LONDON (IT BOLTWISE) – Der Berliner Büromarkt wächst bei den Beschäftigten weiter, während parallel die Leerstandsquote deutlich steigt. Zwischen 2020 und 2025 nahm die Zahl der Bürobeschäftigten um rund 76.000 auf 886.100 zu, die Leerstandsquote dagegen von 1,8 auf 8,6 Prozent. Für 2026 rechnen die Studienmacher mit einem weiteren Anstieg auf 9,3 Prozent. Gleichzeitig erwarten sie bis 2028 rund 928.000 Bürobeschäftigte und erklären das Auseinanderdriften mit veränderter Flächeneffizienz und selektiverer Nachfrage.

Der Berliner Büromarkt zeigt derzeit ein Muster, das in vielen Unternehmensstandorten für Unruhe sorgt: Mehr Menschen arbeiten in Büros – aber zugleich stehen mehr Flächen leer. Laut dem achten „Berliner Gewerbe-Pulsschlag“ von GSG Berlin und bulwiengesa stieg die Zahl der Bürobeschäftigten zwischen 2020 und 2025 um rund 76.000 Personen auf 886.100. Im selben Zeitraum kletterte die Leerstandsquote jedoch von 1,8 auf 8,6 Prozent. Die zentrale Schlussfolgerung daraus lautet: Beschäftigungswachstum führt nicht mehr automatisch im gleichen Verhältnis zu zusätzlichem Flächenbedarf. Für 2026 wird sogar ein weiterer Anstieg der Leerstandsquote auf 9,3 Prozent prognostiziert, während bulwiengesa bis 2028 einen Anstieg der Bürobeschäftigten auf rund 928.000 erwartet.
Technisch und organisatorisch lässt sich diese Entkopplung gut an den Arbeitsmodellen und an der Auslastungslogik von Büroflächen festmachen. Hybride Arbeitsmodelle senken häufig die „Peak“-Belegung, während gesteigerte Flächeneffizienz – etwa durch intensivere Nutzung pro Arbeitsplatz, bessere Flächenzuschnitte und stärker gemischte Flächenprofile – den Bedarf pro Kopf reduziert. Hinzu kommt, dass Unternehmen ihre Immobilienentscheidungen nicht mehr pauschal auf Basis von Headcount treffen, sondern den Flächenmix gezielt nach Nutzungsszenarien zusammenstellen. Genau hier setzt die Interpretation von GSG Berlin an: Der operative Geschäftsführer Sebastian Blecke beschreibt, dass sich die Nachfrage nach Büroflächen zwar nicht „auflöst“, aber sich deutlich verändert. Demnach prüfen Firmen ihren Bedarf genauer und treffen selektivere Entscheidungen, wobei Eignung für Lage, Qualität und Flexibilität zu den entscheidenden Kriterien zählt.
Während die Gesamtstatistik also Spannungen zeigt, wird der Vermietungsmarkt in Berlin zur Jahresmitte 2026 spürbar lebendiger. Nach einem verhaltenen Jahr 2025 kamen im ersten Halbjahr 2026 rund 378.000 Quadratmeter Bürofläche in Umsätze; das liegt über dem Halbjahresdurchschnitt der vergangenen fünf Jahre von etwa 314.000 Quadratmetern. Auch die Zahl der größeren Abschlüsse nimmt zu: 2025 wurden fünf Abschlüsse über 5.000 Quadratmeter registriert, im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits mehr als zehn. Für das Gesamtjahr erwartet bulwiengesa einen Flächenumsatz von über 600.000 Quadratmetern. Auffällig ist zudem die Rolle digitaler Unternehmen: Sie trugen im ersten Halbjahr 2026 rund 25 Prozent zum gesamten Flächenumsatz bei. Zu den größeren Abschlüssen zählen JetBrains (rund 20.000 Quadratmeter), Wolt und Snowflake (jeweils über 8.000 Quadratmeter) sowie Doctolib (etwa 8.000 Quadratmeter). Parallel sinkt der Anteil von Start-ups am Flächenumsatz von circa zehn Prozent im Jahr 2025 auf 8,5 Prozent im ersten Halbjahr 2026.
