LONDON (IT BOLTWISE) – Das britische Startup Unit1 hat rund 20 Millionen US-Dollar eingesammelt, um Musiker als digital „hyper-realistische“ Avatare auf die Bühne zu holen. Im Fokus stehen virtuelle Shows für Künstler, die nicht mehr touren, sowie die Neuinszenierung bekannter Auftritte verstorbener Stars. Das Unternehmen arbeitet dafür mit Archivmaterial, mit Schauspielern und Musikern sowie mit Motion-Capture-Tests in einem Studio. Ziel ist eine Aufführung, die für das Publikum wie eine menschliche Performance wirkt – ohne eigenen großen Veranstaltungsraum wie bei bisherigen Vorreitern.

UK-Startup Unit1 sichert 20 Mio. US-Dollar für KI-Avatare von Konzerten
UK-Startup Unit1 sichert 20 Mio. US-Dollar für KI-Avatare von Konzerten (Foto: IT BOLTWISE)
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Unit1 adressiert ein Spannungsfeld, das die Musikindustrie schon länger beschäftigt: digitale Bühnenbilder sind nicht neu, aber die Grenze zur Illusion einer „menschlichen“ Performance wird gerade mit KI-gestützten Avataren neu gezogen. Das britische Startup, das 2023 von Entertainment-Manager Barney Wragg gegründet wurde, hat laut den vorliegenden Angaben eine Finanzierung nahe 20 Millionen US-Dollar erhalten. Damit will Unit1 die technische und kommerzielle Lücke schließen, die zwischen einzelnen Pilotprojekten und skalierbaren virtuellen Konzertformaten liegt – also nicht nur Visuals aus dem Off zu liefern, sondern die Ausstrahlung so zu gestalten, dass Zuschauer die digitale und die physische Welt als Einheit wahrnehmen.

Im Kern geht es um die Erzeugung von digitalen Avataren, die nach Unternehmensangaben „hyper-realistisch“ wirken sollen. Bei der Neuinszenierung von Auftritten verstorbener Künstler plant Unit1, die Avatare aus einer Mischung von Archivmaterial zu entwickeln und zusätzlich dafür Personen zu engagieren, die den Star optisch oder musikalisch verkörpern. Erst danach werden die verschiedenen Datenströme zusammengeführt. Technisch knüpft das an bewährte Pipelines aus der Motion-Capture-Industrie an: Für das Pilotprojekt wurde die Sängerin und Songwriterin KT Tunstall in einem Londoner Studio gefilmt und mit Motion-Capture-Kameras in eine zwei Jahrzehnte alte Performance „überführt“. Das Ziel dabei ist nicht, ein statisches Bild zu ersetzen, sondern Gesichts- und Bewegungsdetails zu aktualisieren, sodass die Darstellung in einem Live-ähnlichen Setting konsistent bleibt.

Der Markt liefert dafür eine klare Blaupause – und gleichzeitig einen Hinweis auf das nächste Problem. Schon länger existiert in der Branche die Idee, große Stars als Avatare oder Hologramme zu zeigen, etwa in Form öffentlichkeitswirksamer Projektionen bekannter Namen. Popkulturell wurde das Konzept zuletzt stärker verbreitet, als 2022 „Abba Voyage“ startete: Dort laufen Avatare der schwedischen Popgruppe in einem eigens dafür gebauten Veranstaltungsort in Ost-London. Unit1 will nun eine Art „Cut-Price“-Variante dieses Ansatzes anbieten, indem digitale Shows nicht zwangsläufig einen dedizierten Raum erfordern. Wenn Avatare und Show-Setup portierbar werden, könnte eine Produktion theoretisch in mehreren Ländern parallel laufen – vor allem, wenn Rechteinhaber, Veranstalter und die technische Infrastruktur als Paket gedacht werden.

