LONDON (IT BOLTWISE) – CVC-Teams stehen in der Expansion-Phase unter stärkerem Rechtfertigungsdruck: Sie müssen spürbaren Nutzen für die Muttergesellschaft liefern und dabei Portfolio- statt Deal-Fokus beweisen. Aus einem Branchen-Webinar wird klar, dass die anfängliche „Experiment“-Rolle in einen wiederholbaren Betriebsmodus überführt werden muss. Entscheidend sind belastbare Zielbilder, ein enges Alignment mit Business-Einheiten und die Einführung von Governance- und Valuation-Prozessen. Gleichzeitig raten die Beteiligten zur Zurückhaltung beim Tempo, sowohl bei Deals als auch beim Team- und Erwartungsmanagement.

In den ersten Jahren wirkt eine Corporate-Venture-Einheit oft wie ein Startup im Startup: klein genug, um schnell Deals zu prüfen, und flexibel genug, um interne Freiräume zu nutzen. Genau diese „Proving the ability“-Phase endet jedoch typischerweise nach etwa drei Jahren, sobald die Corporate-Umgebung messbare Ergebnisse erwartet. In der späteren Expansion-Phase geht es laut der Diskussion zwischen Travis Bales (Booz Allen Ventures) und Lukasz Garbowski (BtomorrowVentures, BTV als CVC von British American Tobacco) darum, von der Frage „Können wir CVC überhaupt?“ zur Frage „Welche Wirkung entsteht jetzt verlässlich?“ zu wechseln. Damit verschiebt sich auch das Erwartungsmanagement: Frühzeitige Signale reichen nicht mehr, die Einheit muss ihren Beitrag zum Unternehmensziel in einer wiederholbaren Logik darstellen.
Der Kern für diese Umstellung ist, die ursprüngliche Mission konsequent als Steuerungsgröße zu behandeln. Bales beschreibt als zentrale Erkenntnis, dass die wachsende Reife der Einheit stärker erfordert, die Wertschöpfung für die Muttergesellschaft systematisch sichtbar zu machen. Garbowski kam über einen strategischen Abwägungsprozess zu einem ähnlichen Bild: Auch wenn ein CVC wie ein klassischer Investor finanzielle Renditen anstrebt, wird langfristige Stabilität aus seiner Sicht durch strategischen Nutzen bestimmt. Für die Expansion bedeutet das konkret, Zielkonflikte offen zu managen: Ein „power law“-Investment kann zwar aus Rendite-Sicht attraktiv sein, ist aber nicht automatisch das strategisch passendste für die Corporate. Genau hier setzt die Forderung an, Entscheidungsmechanismen zu schaffen, die beide Dimensionen gleichzeitig bewerten und transparent machen.
Damit diese Bewertung nicht in Folien endet, müssen CVC und Business-Einheiten operativ enger verzahnt werden. In der Anfangsphase waren bei BTV bewusst mehr Distanz und ein halb entkoppeltes Modell möglich; in der Expansion wurde daraus jedoch ein Risiko. Garbowski formuliert den Effekt zugespitzt: Wenn das Corporate nach einer Investition den Nutzen weniger gut versteht, fällt es intern schwerer, den maximalen Hebel aus den Startups herauszuholen. Um das zu korrigieren, hat BTV mehrere Kontaktpunkte fest verdrahtet – etwa einen quartalsweisen Steering-Committee-Takt mit Senior Executives, bei dem die strategische Passung laufend abgeglichen wird. Außerdem braucht es für jede geplante Investition ein strategic sponsorship aus dem jeweiligen Business-Unit-Umfeld; das verlängert zwar Deal-Timeline und erhöht operatives „Headache“, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass im Investment Committee ein legitimer strategischer Vouch erfolgt.
