BORDEAUX-MÉRIGNAC / LONDON (IT BOLTWISE) – Am 15. September 2026 hebt der Airbus A310 ZERO-G zu einem ersten von drei Parabelflugtagen ab, um zwölf Experimente in die Schwerelosigkeit zu bringen. Im Fokus stehen CO₂-basierte Umwandlungen für die Ressourcennutzung im All, Tests zur Produktion von Sauerstoff sowie das Verhalten menschlicher Bewegung nach gezielter Muskelentlastung. Daneben prüft ein kompakter Roboterarm die Zuverlässigkeit von Wartungsaufgaben an Kleinsatelliten. Damit verdichtet sich das reale Missionsszenario zwischen Lebenserhaltung, Robotik und Mobilitätstraining.

CO₂ ausatmen, Mond-Atmung üben: Parabelflug testet Robotik und Lebenserhalt
CO₂ ausatmen, Mond-Atmung üben: Parabelflug testet Robotik und Lebenserhalt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die 47. Parabelflugkampagne des DLR nutzt Schwerelosigkeit nicht als Selbstzweck, sondern als kurze Laborphase für konkrete Engpässe zukünftiger Missionen. In dieser Woche finden zwölf Experimente aus Biologie, Physik, Technologie und Materialwissenschaften an Bord des Airbus A310 ZERO-G statt. Der erste Flugtag startet am 15. September 2026 um 9:30 Uhr vom Flughafen Bordeaux-Mérignac, weitere Flugtage folgen im Anschluss. Interessant ist dabei weniger der Blick in die Grundlagen, sondern die direkte Verbindung zu Themen, die auf Mondmissionen und bei längeren Flügen bis in den Mars-Kontext besonders sichtbar werden: Energie- und Stoffflüsse müssen vor Ort funktionieren, und selbst Körperfunktionen werden nach Entlastungsphasen neu eingeübt.

Ein zentraler Block dreht sich um Kohlendioxid als Rohstoff. Auf Raumfahrtmissionen ist CO₂ nicht knapp, weil Menschen es fortlaufend ausatmen; zusätzlich liefert die Marsatmosphäre laut Quellenangabe einen CO₂-Anteil von etwa 95 Prozent. Technisch entscheidend ist, dass sich aus CO₂ über Elektrolyse chemische Produkte gewinnen lassen, etwa Kohlenmonoxid oder Methan – beides potenziell als Treibstoff oder als chemische Baustoffe für weitere Prozessketten. In einem zweiten Schritt kommt ein Lebenserhalt-Aspekt hinzu: Wird Wasser als Elektrolyt eingesetzt, entsteht zugleich Sauerstoff, der direkt in die Atemluft- und Kreislaufstrategie der Mission integriert werden kann. Genau diese Kopplung aus Rohstoffnutzung und Nebenproduktproduktion untersucht das Experiment COLA ZERO am ZARM der Universität Bremen unter veränderter Gravitation.

Auf der Erde ist die Elektrolyse in Flüssigkeiten eng mit der Schwerkraft verknüpft: Gasblasen, die an einer Elektrode entstehen, steigen aufgrund des Auftriebs zur Oberfläche. Dort ändern sich Bedingungen im Reaktionsraum, und irgendwann kann die Reaktion nach dem „Verblocken“ der Elektrode abbrechen. Im All fehlen solche Auftriebs-getriebenen Bewegungen, wodurch sich die Gasblasen eher anders anordnen und die Reaktionsbedingungen über die Zeit verändern. COLA ZERO setzt deshalb nicht nur auf das chemische Prinzip, sondern auf eine angepasste Geometrie der Elektrolysekammer: Der Aufbau soll die Ablösung der Gasblasen ermöglichen, damit die elektrochemische Umwandlung stabiler abläuft und Sauerstoff zeitgleich produziert werden kann. Für Entwickler von In-situ-Ressourcenprozessen ist das ein wichtiger Test, weil die Mechanik der Phasenbildung oft darüber entscheidet, ob ein Laborresultat später im Flugbetrieb belastbar bleibt.

