LONDON (IT BOLTWISE) – Ein restaurierter Apollo Guidance Computer (AGC) kann laut Ken Shirriff aus dem Jahr 2019 pro 10,3 Sekunden einen Bitcoin-Hash berechnen. Damals reichte das nur dazu, einen bereits geminten Block rechnerisch nachzuvollziehen. Bei der aktuellen Hashrate von 934 EH/s würde derselbe AGC heute jedoch etwa 13 Millionen Mal so lange wie das Alter des Universums brauchen, um einen Block zu finden. Der Vergleich macht Proof-of-Work greifbar – und zeigt, warum Rechenleistung und Difficulty für Mining inzwischen alles entscheiden.

Apollo-Computer statt Mining: Warum Bitcoin heute Millionen Jahre bräuchte
Apollo-Computer statt Mining: Warum Bitcoin heute Millionen Jahre bräuchte (Foto: IT BOLTWISE)
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Die virale Wiederentdeckung einer eher skurrilen Bastelarbeit trifft einen wunden Punkt der Krypto-Debatte: Nicht die Frage, ob Bitcoin „funktioniert“, sondern wie drastisch sich Rechenleistung, Zielschwelle und Zeitdauer im Mining geändert haben. Ausgangspunkt ist ein Apollo Guidance Computer, kurz AGC, der die Apollo-Astronauten auf Kurs hielt und Motorsteuerungen unterstützte. Der Computer ist historisch, die Idee dahinter wirkt zugleich wie ein Lehrstück über Kryptografie und Rechenaufwand: Ken Shirriff und sein Team ließen den AGC in einem Projekt aus dem Jahr 2019 Bitcoin-Mining-Logik ausführen – nicht, um profitabel zu werden, sondern um die Mechanik von Proof-of-Work als Programmieraufgabe sichtbar zu machen.

Technisch betrachtet ist der AGC ein passendes „Museumsobjekt“, weil er im Kern für deterministische Berechnung ausgelegt war. In Shiriffs Beschreibung wiegt die konkrete Einheit etwa 70 Pfund, arbeitet mit rund 2K Worten RAM (also ungefähr 4 Kilobytes) und verfügt über 36K Worte read-only Speicher. Bei der Rechenleistung kommt noch eine Größenordnung dazu, die in heutigen Diskussionen oft untergeht: Der AGC schafft ungefähr 40.000 Additionen pro Sekunde. Entscheidend ist aber nicht die Addition, sondern die Implementierung der Hash-Funktion. Shirriff schrieb die Mining-Software in AGC-Assembler, ließ sie einen SHA-256-Hash berechnen und nutzte dabei den Umstand, dass Bitcoin jeden Block-Header zweimal hasht. Dadurch ergab sich in seiner Rechnung eine Zeit von 5,15 Sekunden pro SHA-256-Hash und damit 10,3 Sekunden pro Bitcoin-Hash-Iteration.

Damit beantwortet sich auch, warum der „Stunt“ trotz korrekter Ergebnisse keine Bitcoins erzeugte. Um die Logik zu testen, fütterte Shirriff dem System den Block 286,819, der zu diesem Zeitpunkt längst gemined war. Der AGC konnte den Hash korrekt reproduzieren, doch das System gewann daraus nichts mehr, weil das Mining im eigentlichen Sinne eine Trefferbedingung erfüllen muss: Der berechnete Hash muss innerhalb der aktuellen Difficulty die Zielvorgabe unterschreiten. In der 2019er Netzwerkrealität lag die Hashrate bei etwa 65 EH/s, also rund 65 Quintillionen Hashes pro Sekunde. Shiriffs Abschätzung ergab für den AGC ungefähr 4×10^23 Sekunden im Durchschnitt, um einen Block zu finden. In Relation zur „Lebensdauer“ des Universums (für deren Größenordnung etwa 4,3×10^17 Sekunden angesetzt werden) entspricht das laut seiner Rechnung grob „einer Million Mal“ dem Alter des Universums – ein Bild, das so klar ist, dass es auch ohne jede Spekulation auskommt.

