LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs bleibt bei einer Gold-Prognose von 5.400 US-Dollar je Unze bis Ende 2027. Die Bank erwartet, dass höhere Fed-Zinsen die Rallye eher ausbremsen als endgültig stoppen. Laut Analystin Lina Thomas wirken sich die Zinssteigerungen vor allem in einem langsameren kurzfristigen Wertzuwachs aus. Zentralbankkäufe bleiben dabei der dominierende Treiber – trotz kurzfristiger Gegenwinde durch ETF-Nachfrage.

Die Diskussion um den Goldpreis bekommt mit der aktuellen Fed-Zinsdebatte neuen Schub – aber nicht im Sinne eines klaren Richtungswechsels. Goldman Sachs argumentiert, dass die Zinserhöhungen der US-Notenbank die Bewegung nach oben nicht abrupt abwürgen werden, sondern sie zunächst eher verlangsamen. Im Kern geht es damit um die Frage, ob der Markt bei Gold überwiegend einen höheren Zins als endgültiges Bewertungsrisiko einpreist oder ob die geldpolitische Straffung nur die Geschwindigkeit der Wertentwicklung verändert. Die Prognose der Investmentbank zielt jedenfalls auf einen weiterhin steigenden Pfad bis Ende 2027.
Konkreter wird es bei den Erwartungen zur US-Geldpolitik: Analystin Lina Thomas rechnet damit, dass die Fed zwischen September 2027 und März 2028 voraussichtlich drei Zinssenkungen vornehmen wird. Gleichzeitig soll die Terminal Rate, also die Leitzins-Endphase, unverändert bleiben. Für kurzfristige Goldinvestoren ist das wichtig, weil höhere Realzinsen und die Konkurrenz zu zinszahlenden Anlagen typischerweise den Appetit auf zinslose Assets dämpfen – insbesondere bei Produkten, die stark an die Nachfrage nach börsengehandelten Fonds gekoppelt sind. Thomas stellt deshalb nicht die Existenz des Gegenwinds infrage, sondern die These, dass daraus ein niedriger finaler Goldpreis entstehen müsse.
Die Bank legt den Mechanismus bewusst anders aus als viele klassische Gold-Bullen-Argumente, die vor allem auf „steigende Unsicherheit“ setzen. Thomas betont, dass die Wirkung der strafferen Geldpolitik eher über einen langsameren kurzfristigen Wertzuwachs sichtbar werde als über einen endgültig niedrigeren Preis. „Wir erwarten, dass sich die Auswirkungen der straffteren Geldpolitik primär in einem langsameren kurzfristigen Wertzuwachs und nicht in einem niedrigeren finalen Goldpreis niederschlagen werden.“ In der gleichen Einordnung senkte Goldman Sachs den fairen Wert zum Jahresende von 4.900 auf 4.650 US-Dollar pro Unze, was weiterhin oberhalb des aktuellen Niveaus von rund 4.350 US-Dollar liegt. Bemerkenswert ist außerdem, dass bereits ein wesentlicher Teil der geldpolitischen Straffung laut der Analystin in der ETF-Nachfrage eingepreist sei.
Damit verschiebt sich der Fokus stärker auf den strukturellen Teil der Nachfrage. Zentralbankkäufe bleiben nach dieser Argumentation der wichtigste Treiber und sollen fast die gesamten erwarteten 23 % Wertsteigerung bis Ende 2027 liefern. Goldman Sachs nennt dafür ein konkretes Bild: Die monatlichen Käufe belaufen sich demnach auf rund 91 Tonnen. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt von 17 Tonnen vor 2022. Genau diese Diskrepanz erklärt, warum das Institut trotz der kurzfristigen Belastung durch höhere Zinsen nicht mit einem Preisbruch rechnet. Während ETF-Zuflüsse kurzfristig volatil sein können, kann eine anhaltende staatliche Nachfrage den Preis statistisch „stützen“ – auch wenn private Anleger zeitweise abwarten.
Parallel beobachtet Goldman Sachs im Optionsmarkt, dass sich Anleger gegen makroökonomische Risiken absichern. Die Bank verweist auf eine robuste Nachfrage nach Call-Optionen auf Gold, die als Signal dafür gelesen werden kann, dass viele Marktteilnehmer weiterhin Aufwärtspotenzial einpreisen, gleichzeitig aber die Unsicherheit nicht als erledigt betrachten. Gleichzeitig warnt Thomas jedoch vor einer höheren zweiseitigen Volatilität: nicht nur „rauf“, sondern auch „runter“ könne es stärker ausschlagen. Für Portfolioentscheidungen bedeutet das: Wer Gold als strategische Allokation versteht, sollte kurzfristige Schwankungen nicht als Widerspruch zur langfristigen These lesen, sondern als Folge eines Umfelds, in dem Zinsnarrative und Absicherungsnachfrage gleichzeitig wirken.
Das Szenario-Risiko liegt laut der Analystin weniger im Grundtrend als in der Geschwindigkeit einer möglichen geldpolitischen Neubewertung. Ein deutlich restriktiverer Kurs der Fed könnte demnach eine überdurchschnittlich scharfe Korrektur auslösen – also ein Marktgeschehen, das nicht nur auf den Endpreis wirkt, sondern auch auf die Risikoprämie und damit auf die Preisbildung in kurzer Frist. Genau hier wird sichtbar, warum Gold in der Praxis oft wie ein „Makro-Barometer“ gehandelt wird: Sobald sich Erwartungen an Realzinsen oder Wachstumspfad abrupt ändern, reagieren sowohl Liquidität als auch Derivate-Preise. Für Unternehmen und Investoren heißt das, dass Timing und Risikomanagement bei Goldengagements genauso relevant bleiben wie der langfristige Investment-Case.
Aus strategischer Sicht liefert die Goldman-Einschätzung damit zwei Botschaften: Erstens sollten Zinsanstiege nicht automatisch als Untergangsszenario für den Goldpreis interpretiert werden, wenn gleichzeitig eine strukturelle Nachfragekomponente – hier vor allem Zentralbankkäufe – dominiert. Zweitens können Prognosen kurzfristige Anpassungen enthalten, ohne den langfristigen Aufwärtspfad aufzugeben; die Reduktion des fairen Werts zum Jahresende von 4.900 auf 4.650 US-Dollar pro Unze zeigt genau diese Differenz zwischen „Tempo“ und „Zielwert“. Wer Gold als Bestandteil einer Absicherungs- oder Diversifikationsstrategie nutzt, kann daraus ableiten, dass der Markt vermutlich weiterhin in Phasen arbeitet: erst Gegenwind bei der ETF-Nachfrage, dann Abfederung durch staatliche Nachfrage – solange die Erwartungen zur Zinsentwicklung nicht deutlich kippen.
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