LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Studie verknüpft den Ausbau des Internets mit sinkender religiöser Selbstverortung in 81 Ländern. Die Auswertung basiert auf Daten von 1990 bis 2022 und nutzt dabei zeitverzögerte Modellierung. Dabei bleibt der Zusammenhang auch bestehen, wenn Forscher andere Modernisierungsfaktoren rechnerisch berücksichtigen. Gleichzeitig zeigt die Analyse Unterschiede: Online-Nutzung wirkt besonders stark auf formale Zugehörigkeit und religiöse Identität.

Die Frage, ob die digitale Vernetzung eher Religion stärkt oder schwächt, wird seit Jahren intensiv diskutiert. Eine neue Studie liefert dafür jetzt eine globale Datengrundlage, statt sich auf einzelne Länder oder kurze Momentaufnahmen zu beschränken. Konkret deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Länder mit schneller wachsender Internetdurchdringung später im Durchschnitt weniger religiös werden – sowohl bei der Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften als auch bei der Selbstidentifikation. Das ist bemerkenswert, weil damit ein Mechanismus ins Spiel kommt, der über klassische Modernisierungserklärungen hinausgeht und den Ausbau digitaler Infrastruktur als eigenständigen Faktor betrachtet.
Methodisch baut die Arbeit auf mehreren Säulen auf: Die Forschenden kombinieren nationale Kennzahlen zur Internetnutzung mit sechs Wellen des World Values Survey, also einer international angelegten Erhebung zu Überzeugungen und Wertvorstellungen. Für religiöse Ausprägungen konstruieren sie einen Index aus mehreren Dimensionen, darunter etwa Kirchenbesuche, die persönliche Bedeutung Gottes, die allgemeine Wichtigkeit von Religion, die Selbsteinschätzung der religiösen Identität, Vertrauen in Kirchen sowie formelle Zugehörigkeit zu einer Konfession. Damit messen sie Religiosität nicht nur eindimensional, sondern versuchen sie als mehrteilige Größe zu erfassen. Entscheidend ist außerdem, dass die Modelle Veränderungen innerhalb jedes Landes über die Zeit betrachten, statt Länder nur anhand ihrer wirtschaftlichen Unterschiede zu vergleichen.
Um den zeitlichen Zusammenhang sauberer zu fassen, nutzen die Autorinnen und Autoren eine Verzögerung im Rechenansatz: Internet-Ausbau in einer Erhebungsperiode wird den religiösen Werten in der folgenden Erhebungsperiode gegenübergestellt. Dadurch entsteht eine Reihenfolge der Trends, die zumindest statistisch besser zu der Frage passt, ob digitale Expansion später mit Religionsrückgang einhergeht. Das Ergebnis ist ein konsistentes Muster: Steigt die Internetpenetration in einem Land, sagt das zuverlässig spätere Abnahmen im Durchschnitt der Religiosität voraus. Dieser negative Zusammenhang bleibt auch dann erkennbar, wenn die Forschenden andere Modernisierungsgrößen einrechnen – etwa Wohlstand pro Kopf, Bildungsjahre, Urbanisierung, Globalisierung, demografische Alterung sowie Einkommensungleichheit.
Quantitativ ordnen die Autorinnen und Autoren die Effekte so ein, dass sie zwar statistisch relevant, aber nicht überwältigend groß sind. In der Interpretation heißt es sinngemäß: Wenn die Internet-Diffusion um eine Standardabweichung zunimmt, sinkt die Gesamt-Religiosität im Mittel um ungefähr 0,20 Standardabweichungen. Dabei fällt auf, dass Internetdurchdringung in den Modellen als robustester Prädiktor für religiellen Rückgang unter den berücksichtigten Modernisierungsvariablen heraussticht. Gleichzeitig betont die Studie, dass der Befund nicht als endgültiger Beweis für Kausalität gelesen werden darf: Die Autoren testen zwar eine Richtung über den Zeitversatz, finden aber auch Hinweise, dass frühere Religiositätswerte später wiederum mit der Internetadoption zusammenhängen können. Das spricht für eine mögliche wechselseitige Dynamik, bei der digitale Expansion und religiöser Wandel sich gegenseitig beeinflussen.
Besonders wichtig für die inhaltliche Einordnung ist die Differenzierung: Der stärkste negative Zusammenhang zeigt sich bei institutioneller Zugehörigkeit und bei der Selbstidentifikation als religiöse Person. Mit anderen Worten: Wenn eine Bevölkerung mehr Zeit online verbringt, sinkt vergleichsweise eher, wer formell zu einer Konfession gehört oder sich überhaupt als religiös bezeichnet. Dagegen sind die Effekte auf zeitintensive Praktiken wie den regelmäßigen Gottesdienstbesuch oder auf Urteile wie „Gott ist sehr wichtig“ kleiner und weniger stabil. Das legt nahe, dass digitale Vernetzung vor allem Identitätsmarker und formelle Zugehörigkeiten schneller verschieben kann, während gelebte Rituale unter Umständen länger resistent bleiben oder sich anders anpassen. In den Worten eines der Forschenden: „The simplest takeaway is that as societies became more connected to the internet, they also tended to become less religious, “ und die Aussage wird ergänzt durch: „The associations were meaningful, but not huge.“
Auch eine externe Einordnung unterstreicht diese Lesart: In der Einschätzung eines unabhängigen Soziologen wirkt die Arbeit „robust“ und ordnet den Zusammenhang zwischen Internetdiffusion und geringerer Religiosität in die Tradition säkularisierungstheoretischer Argumente ein, nach denen der Informationszugang und die Konfrontation mit anderen Weltanschauungen die Plausibilität etablierter Deutungsstrukturen schwächen. Zugleich wird betont, dass Religion nicht automatisch „verschwindet“, sondern sich verändert und in vielen Formen weiterlebt. Denn das Internet ermöglicht nicht nur säkularen Informationskonsum, sondern auch die Koordination digitaler religiöser Gemeinschaften. Die Studie selbst weist zudem auf Grenzen hin: Sie nutzt Aggregatdaten auf Länderebene, kann also nicht direkt abbilden, wie einzelne Menschen online handeln und wie spezifische Nutzungsarten – etwa religiöses Mitlesen versus säkularer Contentkonsum – die Entwicklung prägen.
Für die Technik- und Digitalstrategie großer Unternehmen und Plattformbetreiber steckt in solchen Ergebnissen vor allem eine Frage nach der Wirkungskette: Wenn digitale Netzwerke Selbstverortung und institutionelle Zugehörigkeit beeinflussen, heißt das nicht nur, dass Inhalte Reichweite bekommen, sondern dass digitale Interaktionsformen auch soziale Umfelder umstrukturieren. Aus Perspektive der KI-gestützten Personalisierung ist das relevant, weil Empfehlungssysteme nicht „Religion“ oder „Säkularität“ erkennen müssen, um indirekt auf Identitäten einzuwirken: Sie steuern, welche Gruppen, Deutungen und Narrative Nutzende häufiger sehen. Gleichzeitig ist die Zukunftsannahme offen. Der Autor sagt wörtlich: „It is important to understand that our findings relate to a particular historical period of rapid internet diffusion, “ und ergänzt: „There is no reason to assume that the secularizing pattern associated with internet diffusion will persist in the future.“ Das unterstreicht, warum Unternehmen ihre gesellschaftlichen Auswirkungen nicht als statische Endzustände denken sollten, sondern als dynamische Prozesse, die mit neuen Plattformformen und Community-Praktiken variieren.
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