beschreibt keine statische neue Normalität, sondern eine Veränderung in Haltung und Einschätzung, die sich im Zeitverlauf weiterentwickeln kann. Für die nächsten Schritte heißt das: Wer heute investiert, sollte Szenarien berücksichtigen, in denen Zollfragen erneut hochfahren oder Verteidigungs- und Infrastrukturbudgets unterschiedlich priorisiert werden. Eine „neue Verantwortung“ im Sinne des Kanzler-Vokabulars ist dabei nicht nur eine finanzielle Frage, sondern eine Organisationsfrage: Wer seine Lieferketten, Produkte und Compliance-Prozesse (ohne dass hier ein konkreter Rechtsfall benannt wird) auf wiederkehrende politische Wechsel einstellen kann, reduziert das Risiko, bei der nächsten Verschiebung der Rahmenbedingungen zu spät zu reagieren.


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