Parallel dazu adressiert die Kampagne eine zweite, oft unterschätzte Abhängigkeit: Mobilität nach körperlicher Entlastung. Studien, die im Kontext der Mondvorbereitung eingeordnet werden, zeigen, dass Feinmotorik, Gleichgewicht und Gang bei reduzierter Schwerkraft beeinträchtigt sein können – besonders dann, wenn Astronautinnen und Astronauten zuvor länger in Schwerelosigkeit mit kompletter Entlastung von Skelett und Muskulatur verbringen. Das Experiment „Unloaded Minds“ an der Deutschen Sporthochschule Köln nähert sich der Frage, ob eine solche Entlastung nicht nur Muskel- und Knochengewebe verändert, sondern auch die Planung von Bewegung im Nervensystem beeinflusst. Die Teilnehmenden entlasten im Vorfeld für 14 Tage ein Bein vollständig; während des Parabelfluges üben sie anschließend erste Schritte unter Mondgravitation.

Damit aus dem parabeltypischen Mikro-Training ein realitätsnahes Missionsszenario wird, kommt ein Zugsystem zum Einsatz, das die Probandinnen und Probanden mit 16 Prozent ihrer Gewichtskraft auf ein Laufband zieht. Dieser Parameter ist für das Nervensystem deshalb relevant, weil er einen Zustand erzeugt, der sich deutlich von kompletter Schwerelosigkeit und ebenso von der irdischen Schwerkraft unterscheidet. Gerade das Zusammenspiel aus „Abruf neuromotorischer Programme“ nach längerer Entlastung und dem unmittelbaren Übergang in eine geänderte Gravitation ist praktisch bedeutsam: Auf dem Mond muss Bewegung funktionieren, bevor lange Anpassungsphasen möglich sind. Das Experiment integriert zudem Expertise aus der gezielten Entlastung von Muskulatur und Skelett, die im Rahmen einer internationalen Kooperation aus Stockholm eingebracht wird. Für die Planung von Trainingsprotokollen bedeutet das: Man bekommt Hinweise darauf, welche Steuerungs- und Lernprozesse nach Inaktivitätsphasen in einer anderen Gravitation tatsächlich greifen.

Ein drittes Feld ist die Robotik zur Wartung – getrieben von einem sehr konkreten Problem im niedrigen Erdorbit: Der verfügbare Platz ist begrenzt, gleichzeitig nimmt die Zahl der Satelliten zu. In diesem Umfeld wird Weltraumschrott zur operativen Belastung, weil Reparaturen und servicefähige Eingriffe zunehmend darüber entscheiden, ob Objekte in der Umlaufbahn „überleben“ oder zum Risiko werden. Genau hier soll ein Roboterarm ansetzen, der im Alltag nicht zu groß sein darf, aber hochkomplexe Aufgaben ausführen muss. Das Experiment „Benchmarking Arm Reliability in microgravity Tests“ (BART) an der TU Berlin und RWTH Aachen bewertet die Leistungsfähigkeit eines neuartigen Roboterarms namens LISA (Little Inspection and Servicing-Arm) in Schwerelosigkeit – entwickelt im DLR-Projekt HOMER-ODISEE.

LISA ist dabei bewusst auf das minimale Volumen eines Kleinsatelliten zugeschnitten und entspricht ungefähr der Größe eines Versandkartons. Die größte Innovation liegt laut Beschreibung in der kompakten, modularen Bauweise: Der Arm soll Hindernisse „schlangenartig“ umgehen und trotz der beengten Umgebung kostengünstig hochkomplexe Wartungstätigkeiten im All bewältigen. Genau diese Art von Zuverlässigkeit ist im Orbit schwer direkt zu messen, weil echte Servicefenster kurz sind und Fehlversuche teuer werden. Durch das Benchmarking in der Schwerelosigkeit lassen sich aber zumindest relevante Verhaltensmuster – etwa wie gut Bewegungen reproduzierbar sind und wie der Arm in mikrogravitationsnahen Bedingungen mit Kontakt- oder Ausweichsituationen umgeht – frühzeitig prüfen. So verknüpft die Kampagne drei Bausteine, die auf Missionsebene zusammengehören: CO₂-basierte Ressourcennutzung, trainierbare menschliche Mobilität und servicefähige Robotik für den Lebenszyklus von Satelliten.


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