Die Belebung bleibt aber nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt. Die Nachfrage verlagert sich zunehmend in zentrale Lagen: Zwischen 2013 und 2022 entfielen 61 Prozent der Abschlüsse auf die City und den Cityrand, seit 2023 sind es 73 Prozent. Entsprechend reduzierte sich der Anteil der Peripherie von 32 auf 22 Prozent. Diese Verschiebung spiegelt sich nach Angaben im Bericht auch in den Mietpreisen wider – selbst dann, wenn insgesamt mehr Leerstand existiert. Die Spitzenmiete in der Berliner City erreichte im ersten Halbjahr 2026 mit rund 47 Euro pro Quadratmeter einen neuen Höchststand, trotz des höheren Leerstands. Weniger attraktive Standorte und ältere Bestandsflächen geraten dagegen stärker unter Druck; dort gaben die Spitzenmieten zuletzt nach. Oliver Schlink, kaufmännischer Geschäftsführer der GSG Berlin, legt deshalb den Fokus auf die Qualität des Leerstands: Nicht jede Leerstandsquote sagt etwas über die Vermietbarkeit aus, entscheidend ist, welche Flächen konkret leer stehen und ob sie die Anforderungen erfüllen.
Diese Anforderungen werden außerdem stärker durch Vertragslogik und Technologie geprägt. Flexibilität spielt dabei nicht nur bei Grundriss und Ausstattung eine Rolle, sondern auch in der Vertragsgestaltung: Kurze Mietlaufzeiten, die erfolgreiche Unternehmen teils bis zu 36 Monaten anfragen, gelten als bewusste unternehmerische Entscheidung in einem unsicheren Umfeld. Solche Laufzeiten ermöglichen Anpassungen, wenn sich Wachstum, Teamgrößen oder Prioritäten ändern. Ebenso wichtig sind laut den Einschätzungen im Gewerbe-Pulsschlag kurze Wege zwischen Flächenkonzept und IT-Betrieb: Gebäudeeigenschaften wie entsprechende technische Infrastruktur, zuverlässige Konnektivität und die Fähigkeit, Flächen für unterschiedliche Nutzungen umzubauen, werden in Ausschreibungen häufiger zu harten Kriterien. Nimmt man diese Perspektive zusammen, wird verständlich, warum Leerstand nicht automatisch verschwindet: Es kann auch „passiver“ Leerstand sein, der nur bestimmte Nutzergruppen ausschließt.
Besonders interessant ist, dass der Gewerbe-Pulsschlag erstmals explizit den Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf den künftigen Flächenbedarf untersucht. Rund 36 Prozent der 127 befragten GSG-Mieter erwarten in den kommenden zwei bis drei Jahren einen gewissen Einfluss, die Mehrheit rechnet jedoch mit keinem oder nur geringem Einfluss. Die Gründe für Flächenbedarfsänderungen sprechen dabei laut Bericht eher gegen einen generellen Rückzug aus Büro- und Gewerbeflächen: Knapp die Hälfte nennt Wachstum als Ursache, etwa ein Drittel Kostendruck und knapp ein Viertel Effizienzsteigerungen. Verkleinerung und Homeoffice werden dagegen jeweils von weniger als einem Fünftel genannt. Daraus ergibt sich eine realistische Marktlesart: KI wirkt im Marktumfeld vor allem indirekt, indem sie neue Anforderungen an Gebäude und Flächenkonzepte verstärkt – also Flexibilität, diverse Nutzungsmöglichkeiten und eine leistungsfähige technische Infrastruktur.
Für die nächsten Monate ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild: Auf der Angebotsseite kann die Leerstandsquote hoch bleiben, solange Bestände ohne passende Lage- und Qualitätsprofile nicht ausreichend nachgefragt werden. Auf der Nachfrageseite dagegen deutet die Belebung der Umsätze und der hohe City-Anteil darauf hin, dass es Käufer- und Mietergruppen gibt, die genau jetzt investieren. Auch die Struktur im GSG-Bestand unterstreicht, dass Büroflächen nur ein Teil des Gesamtbilds sind: Handel (18 Prozent), Kommunikation, Medien und IT (17 Prozent) sowie produzierendes Gewerbe (16 Prozent) bilden große Flächenanteile. Zusammen mit den im Bericht genannten Flächenzuwächsen etwa im Bildungs- und Gesundheitsumfeld zeigt sich, dass Berlin nicht zwingend „weniger Fläche“ braucht, sondern eher eine andere Art von Fläche. Entscheidend ist daher, wie schnell Eigentümer und Entwickler Bestände modernisieren, um die selektive Nachfrage aus zentralen Lagen und technologie-nahen Branchen zu bedienen.
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