Die eigentliche Schlagkraft der neuen Durchläufe entsteht aus dem Update der Rahmenbedingungen. Das Bitcoin-Netzwerk ist seit 2019 deutlich stärker geworden. Für September 2026 wird eine Hashrate von 934 EH/s genannt, nachdem eine Difficulty-Justierung zum 5. September die Mining-Schwierigkeit um 1,31% erhöht hatte. Dabei fällt die aktuelle Difficulty in die Größenordnung von 127,45 Billionen. Skalieren wir nun Shiriffs Schätzung, bleibt die Logik gleich, nur das Verhältnis zwischen „damals verfügbarer Netzwerkleistung“ und „heute verfügbarer Netzwerkleistung“ verändert sich: Der AGC muss demnach nicht nur gegen 65 EH/s antreten, sondern gegen rund 14-mal mehr. Auf dieser Basis landet man bei ungefähr 5,8×10^24 Sekunden für einen Block – also etwa 13 Millionen Mal so lange wie das Alter des Universums. Genau dieser Sprung macht verständlich, warum Proof-of-Work in der Praxis nicht von historischen Computerbeispielen „aushebelt“ wird, sondern nur durch sehr konkrete Energie- und Hardwareökosysteme realistisch ist.

Auch die wirtschaftliche Seite lässt sich aus der gleichen Quelle ableiten, ohne dass man nachträglich Annahmen ergänzen muss. In den genannten Zahlen rückt das Block-Subsidy als Haupttreiber in den Vordergrund: Neben dem steigenden Hashpreis wird darauf verwiesen, dass Gebührenanteile am Miner-Reward nur einen kleinen Bruchteil ausmachen. Konkret heißt es, dass hashprice um 22,24% auf 39,63 US-Dollar pro Petahash und Tag gestiegen sei, während Gebühren lediglich 0,43% der Miner-Rewards ausmachen. Für Unternehmen und Betreiber heißt das: Die „schnelle“ Frage ist nicht allein, wie viele Hashes pro Sekunde verfügbar sind, sondern wie stark sich das Verhältnis aus erwarteten Erträgen, Difficulty und Stromkosten im Betrieb verschiebt. Die Mining-Industrie bleibt dadurch stark am Hardware- und Anlagenportfolio gekoppelt – weniger an Experimenten, mehr an Skalierung und Effizienz.

Parallel zeigt die Quelle, dass der Markt um Bitcoin herum weiter Taktung vorgibt. So wird für den genannten Zeitraum ein Anstieg über 81.000 US-Dollar erwähnt, inklusive eines Intraday-Hochs von 81.238 US-Dollar und einer anschließenden Einordnung um 80.800 US-Dollar. Gleichzeitig wird der Hinweis ergänzt, dass die Difficulty zu Jahresbeginn in der Größenordnung um 13% unter dem Startwert liege. Das ist für viele Leser der „Brückeffekt“ zwischen Tech und Finance: Preisbewegungen verändern die Erwartung an Erträge, während Difficulty und Hasrate direkt bestimmen, wie viel Rechenarbeit in Zeit und Energie übersetzt wird. Für technische Teams bedeutet das im Alltag: Planungsmodelle sollten nicht nur Hashrate und Auslastung betrachten, sondern auch die Art, wie sich Blocksubsidy und Gebührenstrukturen im Zeitverlauf verhalten – denn genau dort entscheidet sich, ob Mining als Industrieprozess resilient bleibt.

Insgesamt ist das Projekt um den AGC weniger ein „Gag“ als eine selten anschauliche Demonstration dessen, was Proof-of-Work in der Praxis bedeutet: dieselbe kryptografische Grundoperation (SHA-256), dieselbe Logik des zweimaligen Hashens pro Header – aber eine komplett andere Größenordnung von Wahrscheinlichkeit, weil die Difficulty und die Netzwerkleistung die Suchzeit massiv verschieben. Historisch betrachtet ist das ein wiederkehrendes Muster in der Kryptografie- und Sicherheitsforschung: Was in einer kleinen Testumgebung funktioniert, wird im Live-Betrieb erst im Zusammenspiel von Parametern und Ressourcen „übersetzt“. Und genau deshalb lohnt sich der Blick in die Details: Ein historischer Computer kann die Mechanik nachvollziehen, doch er konkurriert heute nicht gegen „einen Rechner“, sondern gegen ein globales, optimiertes Mining-Ökosystem.


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