WIESBADEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Corona-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags mahnt der Virologe Hendrik Streeck eine bessere Koordination von Experteneinschätzungen und Forschung für künftige Pandemien an. Er erklärt, warum sich Entscheidungen in einer Krise trotz möglicher späterer Kritik zunächst aus der Datenlage ergeben. Zugleich fordert er eine breite Expertise aus verschiedenen Disziplinen, klare Führungs- und Entscheidungsstrukturen sowie ausreichend Test- und Laborkapazitäten und eine Impfstrategie. Ergänzend verweist er darauf, dass zu Beginn der Corona-Pandemie Informationen aus China kaum verfügbar waren.

Corona-Ausschuss: Streeck fordert breite Expertise, klare Entscheidungen und Testkapazitäten
Corona-Ausschuss: Streeck fordert breite Expertise, klare Entscheidungen und Testkapazitäten (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Blick auf Pandemien endet selten mit den ersten Fallzahlen. In der Rückschau entscheidet sich vielmehr, wie gut Politik und Wissenschaft in Echtzeit zusammengearbeitet haben, als die Datenlage dünn war und das Risiko schwer zu quantifizieren. Genau diese Schnittstelle rückt Hendrik Streeck in den Fokus, der als Sachverständiger im Corona-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags in Wiesbaden die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie als Maßstab für kommende Krisen nutzbar machen will. Streeck zeigte dabei Verständnis für den Ärger vieler Menschen über als ungerecht empfundene Entscheidungen und verwies zugleich auf das strukturelle Dilemma: Wer in einer Krise mit hohem Ausmaß Entscheidungen treffen muss, gerät fast zwangsläufig in einen Konflikt zwischen Schutz und Belastung.

Streeck bringt das Argument nicht als Lippenbekenntnis zur Wissenschaft ein, sondern als Forderung nach einer bestimmten Art von Expertise-Setup. Für mögliche neue Pandemien verlangt er eine „Breite Expertise“ – also wissenschaftliche Einschätzungen aus unterschiedlichen Fachrichtungen, etwa Virologie und Psychologie, auch dann, wenn deren Ergebnisse sich zunächst widersprechen können. Aus seiner Sicht können beide Einschätzungen gleichzeitig richtig sein, je nachdem, welche Daten, Zeithorizonte und Zielgrößen betrachtet werden. Das wird besonders greifbar an den langen Schulschließungen: Wenn allein medizinische Kriterien eine Maßnahme stützen, während psychologische und gesellschaftliche Folgen das Bild verändern, braucht es Mechanismen, die solche Zielkonflikte nicht wegmoderieren, sondern systematisch in die Entscheidungslogik integrieren.

Damit verbunden ist ein zweites technisches und organisatorisches Thema, das im Ausschuss ausdrücklich genannt wird: Koordination und klare Führungs- sowie Entscheidungsstrukturen. Streeck benennt außerdem konkrete Bausteine, die in künftigen Krisen verfügbar sein müssten – darunter ausreichend Test- und Laborkapazitäten und eine Impfstrategie. Hinter diesen Begriffen steckt mehr als reine Kapazität: Test- und Laborfähigkeit bestimmen, wie schnell eine Unsicherheit in Daten umgewandelt wird. Eine Impfstrategie wiederum entscheidet, wie konsequent sich Erkenntnisse aus Wirksamkeitsstudien, Produktions- und Logistikzyklen sowie Zielgruppenpriorisierungen in den Alltag übersetzen lassen. Für Unternehmen und öffentliche Träger bedeutet das, dass Krisenvorbereitung nicht bei Leitfäden stehenbleibt, sondern Schnittstellen, Verantwortlichkeiten und Ressourcen vorhalten muss, damit Entscheidungen nicht bei der nächsten Welle erneut „bei null“ beginnen.

Streecks Argumentation zur Anfangsphase zeigt, warum spätere Bewertungen die damalige Datenlage berücksichtigen müssen. In der ersten Welle einer Pandemie, so seine Darstellung, müsse man zunächst vorsichtig sein, solange unklar ist, wie gefährlich ein Erreger ist. Er verweist dabei darauf, dass es zum Start der Corona-Pandemie wenig bis keine Informationen dazu aus China gab. Gleichzeitig beschreibt er die erste Reaktion des Gesundheitsamts Frankfurt etwa am Flughafen als „hochprofessionell“ – ein Beispiel dafür, dass Handeln unter Unsicherheit dennoch möglich ist, wenn Prozesse funktionieren, Zuständigkeiten klar sind und die Organisation schnell auf neue Erkenntnisse reagiert. Genau an diesem Punkt zeigt sich auch die historische Konstante in Pandemiegeschehen: Nicht jede Entscheidung ist im Nachhinein optimal, aber nicht jede Entscheidung kann ohne Informationsvorsprung als fahrlässig interpretiert werden.

