LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-Modell soll einen deutschen Funkspruch von 1918 entschlüsselt haben, der bislang als „unlösbar“ galt. Der Text verweist auf einen englischen Kreuzer in Sewastopol und ein alliiertes Geschwader zwei Tage später. Als Schlüsselwort nennt der Ansatz „TRUPPENVERSCHIEBUNG“, das laut Verweis erst später im Einsatz gewesen sein soll. Ob die Lösung historisch korrekt ist, bleibt jedoch mangels Expertenprüfung offen.

Der entscheidende Reiz an diesem Fall liegt weniger in der reinen Entschlüsselung, sondern in der Art, wie eine KI eine mehrstufige klassische Chiffre mit plausiblen Zeitmarken zusammenführt. Im Kern geht es um einen Funkspruch vom 27. November 1918, der lange als ungelöst galt. Laut einem veröffentlichten KI-Ergebnis soll der Nachrichtentext den Einlauf eines englischen Kreuzers in Sewastopol auf der Krim melden und anschließend das Eintreffen eines alliierten Geschwaders für den 26. andeuten. Dass die Meldung ausgerechnet zeitlich zu bekannten historischen Logbuch-Notizen passen soll, bildet den wichtigsten Stützpfeiler der Behauptung.
Technisch basiert die Nachricht auf dem ADFGVX-Verfahren, das im Ersten Weltkrieg für Militärkommunikation genutzt wurde. Dabei ersetzt man zunächst jedes Zeichen durch ein Paar aus einem festen Alphabet (A, D, F, G, V und X). Diese Paare wirken wie „Rohmaterial“, sind aber selbst noch nicht das Ende der Prozedur: Anschließend ordnet der Absender die Zeichen spaltenweise um, abhängig von einem geheimen Schlüsselwort. Ohne dieses Schlüsselwort ist die Rekombination der Paare zu einem lesbaren Klartext nur schwer möglich, weil die Umordnung die ursprüngliche Struktur statistisch überdeckt.
Für die konkrete Entschlüsselung nennt der Ansatz ein spezifisches Schlüsselwort: „TRUPPENVERSCHIEBUNG“. In der Darstellung heißt es, dieses Wort sei in einem dokumentierten Kontext zu deutschen Militärschiff-Chiffren belegt. Der Abgleich mit früheren Versuchen soll außerdem eine typische Hürde offenlegen: Das Schlüsselwort sei demnach erst ab dem 9. Dezember 1918 in Gebrauch gewesen. Der Funkspruch sei aber fast zwei Wochen früher gesendet worden, wodurch eine scheinbare Inkonsistenz entsteht. Genau diese Diskrepanz ist für den historischen Kontext wichtig, denn sie kann auf eine Sondernutzung, ein abweichendes Schlüsselmaterial oder schlicht auf eine fehlende/ungenau datierte Einordnung hindeuten.
Der entschlüsselte Text wird in dem Bericht mit Trennzeichen an den Satzteilen wiedergegeben. Inhaltlich lässt sich die Botschaft grob so zusammenfassen: Ein englischer Kreuzer sei bei Sewastopol eingetroffen, danach folge ein alliiertes Geschwader. Beim „26.“ soll im Klartext an der Stelle der ersten Ziffer ein unlesbarer Buchstabe erscheinen; lesbar sei nur „4“. Damit bleibt eine konkrete Datumsrechnung zwar plausibel, aber nicht vollständig beweisbar, weil ein einzelner Ziffernplatz offen bleibt und die Korrektheit des Klartexts daher an dieser Stelle besonders anfällig für Fehlinterpretationen ist.
Um den Treffer zu untermauern, stellt der Blogbeitrag einen Abgleich mit historischen Aufzeichnungen her. Genannt wird das Logbuch eines britischen Kreuzers, das die Ankunft bei Sewastopol am 24. November 1918 dokumentiere und zwei Tage später die Ankunft eines alliierten Geschwaders vermerke. Wenn diese Angaben tatsächlich so zusammenpassen, wie es beschrieben wird, ist das zumindest ein starker Plausibilitätsindikator: Die Chiffre würde dann nicht nur „irgendeinen“ Text liefern, sondern zeitlich konsistente Ereignisse widerspiegeln. Gleichzeitig gilt aber ebenso: Der Befund beruht bislang ausschließlich auf der eigenen KI-Entschlüsselung, während eine fachliche Prüfung für historische Chiffren im Beitrag nicht erwähnt wird.
Aus Sicht der KI-Entwicklung zeigt der Fall dennoch etwas, das über den konkreten historischen Inhalt hinausgeht: Solche klassischen Verfahren lassen sich oft dann wieder nutzbar machen, wenn ein Modell die Kombination aus formaler Struktur und Schlüsselabhängigkeit gut genug nachbildet. Gerade beim ADFGVX-Verfahren ist die Herausforderung nicht nur das Erkennen einzelner Zeichen, sondern das Wiederfinden der richtigen Umordnungsschritte. KI-Modelle können hier als „Suche über Hypothesen“ auftreten, indem sie mögliche Klartexte und Zwischenzustände gegeneinander abwägen und dabei typische sprachliche Muster in das Muster der Paare zurückprojizieren.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus vor allem eine praktische Lehre: Die Grenzen zwischen „funktioniert in einem einzelnen Testfall“ und „ist robust für den produktiven Einsatz“ verlaufen oft entlang der Verifikationsschritte. Wenn eine Entschlüsselung historisch konsistent wirken soll, braucht es nachvollziehbare Transformationsschritte, dokumentierte Annahmen zur Schlüsselwahl und idealerweise unabhängigen Abgleich durch Fachkundige. Bis dahin bleibt der Beitrag spannend als Beispiel, wie KI-basierte Textrekonstruktion bei strukturierten Rätseln funktionieren kann – aber er bleibt auch ein Hinweis darauf, warum Cyber- und Informationssicherheitsmethoden in der realen Welt immer an überprüfbaren, reproduzierbaren Kriterien hängen.
In der nächsten Iteration würde man sich daher weniger eine weitere KI-„Durchläufer“-Version wünschen, sondern vor allem methodische Transparenz: Welche Prompt-/Parameterlage führte zu genau diesem Ergebnis, wie wurde mit dem teilweise unlesbaren Ziffernplatz umgegangen und welche Alternativlösungen wurden verworfen? Erst wenn solche Fragen beantwortet und mit unabhängigen historischen Quellen abgeglichen sind, kann aus einem „kleinen Fund“ auch eine belastbare Entschlüsselung werden, die der historischen Forschung tatsächlich Zeit und Aufwand spart.
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