LONDON (IT BOLTWISE) – Der Links-Wahlsieg im Berliner Abgeordnetenhaus löst in der Startup-Szene gemischte Reaktionen aus. Während einige Gründer Entsetzen und eine mögliche politische Verunsicherung nennen, wollen andere vor allem Verantwortung übernehmen und sich einmischen. Investoren verweisen weniger auf harte Kennzahlen als auf weiche Faktoren wie Tempo bei Genehmigungen, Bürokratie und vor allem auf bezahlbaren Wohnraum. Unabhängig von der Koalitionsbildung wird damit deutlich, dass politische Richtungsfragen direkt auf Recruiting- und Standortentscheidungen durchschlagen.

Berliner Startup-Szene nach Links-Wahlsieg: Unsicherheit, Wohnen und Tempo
Berliner Startup-Szene nach Links-Wahlsieg: Unsicherheit, Wohnen und Tempo (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Wahlsieg der Linkspartei mit 25,7 Prozent im Berliner Abgeordnetenhaus hat die Startup-Szene nicht nur politisch beschäftigt, sondern ganz konkret als Standortfrage übersetzt. Die bisherigen Mehrheitsverhältnisse der schwarz-roten Koalition kippen damit, Verhandlungen über eine neue Regierung stehen noch aus. Für viele Gründerinnen und Gründer wirkt diese Gemengelage wie ein plötzliches Rauschen im System: In Berlin konkurrieren ohnehin extrem viele Interessen um Talente, Fläche und Aufmerksamkeit. Dass der politische Kurs künftig anders ausfallen könnte, trifft daher direkt auf eine Branche, die in der Regel mit kurzen Entscheidungswegen, schnellen Genehmigungsprozessen und hoher Planbarkeit arbeitet.

In den Reaktionen zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen emotionaler Distanz und pragmatischem Durchhalten. Christian Meermann, Founding Partner bei Cherry Ventures, bezeichnet das Ergebnis als „ziemlich schrecklich“, erwartet aber keinen Exodus. Seine Begründung zielt auf die historische Resilienz der Tech-Szene: Berlin sei in den vergangenen 15 Jahren „eher trotz der Politik als wegen ihr“ gewachsen, sagt er sinngemäß. Andere Stimmen fallen deutlich härter aus. Christian Miele, General Partner bei Headline und prominentes CDU-Mitglied, bringt seine Ablehnung in einen persönlichen Satz: „Bin heute sprachlos. Das ist so bitter.“ Und er ergänzt die längere Perspektive, in der er Berlin nicht als passenden Resonanzraum für die Startupszene beschreibt: „Manchmal denke ich mir, dass diese Stadt die Startupszene nicht verdient hat.“ Solche Aussagen machen deutlich, dass es nicht allein um Programmatik geht, sondern um das Gefühl, ob der Standort die Innovationskultur tatsächlich trägt.

Für die Kapitalgeber wird die Debatte vor allem zu einer Frage der indirekten Wirkung. Oliver Pabst von Redalpine warnt, dass die Konsequenzen für Investitionsentscheidungen unterschätzt werden könnten: Wer als Investor Einfluss auf Rahmenbedingungen nehmen wolle, müsse stärker politisch aktiv werden als bislang. Besonders wichtig ist dabei, dass aus Pabsts Sicht zunächst der „soft factor“ Regimewechsel spürbar wird, lange bevor eine konkrete neue Regulierung beschlossen ist. Sein Argument lautet: Zu viel Unsicherheit über die politische Richtung und zu viel Bürokratie schaden jedem Ökosystem. In diesem Kontext wiegen Themen wie Enteignung in der Investitionsentscheidung oft schwerer als harte Kennzahlen, weil sie die Wahrscheinlichkeit verlässlicher Planbarkeit verändern. Gleichzeitig sagt Pabst auch klar, dass ein neuer politischer Kurs nicht automatisch dazu führt, dass „plötzlich keine guten Unternehmen mehr“ in Berlin entstehen, wenn Substanz und Umsetzung stimmen.