Im Ausschuss ergänzte der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit die Debatte um den Aspekt der Wirksamkeitsbewertung. Aus heutiger Sicht, so seine Einschätzung, sei der positive gesundheitliche Gesamtnutzen pauschaler, wiederholter und lang andauernder Schul- und Kontaktbeschränkungen für Kinder und Jugendliche nicht überzeugend belegt. Besonders wichtig ist dabei die Perspektive der Betroffenen: Kinder und Jugendliche hätten die damaligen Entscheidungen nicht selbst treffen können, müssten die Folgen aber nun tragen. Zugleich betont Schmidt-Chanasit, dass Entscheidungen auf Grundlage der jeweils zum damaligen Zeitpunkt verfügbaren Daten getroffen worden seien. Für die Bewertung aus heutiger Sicht müsse das berücksichtigt werden; die Einschränkungen seien damals auf dieser Datenbasis legitim erschienen. Das ist zugleich eine methodische Leitplanke für künftige Aufarbeitung: Rückfragen zu Effektstärken und Nebenwirkungen sollten nicht das Entscheidungsrecht an sich in Zweifel ziehen, sondern die Qualität der Evidenz-Übersetzung in politische Maßnahmen messen.

Auch das Untersuchungstempo wirkt wie ein Zeitstempel für die politische Aufarbeitung. Der Corona-Untersuchungsausschuss war im Juni 2024 bereits auf Betreiben der AfD-Opposition eingesetzt worden, doch ein gerichtlicher Streit über die ursprünglich 43 Fragen verzögerte den Start. Nach den rechtlichen Auseinandersetzungen gelten nur noch 11 Fragen als zulässig; abgelehnte Fragen bezogen sich teils auch auf Bundes- und EU-Ebene. Dass alle anderen vier Fraktionen dem Verfahren mit dem Hinweis auf fehlende Hessen-Bezüge begegneten, zeigt, wie stark Kompetenzfragen die Erkenntnisgewinnung begrenzen können. Für die Praxis heißt das: Auch wenn wissenschaftliche Koordination gefordert wird, braucht es parallel eine politische und administrative Infrastruktur, die Untersuchungen so gestaltet, dass sie verwertbare Ergebnisse liefern können – etwa über Zuständigkeiten hinweg, wo Evidenz sonst im Silo verschwindet.

Unter dem Strich verbindet Streecks Beitrag mehrere Ebenen, die in der KI-Ära besonders relevant werden, auch wenn es hier primär um Virologie und Epidemiologie geht. Datenqualität, schnelle Messkapazität und reproduzierbare Entscheidungswege sind die Grundlage für jede evidenzbasierte Steuerung – sei sie klassisch medizinisch oder zunehmend datengetrieben, etwa über Modelle zur Auslastungsplanung oder zur Szenarienabschätzung. Gerade wenn Zielkonflikte wie Gesundheitsschutz versus psychische Belastung auftreten, entscheidet die Architektur der Zusammenarbeit darüber, ob unterschiedliche Disziplinen nur nebeneinanderstehen oder tatsächlich in eine gemeinsame Entscheidungslogik münden. Streecks Forderungen nach breiter Expertise, klarer Führung und konkreten Kapazitätszusagen lassen sich deshalb als Blaupause für „Krisenbetrieb“ lesen: nicht nur als Nachdenken über Fehler, sondern als Vorbereitung auf den Moment, in dem eine neue Pandemie unvorbereitet Datenlage und Handlungsfähigkeit gleichzeitig testet.

Für Organisationen, die künftige Krisenplanung verantworten, ist das konkret anschlussfähig: Wer Test- und Laborkapazitäten, Impflogistik und Expertengremien künftig als zusammenhängendes System versteht, reduziert die Zeit zwischen Erkenntnis und Aktion. Gleichzeitig sollten Entscheidungsprozesse so dokumentiert werden, dass spätere Bewertungen nicht im Streit über Intentionen steckenbleiben, sondern überprüfbar machen, auf welchen Informationen Entscheidungen basierten. Die Debatte im Ausschuss zeigt damit auch, wie wichtig die spätere Aufarbeitung für Vertrauen ist: nicht als pauschale Schuldzuweisung, sondern als strukturierte Rekonstruktion von Unsicherheit, Evidenz und Handlungszwängen. Genau daraus kann eine belastbare Lehre entstehen, die in der nächsten Welle nicht nur „mehr Wissen“, sondern vor allem bessere Entscheidungsfähigkeit unter Unsicherheit verlangt.


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