Parallel wird die Arbeit vom reinen Deal-making hin zur Portfolio- und Governance-Arbeit verlagert. Sobald mehr als nur eine Handvoll Beteiligungen existiert, wird Portfolio-Management laut der Runde zu einem „realen und großen Teil“ der täglichen Verantwortung. Garbowski beschreibt außerdem, dass selbst die scheinbar unglamouröse Seite schnell bindet: Fair-Value-Berechnungen, Audits und interne Reporting-Pflichten können eine kleine Organisation überfordern. In der Praxis reicht es deshalb nicht, nur „Personen“ aufzustocken; vielmehr geht es um Infrastruktur. Bales’ Team setzt dafür auf eine Plattform- und Wachstumsfunktion, die Beteiligungen nicht nur betreut, sondern für die Corporate besser ausrichtet und beim Roll-in ins Unternehmen unterstützt. Dazu gehören auch wiederkehrende finanzielle Reviews und die Einbindung eines externen Fund-Administrators, um Valuation und Status-Updates belastbar zu liefern – ein scheinbar „overkill“-Ansatz, der mit wachsendem Portfolio sehr schnell zur Voraussetzung wird.
Ein weiterer Leitgedanke betrifft das Tempo und die Skalierungsstrategie. Beide Perspektiven legen nahe, dass CVCs ihre Geschwindigkeit nicht einfach am Markt ausrichten sollten. Bales berichtet, dass Booz Allen Ventures bewusst eine niedrige Deal-Rate von etwa vier bis sechs Investments pro Jahr beibehält, selbst nachdem der Fonds skaliert hat. BTV hat dagegen zunächst versucht, mit dem externen Venture-Tempo Schritt zu halten, und daraus die praktische Erkenntnis gewonnen, dass das CVC-Modell die Taktung automatisch bremst – vor allem, weil jede Startup-Entscheidung einen Business-Unit-Sponsor braucht. Als Ausgleich wird früher in der Fundraising-Journey angesetzt: Das Team geht bereits vor dem formalen nächsten Investmentfenster in Gespräche, um strategische Passung kontinuierlich zu prüfen und spätere Überraschungen zu vermeiden. Gleichzeitig mahnt Garbowski, die Teamgröße innerhalb des Konzerns nicht ungebremst auszubauen; BTV sei von zwei Personen auf etwa 15 angewachsen, was aus Corporate-Sicht bereits „eine beträchtliche Größe“ sein kann – ein Zeichen dafür, dass Skalierung in zwei Dimensionen gedacht werden muss: Headcount und Portfolio-Tempo.
Zu guter Letzt ist Wahrnehmung ein ernstzunehmender Betriebsfaktor – intern wie extern. Garbowski betont dabei auf Founder-Seite vor allem die Kopplung von Finanzierung und konkretem kommerziellem Wert. Das Beispiel einer brasilianischen Protein-Snacks-Firma zeigt, wie ein Scheck mit einem Distribution-Agreement verknüpft werden konnte, sodass sich Reichweite und Umsatzpfad des Startups verbessern ließen. Auch für Unternehmen, die nicht mehr strategisch passen, raten beide Sprecher zu einem Verhalten, das dem Bild eines verantwortungsvollen Finanzinvestors entspricht: BTV kommuniziert strategische Rechte und Einschränkungen offen und bleibt aktiv als Finanz-VC, einschließlich Unterstützung bei Exits und Folgefinanzierungen. Intern wird daraus ein Rollenverständnis, das Garbowski mit dem Begriff „chief propaganda officer“ zuspitzt: Erfolge müssen gezielt im Corporate sichtbar gemacht werden, damit die strategische Landung der Einheit gelingt. Bales verknüpft diese Wahrnehmung wiederum mit harten Kennzahlen wie Liquiditätspfaden und Fund-Rendite-Sicht; die Expansion-Phase verändert zwar nicht das Ziel von CVC, erhöht aber die Beweislast.
In Summe ergibt sich für Corporate-Venture-Teams ein klares Muster: Die Charter wird zum „living contract“, die institutionelle Anbindung an die Kernorganisation wird vor dem Wachstum operationalisiert, Portfolio-Management und Valuation-Governance werden früh genug aufgebaut, und das Tempo wird bewusst begrenzt – bei Deals, beim Team und bei Erwartungen. Genau diese Disziplin macht laut den beiden Beispielen aus einer anfänglichen Experimentierphase eine strategische Fähigkeit, auf die die Muttergesellschaft sich verlassen kann. Für Unternehmen heißt das praktisch: Wer CVC nur als Innovations-Projekt startet und Governance später nachliefert, riskiert in der Expansion nicht nur Zeitverzug, sondern auch eine strukturelle Entfremdung zwischen Fonds und Business.
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