LANGENSELBOLD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup cosy.green aus Langenselbold will das Heizen in Mietshäusern günstiger und zugleich klimafreundlicher machen. Dafür vernetzt es smarte Thermostate in Wohnungen mit einer zentralen Steuerung im Heizungsraum und nutzt KI-Algorithmen. Statt Heizkessel „auf Verdacht“ vorzuwärmen, berechnet das System die benötigte Vorlauftemperatur mit Blick auf Außentemperaturen und Nutzerverhalten. Das Konzept richtet sich gezielt an Bestandsgebäude und nicht nur an Neubauten.

Die Frage, wie sich Heizkosten im Winter senken lassen, ist in vielen Mietshäusern weniger eine Technik- als eine Abstimmungsaufgabe. In der Praxis laufen Mehrfamilienhäuser häufig so, dass Kessel und Heizungsregelung eine vorab festgelegte Temperatur annehmen, während Wetterlage und tatsächliche Belegung im Gebäude nur indirekt eingehen. Genau an dieser Lücke setzt das Startup cosy.green aus Langenselbold im Main-Kinzig-Kreis an: Es will das Heizen für Mieter günstiger machen und gleichzeitig den CO2-Ausstoß reduzieren, ohne dass dafür zwingend die komplette Heizungsanlage neu gebaut werden muss.
Technisch basiert die Lösung auf einem Zusammenspiel aus smarten Thermostaten, einer zentralen Steuerungseinheit im Heizungsraum und KI-Algorithmen. Laut Gründer Alexander Hirsch besteht das Kernprinzip darin, „Unser System verknüpft smarte Thermostate in den Wohnungen mit einer zentralen Steuerungseinheit im Heizungsraum und KI-Algorithmen.“ Das adressiert ein altes Muster: Herkömmliche Heizsysteme reagieren oft isoliert auf Teilgrößen, etwa wenn ein Kessel, einzelne Thermostate oder Pumpen ohne gemeinsame Gebäude-Logik arbeiten. Zudem decken viele Smart-Home-Ansätze in Mietobjekten eher die Wohnungsebene ab, ohne den Kesselbetrieb ganzheitlich zu steuern oder den Effekt verschiedener Temperaturen auf das gesamte Gebäude zu berücksichtigen.
cosy.green verfolgt deshalb einen klaren Fokus auf Bestandsheizungen und nutzt dabei auch externe Kontextdaten. Das Unternehmen bringt smarte Thermostate an jeden Heizkörper an und verbindet die daraus gewonnenen Signale mit Wetterdaten, um präzise zu berechnen, welche Temperatur der Kessel im Keller liefern muss. In der Darstellung des Startups geht es darum, Energieverluste zu senken, die entstehen, wenn ein Gebäude zu häufig oder zu lange mit einer zu hohen Vorlauftemperatur versorgt wird. Ergänzend reagiert das System auf konkrete Nutzungs- und Umgebungsindikatoren: Wenn etwa ein Fenster geöffnet ist, schließen die Thermostate automatisch das Heizungsventil, während im Hintergrund die zentrale Steuerungseinheit Daten der Thermostate, Nutzerangaben und Wetterdaten zusammenführt und die Heizungssteuerung entsprechend anpasst.
Damit das im Alltag funktioniert, spielt auch die Nutzeroberfläche eine Rolle. Die Bewohner-App erlaubt die individuelle Steuerung der Raumtemperaturen, sodass sich beispielsweise ein unbelegtes Wohnzimmer tagsüber herunterregeln und vor der Nutzung wieder auf eine gewünschte Wohlfühltemperatur bringen lässt. Für den Betrieb der Anlage ist entscheidend, dass diese individuelle Steuerung nicht nur „lokal“ bleibt, sondern in die Gebäudeoptimierung zurückfließt. Laut Unternehmensangaben konnten bisherige Vertragspartner dadurch im Durchschnitt zwischen 25 und 29 Prozent Energie einsparen. Beim Hessischen Gründerpreis 2025 erreichte cosy.green nach eigenen Angaben das Halbfinale; außerdem stießen in diesem Jahr mit Kristina Kaplin (Expertin für Energie-Effizienz) und Gabriel Nelle (technologischer Leiter) zwei weitere Führungskräfte zum Team.
Das Geschäftsmodell knüpft an das Thema Messbarkeit an, denn es geht um mehr als nur Komfort. Bei cosy.green definiert das Team pro Wohnobjekt Einsparpotenziale und Zeitetappen, wie viel erreicht werden soll. Werden die vereinbarten Ziele nicht erreicht, räumt das Modell dem Kunden ein Rücktrittsrecht von einem Zehn-Jahresvertrag ein. Als Pilotkunde nennt die Stadtverwaltung Langenselbold zwei städtische Wohngebäude, in denen die Technik seit etwa einem halben Jahr eingesetzt wird. Für das Jahresabo zahlt die Stadt pro Wohnung rund 235 Euro; laut Bericht reichten die erwarteten Einsparungen nach einem halben Jahr bereits, um diese Kosten wieder auszugleichen, und es habe sogar einen kleinen Überschuss von etwa 45 Euro pro Wohnung gegeben, wie Annika Bein, Klimaschutzmanagerin der Stadt Langenselbold, berichtet. Für die gesamten Gebäude nennt das Unternehmen zudem eine CO2-Ersparnis von sieben Tonnen; als anschaulicher Vergleich wird angeführt, dass dafür mehrere Hundert Buchen über ein Jahr wachsen müssten, um diese Menge zu binden.
Hinter dem Projekt steht auch eine persönliche Motivation aus dem Spannungsfeld von Energieverbrauch und Emissionsbilanz. Gründer Alexander Hirsch beschreibt, dass er als Physiker ein „wissenschaftlicheres Verständnis zum Thema gehabt“ und die Dringlichkeit erkannt habe, selbst aktiv zu werden. Den Neubeginn in seiner zweiten Lebenshälfte verknüpft er mit der Idee, „etwas anders zu machen und etwas wieder zu kompensieren“ von dem, wie er zuvor gelebt habe. Heute baut das vierköpfige Gründungsteam nach eigener Planung bis Ende 2027 auf Profitabilität hin und will gegen Ende des Jahrzehnts nach Großbritannien und Frankreich expandieren. In der Argumentation verweist Hirsch darauf, dass diese Länder im europäischen Vergleich beim CO2-Ausstoß zu den stärksten Belastern zählen. Unterm Strich zeigt cosy.green damit einen Ansatz, der die technologische Lücke zwischen Einzelraum-Steuerung und gebäudeweiter Optimierung schließen will – ein Thema, das gerade im Bestand die größten Hebel verspricht, weil dort bereits vorhandene Heizkessel weiter genutzt werden müssen.
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