WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die von Donald Trump verfolgte Entkopplung von China zeigt in den Handelszahlen zwar Effekte, doch viel deutet auf Umgehung durch Drittstaaten hin. Ein Beispiel aus der Praxis beschreibt, wie chinesische Produzenten Waren über Malaysia in die USA schicken, aber dabei Verpackung, Etiketten und Zollunterlagen anpassen müssen. Gleichzeitig verschiebt Apple die Smartphone-Endmontage nach Indien, um Zölle abzufedern. Ob dabei tatsächlich weniger chinesische Wertschöpfung im Spiel ist, bleibt laut Analyse offen.

Wenn Xi Jinping Washington ansteuert, ist die politische Kernfrage zur aktuellen US-Strategie schnell gestellt: Lässt sich die Abhängigkeit der USA von China tatsächlich durch Zölle reduzieren? Die Vorlage zeichnet ein gemischtes Bild. Anfangs wirken die klassischen Kennzahlen wie eine Bestätigung: Das bilaterale Handelsdefizit im Güterhandel soll sich laut dem in der Vorlage zitierten Aufsatz von Chad Bown von 418 Milliarden US-Dollar im Jahr 2018 auf zuletzt 203 Milliarden US-Dollar halbiert haben. Auch die Wareneinfuhr der USA aus China wird mit -28 Prozent (preisbereinigt) im letzten Jahr gegenüber einem Plus von +9 Prozent aus dem Rest der Welt beschrieben. Allein diese Entwicklung könnte wie eine Entkopplung aussehen – sie ist aber nur der Einstieg in eine viel kompliziertere Lieferkettenrealität.
Der entscheidende Punkt folgt auf dem Fuß: „Entkoppelt“ heißt nicht automatisch, dass in den importierten Produkten weniger China steckt. Genau hier kommen die in der Vorlage erwähnten Zwischenhändler ins Spiel, deren Geschäft auf sogenannten Rerouting- und Transshipment-Modellen beruht. Transshipment meint, dass Waren nicht nur durch einen anderen Hafen laufen, sondern dass Herkunfts- und Lieferdetails für den US-Importprozess angepasst werden müssen. Im Beispiel eines chinesischen Unternehmers aus Malaysia wird auf Xiaohongshu geschildert, dass für die Umleitung der Waren nicht einfach „der Container gewechselt“ werde: Verpackung und Etiketten müssten angepasst, Zertifikate und die Zollerklärung müssten zur Lieferung passen, und der Vorgang dauere mindestens zwei Wochen. Der technische Kern dahinter ist simpel, aber aufwendig: Logistik und Dokumentationskette bilden eine zusammenhängende Einheit – und damit auch eine Angriffsfläche für Betrug, falls wesentliche Angaben nicht stimmen.
Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich laut Vorlage nicht vollständig in eine einzige Zahl pressen, aber die Größenordnung der Abhängigkeit von Umleitungsrouten wird greifbar. Lieferungen aus Malaysia sollen die USA nach Angaben der CIMB demnach mit einem durchschnittlichen effektiven Zollsatz von rund fünf Prozent belasten, während Zölle bei Lieferungen aus China nach Berechnungen von Ökonomen der Universität von Pennsylvania mit fast 23 Prozent zu Buche schlagen. Diese Differenz schafft ökonomischen Druck, selbst wenn ein Teil der Umleitung legal im Sinne der Zollregelwerke sein kann. Mary Lovely vom Petersen Institute stellt in der Vorlage deshalb die Schlüsseleigenschaft einer „sichtbaren“ Entkopplung infrage: Wie viel chinesische Wertschöpfung steckt tatsächlich in US-Importen? Für 2017 bis 2024 wird ein Rückgang des chinesischen Wertschöpfungsanteils am amerikanischen Import von 17,7 auf 15,4 Prozent genannt – also um lediglich 2,3 Prozentpunkte. Der Befund passt zu der Logik von Umleitung: Man verlagert nicht zwingend die Material- und Vorproduktbasis, sondern verschiebt Produktionsschritte in andere Länder, in denen wiederum chinesische Vorprodukte stecken.
Das erklärt auch, warum in der Vorlage Begriffe wie „Routing“ und „Transshipment“ die Debatte dominieren. Am einen Ende steht laut Darstellung das häufige, aber nicht immer illegale Verschieben von Sendungen: Hergestellt werden die Güter in China, Händler bringen sie nach Malaysia oder Vietnam, etikettieren sie um und schicken sie weiter in Richtung USA. William Reinsch vom Center for Strategic and International Studies wird in der Vorlage als Handelsveteran mit der Einschätzung zitiert, dass dies bereits „echter Zollbetrug“ sein könne – und genau diese Differenz ist politisch heikel. Am anderen Ende stehen legale Geschäftsmodelle, in denen China als Zulieferer Teil einer mehrstufigen Wertschöpfungskette bleibt, die Zollseite aber eine wesentliche Verarbeitung in Drittstaaten anerkennt. Das Beispiel reicht von Stahlbrammen aus China, die in Südkorea zu weiterverarbeiteten Produkten werden, bis zu chinesischen Unternehmen, die in Kambodscha Fabriken für Güter wie Möbel, Reifen, Elektronik oder Spielzeug aufbauen. So bleibt die Herkunft teilweise „verdeckt“, während der rechtliche Status als südkoreanisches oder kambodschanisches Produkt anerkannt wird.