Über dieses Kapital- und Risiko-Narrativ hinaus wird in vielen Beiträgen ein ganz handfestes Standortproblem sichtbar: fehlender Wohnraum. Moritz Jungmann von Future Energy Ventures hält seit Jahren fest, dass Berlins größter Standortnachteil nicht fehlendes Kapital sei, sondern fehlender Wohnraum und damit auch fehlende Talente. Diese Logik ist für Tech-Investments unmittelbar: Selbst wenn Finanzierung verfügbar ist, bleibt Recruiting schwierig, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht bezahlbar unterkommen. Ähnlich argumentiert Antler-Partner Christop Klink: Für Gründerinnen und Gründer müsse unabhängig vom Wahlausgang gelten, dass Verwaltung in Tagen statt in Monaten entscheidet, Visa-Verfahren für internationale Talente funktionieren und Wohnen bezahlbar bleibt. Er betont dabei ausdrücklich den Maßstab „Verlässlichkeit“, weil fehlende Wohnungssituation am Ende die Entscheidung über einen Umzug nach Berlin dominiert: Wer keine Wohnung findet, kommt laut dieser Sicht nicht mit dem Startup-Gedanken nach Berlin. Parallel dazu fällt bei Felix Krause von Vireo Ventures der Blick auf Tempo in Genehmigungen, digitale Verwaltung und eine Politik, die Gründer als Partner begreift.

Auch innerhalb der Gründerperspektiven verschiebt sich der Fokus von „Politik als Risiko“ hin zu „Politik als Hebel“. Vivien Wysocki von Saint Sass bleibt in ihrer Entscheidung, nicht wegzugehen, pragmatisch: „(Noch) die beste Gründerstadt Deutschlands“, so lautet ihre Einschätzung, und sie führt den Grund eher auf Talente und das Ökosystem zurück als auf eine besondere Überzeugung von Wirtschafts- oder Stadtpolitik. Ihre größere Sorge richtet sich auf die schleichende Polarisierung und die gesellschaftliche Stabilität, die sich aus ihrer Sicht nicht über Nacht ändert. Gleichzeitig existiert eine scharfe Kritik am Symbolgehalt politischer Bildwelten: Mirko Novakovic, CEO von Dash0, greift die Wahlparty-Szenen auf und schreibt, man „müsse in einer Simulation leben“. Die Aussage ist als Protest gegen einen wahrgenommenen kulturellen Bruch zu verstehen, nicht als technische Analyse. Und auch Nikita Fahrenholz, Mitgründer von Fahrengold und zuvor im Umfeld von Delivery Hero, verbindet das Ergebnis mit Fragen zu Sicherheit und Migration und beschreibt Berlin in einer Form, die er als Gegenentwurf zu einem selbstverständlichen Sicherheitsgefühl formuliert.

Eine weitere Linie in den Reaktionen ist der Ruf nach aktiver Beteiligung. Julian Teicke vom Company Builder The Delta formuliert Verantwortung als Unternehmerpflicht: „Dieses ganze ‚Jetzt zieh ich weg‘ ist zwar lustig, aber löst kein Problem.“ Er argumentiert, dass Probleme andernorts ebenfalls entstehen, wenn strukturelle Ursachen gleich bleiben. Teicke stellt damit weniger die individuelle Standortwahl in den Mittelpunkt als die Frage, wie sich Unternehmen in Verhandlungen, Lobbying und Umsetzungskompetenz einbringen können. Ein ähnlicher Pragmatismus klingt auch bei Ralph Hage durch, Gründer der Kaffee-Kette Lap Coffee: Er verknüpft die Idee bezahlbarer Lebensrealität mit Unternehmensüberleben. „Ein günstiger Kaffee funktioniert auf Dauer nur, wenn auch die Menschen davon leben können, die ihn machen“, sagt er. Dass er Elif Eralp gleich zu einem Kaffee einlädt, ist dabei weniger PR als Angebot, politische Ziele mit Alltagslogik zu testen.

Im Hintergrund bleibt jedoch ein konkreter Warnmodus aus der Startup-Vertretung. Der Startup-Verband mahnt ein klares Bekenntnis zum Standort ein und stellt die Diskussion über mögliche Enteignungen als Investitionsbremse heraus: Schon die Gespräche über Enteignungen schwächen den Investitionsstandort Berlin. Zugleich verweist der Verband auf frühere Angebote im Wahlkampf, etwa das Werben um internationale Investoren und der Wunsch nach mehr Direktverbindungen nach China und in die USA. Am Ende verdichtet sich damit die Erwartung: Wenn sich Berlin künftig als Startup-Standort behaupten will, müssen politische Entscheidungen in der Praxis in Tempo, Verwaltung, Wohnen und verlässlicher Planung ankommen. Für Investoren und Gründer bedeutet das, dass der nächste Hebel nicht nur Wahlprogramme sind, sondern die konkreten Koalitions- und Umsetzungsdetails, die über Recruiting, Genehmigungszeiten und damit über Wachstum entscheiden.


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