LONDON (IT BOLTWISE) – Offshore-Bitcoin-Futures sind laut aktuellen Onchain-Auswertungen um rund 97 % gegenüber 2021 zurückgefallen. Gleichzeitig haben Bitcoin-Optionen ihren Anteil am Open Interest deutlich ausgebaut und in Januar 2026 erstmals größere Positionsbestände als Futures erreicht. Der Markt ist damit nicht einfach von Futures zu Optionen gewechselt, sondern in zwei Hebel-Welten aufgeteilt: Perpetuals für Richtungshebel ohne Ablauf, Optionen für komplexeres Risikomanagement. Der Wandel wird zudem durch die zunehmende Nutzung von Stablecoins und Cash-ähnlichem Margin abgesichert, die die alte Coin-gestützte Abwärtsspirale entschärft.

Der Derivatemarkt rund um Bitcoin wirkt auf den ersten Blick wie ein Stellvertreterkrieg zwischen Futures und Optionen. Doch die aktuellen Zahlen zeichnen ein differenzierteres Bild: Über offshore gehandelten, datierten Futures ist auf den crypto-nativen Handelsplätzen in den vergangenen fünf Jahren ein deutlicher Niedergang zu sehen, während Optionen ihren Platz im Portfolio der Marktteilnehmer spürbar ausbauen. Gleichzeitig verschiebt sich die Hebel-Landschaft nicht nur in Richtung Optionen, sondern entlang eines grundlegenden Produktdesigns: Perpetual Futures fangen den Großteil des kontinuierlichen, richtungsorientierten Leverage ab, während Optionen stärker für die „Feinjustierung“ von Risiken genutzt werden.
Genau diese Trennung macht verständlich, warum „Futures verschwinden“ als pauschale Erklärung zu kurz greift. Datierte Futures besitzen einen festen Endtermin: Wer einen Kontrakt mit einem bestimmten Ablaufdatum kauft oder verkauft, muss am Ende entweder ausgleichen, schließen oder die Position in eine neue Laufzeit „rollen“. Das ist in klassischen Märkten mit standardisierten monatlichen oder quartalsweisen Kontrakten gut etabliert. Im 24/7-Umfeld von Krypto hingegen entsteht ein anderes Bedürfnis: Perpetuals entfernen das Ablaufdatum, halten den Preis über wiederkehrende Funding-Zahlungen nahe am Spot und erlauben es, eine Position so lange offen zu lassen, wie die Marge ausreicht.
Ein konkretes Beispiel aus dem Marktumfeld zeigt, wie stark die Präferenz für die „perp-seitige“ Liquidität ausfallen kann. In einem snapshot der Börse war das Open Interest in einem BTCUSDT Perpetual zur genannten Zeit um ein Vielfaches höher als in den beiden großen datierten, USD-marginierten BTC-Kontrakten mit späteren Abläufen. Auch das passt zur Grundidee: Wer linearen Richtungshebel will, bekommt ihn mit Perpetuals ohne die organisatorische Last des Rollens und ohne ständig die Frage, welche Fälligkeit gerade die beste Liquidität liefert. In dieser Logik wird datiertes Futures nicht über Nacht verdrängt, sondern zwischen zwei besser passenden Instrumenten aufgeteilt.
Damit wird auch klar, warum sich Optionen trotz der relativen „Konkurrenz“ nicht 1:1 als Ersatz für Futures lesen lassen. Ein Dollar Open Interest in einem Perpetual steht für ein überwiegend lineares Risiko-Exposure, während Optionsrisiko durch Strike, Laufzeit, implizite Volatilität und die Kurslage von Bitcoin gegenüber diesen Parametern geprägt wird. Genau darin liegt der Nutzen: Optionen erlauben es, große Bestände zu schützen, ohne die Position verkaufen zu müssen, und dabei zugleich ein begrenztes Nachteilsszenario (Downside-Schutz) mit einer möglichen Upside-Teilnahme zu kombinieren. Wer dagegen zwar einen großen Move erwartet, aber die Richtung nicht sicher einpreist, kann Volatilität „isolieren“, statt eine einfache Long- oder Short-Entscheidung zu treffen.