Parallel verschärft sich die Frage, ob Zollumgehung durch reine Zollhöhe überhaupt gebremst werden kann. Die Vorlage verweist darauf, dass die Zolldifferenz zwischen China und anderen Ländern seit einer Niederlage von Trump vor dem Obersten Gerichtshof im Durchschnitt noch rund 15 Prozent betrage. Damit sinkt für Exporteure der Anreiz, das rechtliche Risiko einer illegalen Handelsumleitung einzugehen. Gleichzeitig deutet die Darstellung auf eine gewisse Anpassung hin: Es wird berichtet, dass die chinesische Ausfuhr in die USA in diesem Jahr wieder steigt; bis Ende August sollen chinesische Zolldaten +6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gezeigt haben. Genau darin liegt auch der technische und organisatorische Hebel der Unternehmen: Wenn Spielräume zwischen Zollregeln und Umsetzungsaufwand abnehmen, verlagern Firmen eher auf legale, mehrstufige Produktionsmodelle oder verlagern Schritte in Länder, in denen die Dokumentation besser zur Zollklassifizierung passt.
Besonders sichtbar wird diese strategische Umstellung bei Smartphones, weil sie gleichzeitig ein Industrie- und ein Lieferkettenproblem sind. Als die USA iPhones aus chinesischer Produktion Anfang 2025 mit Einfuhrzöllen belegten, habe Apple laut Chad Bown die Produktion nach Indien verlagert. Apple selbst beziehungsweise die in der Vorlage genannten Auftragsfertiger Foxconn und Tata Electronics sollen dabei schnell umgelenkt haben: Von März bis Mai 2025 seien rund 97 Prozent der von Foxconn in Indien gefertigten iPhones in die USA gegangen; bei Tata Electronics werden für März und April 86 Prozent genannt. Im Jahr 2024 lag der Anteil bei beiden Unternehmen noch bei etwa 50 Prozent. Für die zweite Jahreshälfte folgt daraus ein deutlicher Verschiebungseffekt: In den letzten neun Monaten sollen nur noch 40 Prozent der US-Einfuhr an Smartphones aus China gekommen sein, während 46 Prozent aus Indien stammen. Die Vorlage ergänzt allerdings die offene Flanke: Lovelys Frage bleibt bestehen, wie viel China in indischen iPhones steckt. iPhones bestehen aus mehr als 2500 Komponenten, die aus vielen Ländern stammen und typischerweise in China zusammengefügt werden, heißt es – und damit kann Indien für die Gesamtware zwar „anders“ aussehen, die chinesische Wertschöpfung aber dennoch hoch bleiben.
Für die Abkopplungsstrategie bedeutet das: Zölle können die geografische Verteilung einzelner Fertigungsschritte verändern, aber sie ersetzen nicht automatisch ganze Vorproduktökosysteme. Die Vorlage ordnet das mit einer erwarteten Grenze ein: Breit angelegte Zölle verringerten die Abhängigkeit von China nur begrenzt, weil dort, wo China die Märkte für Vorprodukte dominiert und Alternativen fehlen, höhere Zollkosten keine neuen Lieferanten „herbeizaubern“. Stattdessen wandere die Produktion dann häufig nur in ein Drittland. Außerdem könne ein Zollanstieg auf Waren aus Ersatzstandorten die Verlagerung zusätzlich erschweren, etwa wenn Länder wie Vietnam noch nicht über genügend eigene Zulieferstrukturen verfügen. Die politische Reaktion in der Vorlage geht deshalb Richtung Kontrolle: Das Weiße Haus will die US-Zollbehörde mit Künstlicher Intelligenz ausrüsten, um Betrugsfälle schneller aufzuspüren. Trumps Handelszar Peter Navarro kündigte das im August an, nachdem eine Studie über den Zollbetrug mit dem Titel „The Great Transshipment Scam“ vorgestellt worden war; dem Handelsministerium zufolge wurden im vergangenen Jahr chinesische Waren im Wert von rund 67 Milliarden US-Dollar über drei zentrale Drehscheiben in die USA umgeleitet, darunter Mexiko, Indien und Vietnam. Unterm Strich deutet die Vorlage damit nicht auf ein Scheitern der Strategie, sondern auf eine Realität, die Unternehmen, Zollbehörden und Regierungen gleichermaßen betrifft: Entkopplung ist weniger eine Frage von Zolltarifen als von nachweisbarer Wertschöpfung entlang der gesamten Lieferkette.
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