Damit verlagert sich der Schwerpunkt von der reinen Bildsynthese auf IP- und Lizenzfragen sowie auf die Frage, wie viel „Live“-Charakter sich technisch wirklich abbilden lässt. Unit1 kündigt an, dass die frischen Mittel in Forschung und Entwicklung fließen sollen – inklusive dem Aufbau von Rechten und Lizenzmodellen für Künstler sowie deren Nachlässe. Gleichzeitig setzt das Unternehmen auf ein hybrides Bühnensetup: reale Musiker sollen live Instrumente spielen, während digitale Performer auf einer hochauflösenden LED-Fläche erscheinen. Durch zusätzliche Lichteffekte, Ton- und Bühnen-Props soll die Illusion einer durchgehend menschlichen Performance entstehen. Für das Audience-Erlebnis ist das entscheidend, denn visuelle Artefakte oder zeitliche Unstimmigkeiten zwischen Licht, Sound und Bewegungsdaten würden die Immersion sofort beschädigen.

Wragg beschreibt den Ansatz außerdem als nahtlose Verbindung zwischen digitalem und physischem Raum; die Idee dahinter ist, die Zuschauerperspektive so zu gestalten, dass das Publikum den Wechsel zwischen „realer“ und „digitaler“ Anwesenheit nicht als Schnitt, sondern als Kontinuität erlebt. Für Unternehmen bedeutet das: Produktionsteams brauchen dafür weniger „reine Visualisierung“, sondern eher eine orchestrierte Medienkette aus Capture, Rendering, Latenzmanagement, Stage-Integration und Tonmischung. Wer bisher vor allem in Content-Silos dachte, muss die Abläufe ähnlich wie bei einer Streaming-oder Broadcast-Pipeline betrachten – mit klaren Anforderungen an Timing, Datenbereitstellung und Abnahmetests. Genau hier liegt auch die Chance für Tooling rund um KI-gestützte Avatare: Geräte- und Softwarekomponenten für Motion-Capture, Schnittstellen zwischen Studio- und Bühnenumgebung sowie Compliance-Workflows für Rechte- und Abspannlogik werden zu „Betriebssystemen“ der nächsten Konzertgeneration.

So überzeugend das Marketing klingt, so sensibel ist das Thema gesellschaftlich und emotional. Laut den vorliegenden Aussagen haben einige Fans frühere Pläne kritisiert, bei denen ein lebensgroßer KI-Avatar eines verstorbenen Künstlers vorgesehen war; die Ablehnung wurde dabei mit Rücksichtslosigkeit und Geschmack beschrieben. Unit1 begegnet dem mit einem Hinweis auf den Umgang mit Familienangehörigen und Nachlässen sowie mit dem Ziel, nur Inhalte umzusetzen, die gut dokumentiert und weithin bekannt sind. Für die Startup-Praxis heißt das: Der technische Reifegrad ist nur die halbe Miete; der andere Teil besteht darin, Prozesse zu etablieren, die Erwartungen an Authentizität, Einwilligung und Kontexttreue erfüllen. Selbst wenn konkrete Titel und Konzerte noch nicht genannt werden, zeigt die bisherige Positionierung, dass man nicht nur „sehen lassen“ will, sondern auch „erklären“ muss, warum eine digitale Rekonstruktion als respektvoll wahrgenommen wird.

Die Runde wird zudem durch bekannte Investoren getragen, darunter Balderton Capital sowie bestehende Geldgeber wie Mercuri und Paul McGuinness. Für den Technologiewettbewerb ist das relevant, weil es zeigt, dass Avatare nicht mehr nur ein Nischenprojekt aus der Gaming- oder Medienwelt sind, sondern potenziell in die Infrastruktur der Kulturproduktion einsortiert werden. Wenn Unit1 das Versprechen einlösen kann, Avatare ohne dedizierten Großstandort zu betreiben und dabei einen echten „Live“-Eindruck zu erzeugen, könnte das die Markteintrittsbarrieren für Veranstalter senken und gleichzeitig neue Lizenz- und Datenmodelle erzwingen. Entscheidend wird sein, wie schnell sich die Capture- und Produktionsprozesse industrialisieren lassen und ob die Qualität über verschiedene Bühnenbedingungen hinweg stabil bleibt.


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