LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Die US-Federal-Reserve und die Bank of England intensivieren die Prüfung, wie Banken ihre Risiken gegenüber großen Trading-Firmen absichern. Auslöser sind Verwerfungen bei dem KI-nahen Hedgefonds Situational Awareness, die zu großen Verlusten bei Jane Street führten. Die Aufseher fragen gezielt nach dem Risikoprofil der Gegenparteien, nach intratägigen Veränderungen und nach der Wirksamkeit von Risikokontrollen. Offen bleibt, wie stark die Behörden daraus künftig Anforderungen an Kapitalpuffer ableiten werden.

Die Bank of England und die US Federal Reserve haben ihre Aufmerksamkeit für das Zusammenspiel zwischen Banken und großen Trading-Firmen deutlich erhöht. Hintergrund ist ein konkretes Stress-Szenario: Nach Turbulenzen rund um den KI-affinen Hedgefonds Situational Awareness meldeten sich erhebliche Verluste bei Jane Street. In der Folge stellen die Aufsichtsbehörden global agierende Banken mehr Fragen zu ihrer Risikoexponierung gegenüber Marktteilnehmern, die nicht nur als klassische Markt-Maker auftreten, sondern zunehmend auch eigene Wetten fahren. Zu den konkret genannten Gegenparteien zählen dabei auch Jane Street und Ken Griffins Citadel Securities.
Was die Prüfer dabei besonders interessiert, ist nicht nur das Exposure am Tagesende. Laut den Informationen aus dem Umfeld der Gespräche zielt die Abfrage auf die Steuerung über den Intraday-Zeitraum: Wie entwickelt sich die Bankforderung beziehungsweise das Risiko im Tagesverlauf, wenn Märkte kippen, Liquidität plötzlich abnimmt oder Positionen schneller als geplant in die Verlustzone laufen? Gefragt wird außerdem nach der Risikobereitschaft der Trading-Firmen selbst und danach, wie Banken ihre Kontrollen zur Risikoabsicherung konkret ausführen. Die Besonderheit liegt im Detail: Banken sind über mehrere Rollen beteiligt, etwa über Prime-Brokerage-Beziehungen, die Trading-Aktivitäten überhaupt erst mit ausreichendem Kapital und Abwicklungsfähigkeit skalieren.
Technisch betrachtet hängt die Risikokette an mehreren Bausteinen. Prime Brokerage umfasst Finanzierung von Aktien-Positionen, Ausleihen gegen Anleihen sowie das Ausführen und Clearing von Derivate-Transaktionen im Namen von Kunden. Damit tragen Banken potenzielle Verluste, wenn eine dieser Gegenparteien ausfällt und die durch die Bank finanzierten Trades nicht mehr ordnungsgemäß bedient werden. Für die Aufsicht ist das deshalb systemrelevant, weil Trading-Firmen heute stärker mit dem Kern der Finanzmarktinfrastruktur verzahnt sind als in der Phase, in der Proprietary Trading nach 2008 zurückgefahren wurde. Viele dieser Firmen haben ihren Ursprung zwar in der relativ „niedrig riskanten“ Markt-Making-Welt, in der sie Kauf- und Verkaufsaufträge für tausende Wertpapiere erfüllen und dabei eine kleine Spanne realisieren. In der Zwischenzeit haben sie aber teils spürbar diversifiziert und große proprietäre Handelsaktivitäten aufgebaut, die deutlich mehr Richtungsrisiko beinhalten.
Regulatorisch passt die neue Intensität in einen länger laufenden Trend: Schon zuvor wollten BoE und Fed besser verstehen, wie Banken gegenüber sogenannten Nichtbanken-Finanzintermediären exponiert sind. Diese Kategorie umfasst unter anderem auch Anbieter von Private Credit. Jetzt rücken jedoch spezifische Positionen gegenüber Trading-Firmen und Markt-Makern stärker in den Fokus, weil diese Akteure bei Marktstress Risiken übergreifend übertragen können. Der Grund: Wenn Prime Broker den Gruppen Leverage bereitstellen, kann sich ein Schock schneller durch Preisbewegungen, Margin-Anforderungen und Abwicklungsrisiken fortpflanzen. Genau hier lässt sich die Verbindung zwischen Marktstruktur und Bankbilanz herstellen, etwa über die Frage, ob Banken ihre Kapitalanforderungen anpassen müssen, um den potenziellen Verlust eines großen Kunden abzufedern.
Die wirtschaftliche Relevanz lässt sich an der Größe der Aktivität ablesen. Jane Street wird im Umfeld der Berichte als besonders leistungsstarker Player beschrieben: Zuletzt war von 40 Mrd. US-Dollar Einnahmen die Rede, während im Juli 15 Mrd. US-Dollar Verluste auftraten, nachdem ein langer KI-getriebener Börsenanstieg ins Gegenteil umschlug. Zusätzlich wird darauf verwiesen, dass Jane Street Anteile an anderen Unternehmen hält und zudem eine Beteiligung an Anthropic hat. Diese Kombination aus Markt-Making-Logik, proprietären Handelsanteilen und Investment-Exponierung macht die Risikoprofilierung für Aufseher anspruchsvoll, denn sie kann dazu führen, dass das tatsächliche Risikoniveau über das hinausgeht, was ein klassischer Markt-Maker-Ansatz erwarten ließe.
Auch das Thema Marktzugang für elektronische Handelsplätze spielt in diesem Kontext eine Rolle. In dem Satz aus dem Business-Plan der BoE, den die PRA im April veröffentlichte, wird ausdrücklich betont, dass viele Institute zwar das End-of-Day-Monitoring und das Stresstesting verbessert haben. Gleichzeitig verweist die Aufsicht darauf, dass steigende Intraday-Exposures – insbesondere für Firmen, die Marktzugang, Clearing und Finanzierung für elektronische Markt-Maker bereitstellen – weiterhin potenzielle Risiken darstellen. Neben der Exponierung gegenüber Trading-Firmen kommt damit auch die Frage auf, wie granular Banken ihre Risikomessung und -steuerung über die Tageszeit hinweg gestalten. Als weiterer Schwerpunkt wird zudem die schnelle Zunahme der Finanzierung asiatischer Aktien durch London-basierte Prime Broker genannt, ausgelöst unter anderem durch außergewöhnliche Kursbewegungen einzelner KI-bezogener Titel wie etwa SK Hynix.
Für Banken bedeutet die Intensivierung der Prüfungen vor allem eines: Sie müssen die Brücke zwischen Marktstress und bilanziellen Konsequenzen belastbarer machen. Das betrifft die Modelle, mit denen sie intratägige Schwankungen abschätzen, die Parameter, die den Liquiditätsverbrauch im Stressfall abbilden, sowie die Frage, wie schnell Risiken im Prozess eskalieren. Gleichzeitig schafft der Fokus der Aufsicht für Trading-Firmen einen Anreiz, Transparenz über Risikobereitschaft, Positionsaufbau und Kontrollmechanismen zu erhöhen – nicht zuletzt, weil Prime-Broker-Verbindungen als Hebel für Marktteilnahme und Finanzierung fungieren. Welche Konsequenzen sich daraus für Kapitalpuffer, Limite und das Reporting-Setup ergeben, ist derzeit noch offen, aber die Richtung ist klar: Die Aufseher wollen die Risikoübertragung entlang der gesamten Kette verstehen – vom Intraday-Exposure bis zum potenziellen Ausfall einer Gegenpartei.
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