LONDON (IT BOLTWISE) – Der niederländische Spezialist Morphotonics hat 40 Millionen Euro eingesammelt, um seine Fertigungstechnologie für optische Displays hochzufahren. Die Firma setzt auf Nanoimprint Lithography (NIL) und adressiert mit dem Schritt nicht nur Smart-Glasses, sondern auch Komponenten für Datenzentren. Parallel plant das Startup eine neue Maschine, die mehr als 6 Millionen Waveguides pro Jahr produzieren soll. Die Finanzierung dient außerdem dem Ausbau des Teams und einer stärkeren lokalen Präsenz in Asien.

Morphotonics adressiert mit seiner jüngsten Finanzierungsrunde gleich zwei Engstellen im Markt für optische Komponenten: die Skalierung von Display-Technik für Smart Glasses und den Einstieg in die Fertigungskette für optische Bauteile im Rechenzentrumsumfeld. Das Startup aus den Niederlanden hat dafür 40 Millionen Euro eingesammelt, um die eigene Produktion zu vergrößern und die Technologie in eine neue Kundenschicht zu tragen. Inhaltlich bleibt es dabei bei einem klaren Fokus: Morphotonics nutzt Nanoimprint Lithography (NIL), um aus wiederholbaren „Stamp“-Strukturen Muster in fotosensitiven Materialien zu übertragen. Damit kann das Unternehmen optische Elemente in Stückzahlen herstellen, die für Waveguide-basierte AR-Brillen, aber auch für weitere Sicht- und Präzisionsanwendungen benötigt werden.
Technisch betrachtet ist NIL eine Alternative zu klassischen lithografischen Verfahren, wie sie etwa in Chip-Fabriken als „fabs“ rund um die Strukturierung von Siliziumwafern etabliert sind. Während dort häufig Belichtungs- und Ätzschritte im Mittelpunkt stehen, arbeitet NIL mit einem physisch geprägten Stempel, der die gewünschten Mikromuster mechanisch und damit sehr reproduzierbar auf ein Zielmaterial überträgt. Morphotonics beschreibt sein Vorgehen als Prozesskette, in der das „Stamp“-Prinzip mit integrierter Fertigung zusammenläuft: Das Startup liefert nicht nur Maschinen, sondern vermittelt auch die Prozessführung, stellt die Chemikalien bereit und ermöglicht damit Herstellern die Produktion „mit dem richtigen Setup“. Diese Kopplung aus Hardware, Know-how und Materialbeistellung ist gerade dann entscheidend, wenn Kunden nicht jahrelang eigene Prozessentwicklungen nachbauen möchten, sondern schnell in die Serienfähigkeit kommen wollen.
Der Timing-Faktor kommt aus dem Nachfrageprofil bei Smart Glasses und angrenzenden Optiken. Berichten zufolge haben sich die Verkäufe von Smart Glasses in China in den ersten acht Monaten des Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdoppelt. Eine weitere Branchenzahl liefert zusätzliche Richtung: Eine Marktstudie rechnet damit, dass ausgelieferte Smart-Glasses-Systeme mit Displays bis 2030 auf 12,2 Millionen Einheiten anwachsen. Für Morphotonics bedeutet das vor allem eines: Wer solche Displays in Volumen fertigen will, braucht Reproduzierbarkeit und Kapazität, nicht nur Demonstratoren. Morphotonics setzt daher laut eigener Aussage auf eine Fertigungslandschaft mit Teams in China, Taiwan, Südkorea und den USA. Das ist nicht nur Organisationspolitik, sondern wirkt sich direkt auf Durchlaufzeiten, Lieferketten und die schnelle Qualifizierung neuer Produktionsparameter bei Kunden aus.
Mit der Runde, die unter anderem von 3M Ventures, Innovation Industries, BOM und Invest-NL getragen wird, sowie Beteiligungen aus dem Umfeld von EIC Fund, Ernij Next und der Europäischen Investitionsbank, will das Unternehmen die nächste Maschinen-Generation vorbereiten. Die neue Anlage, die derzeit gebaut wird, soll nach Unternehmensangaben mehr als 6 Millionen Waveguides pro Jahr herstellen können und voraussichtlich Anfang nächsten Jahres ausgeliefert werden. Operativ fällt dazu der Personalaufbau: Morphotonics hat die Zahl der Mitarbeitenden nach eigenen Angaben von rund 30 im September 2024 auf 60 mehr als verdoppelt; CEO Hugo Da Silva wurde in diesem Zeitraum neu ins Amt berufen. Perspektivisch peilt das Startup eine Stabilisierung bei etwa 70 bis 75 Mitarbeitenden an. Ergänzend plant das Unternehmen, die Deployment-Zahlen zu erhöhen: Aktuell sind grob 10 bis 15 Systeme global im Einsatz, in den kommenden zwei bis drei Jahren sollen es auf rund 50 ausgebaut werden.
Auch die Erlösstruktur spiegelt den zweigleisigen Ansatz wider: Morphotonics verkauft Hardware und bietet zusätzlich die Prozessführung über Lizenzmodelle an, damit Kunden die Ergebnisse mit passenden Parametern erzielen. Derzeit kommen etwa 90% des Umsatzes aus Hardwareverkäufen; der Rest entfällt auf Service und Dienstleistungen. Dieses Verhältnis könnte sich verschieben, wenn mehr Maschinen bei Kunden laufen, weil dann typische Service- und Optimierungsleistungen planbarer werden. Interessant ist dabei, dass die Expansion nicht bei Displays stehen bleibt: Morphotonics nennt einen Schritt in Richtung „co-packaged optics“ für Datenzentren, also optische Verbindungen, bei denen Photonic Integrated Circuits (PICs) als Basis dienen. Solche PICs transportieren Daten mit Licht statt über rein elektrische Signalwege. Zwar hat das Startup in diesem Bereich nach eigener Aussage noch keine Maschinen ausgeliefert, Kunden hätten die Technik jedoch bereits validiert. Damit verlagert sich der Fokus von „Waveguide-Fertigung“ hin zur Frage, wie gut die NIL-Prozesslogik sich auf die Anforderungen dichter optischer Integrationspfade im Rechenzentrum übertragen lässt – eine Disziplin, in der es weniger um einzelne Produktlinien und mehr um robuste Produktionsqualität über mehrere Lieferketten hinweg geht.
Für Unternehmen in der Entwicklung von AR-Optiken und für Betreiber von Datenzentren entsteht dadurch eine greifbare neue Planungsgröße: nicht nur die Verfügbarkeit von Bauteilen, sondern die Skalierung der Herstellungsprozesse dahinter. Morphotonics versucht genau hier anzusetzen, indem es Fertigung, Chemie- und Parameterwissen in ein Gesamtpaket überführt. Wenn die Kapazität der neuen Maschine tatsächlich die genannten 6+ Millionen Waveguides pro Jahr erreicht, könnte das den Engpass im Hochfahren von Waveguide-basierten Displays zumindest teilweise entschärfen. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung in Richtung co-packaged optics eine Wette auf den nächsten Produktzyklus: Entscheidend wird sein, ob sich die NIL-basierte Musterübertragung und die Prozessstabilität in den besonderen Umgebungsbedingungen von Rechenzentrums-Architekturen genauso zuverlässig „industrialisiert“ wie bei AR-Brillen. Bis dahin liefert die Kombination aus Hardwareverkauf, Lizenzansatz und wachsender Deployment-Basis einen plausiblen Pfad, um aus Einzellieferungen eine wiederholbare Umsatzmaschine zu machen.
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