Die Entwicklung wirkt zusätzlich deshalb plausibel, weil sich die Marktteilnehmerbasis und die Art des Collateral in der Derivatelogik verändert haben. Frühere Krypto-Zyklen waren stärker von Teilnehmern geprägt, die bewusst direkt auf Preisbewegungen setzten. Heute halten US-Spot-ETFs Bitcoin über längere Zeiträume, Unternehmen in Form von Treasury-Positionen bauen ebenfalls Bestände auf, und Fonds- und Market-Making- bzw. Strukturierungsbereiche managen häufig Inventar. Für solche Halter steht oft nicht die Frage „mehr oder weniger Bitcoin“ im Vordergrund, sondern „welche Risiken sollen aus dem bestehenden Exposure herausgerechnet oder umstrukturiert werden“. Puts für Drawdown-Schutz statt Verkauf, das Schreiben von Calls gegen bereitgestellte Upside-Szenarien oder der Handel von Volatilität statt Richtungswetten sind daher konsequentere Werkzeuge.
Auch die Rolle des Hedgings erklärt den Erfolg: Händler, die Optionspositionen verkaufen, müssen ihre Risiken fortlaufend absichern. Dadurch wandern Delta-Anpassungen in Richtung Spot- und Perpetual-Liquidität, sodass die Optionsseite die gesamte Preisbildung indirekt mitprägt. Interessant ist dabei, dass der Optionsanteil nicht nur in bullischen Phasen anzieht: Daten zeigen, dass Optionen in mehreren Marktregimen seit 2019 Marktanteile gewinnen konnten, inklusive eines Zeitraums, der eher als „Bear“ beschrieben wird. Das passt zu einem Produkt, das nicht ausschließlich von steigenden Kursen lebt, sondern von der Form der Risikowahrnehmung. Der gleiche Trend wird durch die Umstellung auf Stablecoins und Cash-ähnliche Margen untermauert, weil dadurch die alte Kopplung zwischen fallenden Kursen und schwindender Collateral-Basis deutlich entschärft wird.
Natürlich gibt es eine wichtige Einschränkung bei der Interpretation der „Futures-Ausmusterung“: Die Datengrundlagen unterscheiden zwischen crypto-nativen offshore Handelsplätzen und regulierten Märkten. Während die Futures-Vergleiche offshore stattfinden und explizit CME ausklammern, bedienen CME-Futures oft institutionelle Nutzer mit klaren Zwecklogiken wie standardisierter Abwicklung, etablierten Clearing- und Risikoroutinen sowie passend vorgehaltenem Collateral. Spot-ETFs machen zudem Basis-Trades wahrscheinlicher: Wer Spot-Exposure hält und Futures zur Spread-Kontrolle einsetzt, kann große Short-Positionen aufbauen, ohne daraus direkt eine negative Bitcoin-Erwartung abzulesen. Deshalb sind datierte Futures nicht „weg“, sondern in ihrer Funktion zunehmend spezialisiert: Offshore dominieren Perpetuals für den kontinuierlichen Richtungshebel, Optionen besetzen das Segment für Volatilitäts- und Downside-Strategien, und regulierte Futures bleiben für institutionelle, standardisierte Absicherungen relevant.
Das Ergebnis ist eine Reifeverschiebung im Derivatemarkt, die eher wie ein Zerlegen der alten, monolithischen Futures-Rolle in mehrere sauberere Bausteine wirkt. Perpetuals tragen den Großteil des direkten Leverage, Optionen übernehmen zunehmend die komplexere Risikolage rund um Laufzeit, Volatilität und Downside-Strukturen, und CME-Futures bieten weiterhin eine regulierte Route für Akteure, die standardisierte Kontrakte und Clearingsysteme bevorzugen. Für Unternehmen und professionelle Marktteilnehmer bedeutet das in der Praxis: Modell- und Handelsbücher sollten die Produktgrenzen stärker reflektieren, weil Open Interest allein nicht ausreicht, um Risikoäquivalenz zwischen Perpetuals, Optionen und datierten Futures abzuleiten. Stattdessen entscheidet die gewünschte Risikodimension – Richtung, Laufzeit, Volatilität oder Downside – darüber, welches Instrument im Portfolio tatsächlich ersetzt.
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