BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – DIW-Präsident Marcel Fratzscher kritisiert einen neuen Tankrabatt als teuer, sozial ungerecht und ökonomisch kontraproduktiv. Er argumentiert, dass die Maßnahme Geld bindet, das der Bundesregierung fehlt, und letztlich von Arm zu Reich umverteile. Auch den geplanten Spritpreisdeckel bewertet er als zu optimistisch: Erwartet werde weniger als bei der tatsächlichen Preisbildung. Stattdessen fordert er direkte Transferzahlungen an Bürger.

Die Debatte um Entlastungen an der Tankstelle bekommt ausgerechnet von wirtschaftswissenschaftlicher Seite spürbaren Gegenwind: Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hält einen erneuten Tankrabatt für die falsche Antwort auf hohe Spritkosten. Seiner Einschätzung nach trifft die Maßnahme vor allem diejenigen, die ohnehin schon stark von Preisbewegungen profitieren, während die breite Bevölkerung nur begrenzt und zudem zeitlich verstreut entlastet würde. Gleichzeitig binde der Tankrabatt Mittel, die im Haushalt nicht einfach „zusätzlich“ verfügbar seien. Für Politik und Verwaltung ist das mehr als ein moralisches Urteil; es ist eine Frage, ob das Instrument die öffentliche Wirkung erzielt, die sich von ihm versprechen lässt.
Fratzscher macht seine Kritik dabei sehr konkret: „Der erneute Tankrabatt ist teuer, sozial ungerecht und ökonomisch kontraproduktiv“, sagte er dem Handelsblatt. In der Argumentation steckt ein klassisches Zielkonflikt-Dreieck aus Fiskalwirkung, Verteilungslogik und ökonomischer Effizienz. Ein Rabatt senkt zwar kurzfristig den Preis an der Kasse, aber er tut dies pauschal und damit unabhängig davon, wie stark einzelne Haushalte durch steigende Energiepreise tatsächlich belastet werden. Für die Regierung entsteht zudem ein Kosteneffekt, der in Konkurrenz zu anderen Ausgaben steht: Geld, das in kurzfristige Preisreduktionen fließt, fehlt bei strukturellen Maßnahmen, die soziale Härten längerfristig dämpfen könnten.
Neben dem Tankrabatt greift der DIW-Chef auch den geplanten Spritpreisdeckel an. Fratzscher argumentiert, dass die Erwartungen daran unrealistisch seien: „Die Erwartungen an den Spritpreisdeckel sind unrealistisch“, so seine Aussage. Der entscheidende Punkt ist die Funktionsweise solcher Deckel gegenüber einer volatil schwankenden Preisbildung. Ein Preisdeckel wirkt typischerweise dort, wo Preise eine definierte Obergrenze überschreiten, aber er kann nicht verhindern, dass der Markt insgesamt weiterhin Preisspitzen oder Schwankungen zeigt. Damit reduziert sich der Effekt häufig auf „einige“ Spitzenpreise, während der Rest der Dynamik unangetastet bleibt. Für Unternehmen und Haushalte bedeutet das: Entlastung ist dann eher punktuell als verlässlich planbar, was wiederum die Wirksamkeit politischer Zielsetzungen schmälert.
Aus seiner Sicht führt die logische Konsequenz zu einem anderen Instrument: direkte Transferzahlungen statt Preisinterventionen. Fratzscher verweist dabei explizit auf das Modell einer Energiepreispauschale und nennt als Beispiel 300 Euro pro Erwachsenen aus dem Jahr 2022. „Eine Transferzahlung wie die Energiepreispauschale von 300 Euro pro Erwachsenen von 2022 ist der einzig kluge und effektive Weg“, sagte er. Der wissenschaftliche Vorteil solcher Zahlungen liegt vor allem in der zielgenaueren Verteilung: Haushalte erhalten finanzielle Unterstützung unabhängig davon, wie viel und wann sie tanken. Damit lässt sich die Belastung durch gestiegene Lebenshaltungskosten eher adressieren, ohne dass das Instrument automatisch diejenigen stärker entlastet, die prozentual ohnehin mehr durch Preisänderungen profitieren.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Fratzscher die politische Umsetzbarkeit in den Mittelpunkt rückt: Seiner Darstellung nach fehle der Bundesregierung das Geld, um die Maßnahmen über Steuererhöhungen oder den Abbau von Subventionen gegenzufinanzieren. Das ist politisch relevant, weil es die Debatte von der reinen Frage „Was entlastet?“ hin zur Frage „Wie wird es finanziert und mit welchen Nebenwirkungen?“ verschiebt. In der Praxis erhöht dieser Rahmen den Druck auf die Entscheidungslogik: Ein Rabatt oder Deckel ist zwar kommunikativ leicht zu erklären, aber der langfristige Nutzen hängt davon ab, ob die Maßnahme fiskalisch tragfähig ist und ob sie verteilungs- und systemseitig die gewünschten Effekte erzeugt. Gleichzeitig bleibt offen, ob und wie sich Maßnahmen zur Entlastung mit mittelfristigen Reformzielen verzahnen lassen.
Für den Tech- und Politikbetrieb ist der Fall zugleich ein Beispiel dafür, wie stark Instrumentenwahl und Datengrundlage die Wirkungskette bestimmen. Während Preisregeln direkt an der Kaufentscheidung ansetzen, wirken Transfers über Haushaltsbudgets und damit indirekt über Konsum- und Zahlungsfähigkeit. Wenn die Politik im Energiesektor Entlastung plant, landet sie damit zwangsläufig bei Fragen nach Targeting, Verwaltungskosten und der Geschwindigkeit bis Zahlungen tatsächlich ankommen. Genau hier liegt der praktische Unterschied: Ein Rabatt adressiert den Moment der Tankfüllung, eine Transferzahlung dagegen kann so gestaltet werden, dass sie sich an Haushaltsbelastungen anlehnt und damit stabiler wirkt. Fratzschers Position legt deshalb nahe, die Diskussion weniger als Preisschild und mehr als Verteilungs- und Budgetentscheidung zu führen.
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