BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Chefredakteur des „Handelsblatt“, Sebastian Matthes, fordert Medien auf, Innovationen nicht nur am Scheitern festzumachen, sondern vor allem erfolgreiche Ideen und Unternehmen sichtbar zu machen. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur betont er, dass das mit journalistischen Standards vereinbar sei. Als Beispiel nennt er das Münchner Startup Isar Aerospace, das nach mehreren Anläufen einen Raketenstart in den Orbit geschafft hat. Matthes beschreibt zudem, wie internationale Hightech-Zentren wie Boston, Shenzhen und Bangalore durch langfristige Strategien geprägt wurden.

„Innovation sichtbar machen“ klingt zunächst wie ein redaktionelles Schlagwort. In der Argumentation von Sebastian Matthes, Chefredakteur des Wirtschaftstitels „Handelsblatt“, geht es jedoch um eine konkrete Qualität von Berichterstattung: nicht nur Defizite zu zeigen, sondern den Blick auf funktionierende Lösungswege zu richten. Matthes knüpft seine Forderung direkt an den Auftrag von Medien an und beschreibt, dass „Bühne geben“ für Ideen und Akteure keine politische Mobilisierung sein müsse. Stattdessen fordert er eine möglichst vollständige Beschreibung der Wirklichkeit, in der sowohl Probleme als auch die Gegenmittel vorkommen.
Technisch betrachtet entsteht Innovation selten als einzelner Zufallstreffer, sondern als Ergebnis wiederholter Umsetzungsschleifen: Hypothesen werden getestet, Prozesse iteriert, Fehlerbehebung wird Teil des Systems. Genau diese Logik greift Matthes in seiner Nennung des Münchner Startups Isar Aerospace auf. Er stellt dabei die Geschichte vom Studentenprojekt zum erfolgreichen Raketenstart in den Orbit in den Mittelpunkt und verknüpft sie mit der Frage, warum solche Fortschritte nicht länger die öffentliche Agenda dominieren. Die Pointe ist medienpraktisch: Wenn ein Projekt zwar technisch vorankommt, aber publizistisch früh abebbte, entsteht beim Publikum leicht der Eindruck, das Scheitern sei der Normalzustand und Erfolg die Ausnahme.
Auch im Marktumfeld spielt diese Erzählung eine Rolle. Matthes ordnet die Innovationskraft Deutschlands in eine Debatte ein, die seit dem „goldenen Jahrzehnt“ nach der Finanzkrise häufig durch den Blick auf Kennzahlen erklärt wurde. Er widerspricht dieser vereinfachten Lesart und argumentiert, dass das damalige Wachstum nicht in erster Linie aus Reformen und eigener Innovationsleistung der Firmen entstanden sei. Seine Begründung zielt auf den globalen Kontext: Der Aufstieg Chinas habe deutschen Unternehmen eine Sonderkonjunktur beschert. Wer Innovation dagegen vor allem als rückblickendes Erfolgsnarrativ versteht, übersieht laut Matthes, dass Wettbewerbsfähigkeit auch davon abhängt, wie konsequent man Zukunftstechnologien entwickelt und fördert.
Matthes’ Ansatz ist dabei nicht nur rhetorisch, sondern redaktionell flankiert. Er führt das „Handelsblatt“ seit fünf Jahren als Chefredakteur und hat in dieser Zeit ein technologieaffines Profil aufgebaut. Dazu gehört unter anderem der Ausbau eines Technologie-Teams sowie die Einrichtung einer eigenen Tech-Konferenz ab 2025. Solche Formate sind für die Branche deshalb relevant, weil sie Themen aus dem reinen Tagesgeschehen herausheben und einem Kreis aus Entwicklern, Investoren und Entscheidern eine wiederkehrende Bühne geben. In der Praxis kann das helfen, dass Berichte über KI-Entwicklung, Robotik, Raumfahrt oder industrielle Software nicht nur an großen Schlagworttagen auftauchen, sondern als Programmverfolgung sichtbar bleiben.
Historisch passt das in eine längere Entwicklung: Medien haben über Jahrzehnte gelernt, technologischen Fortschritt in „Produktfakten“ zu übersetzen. Trotzdem bleibt eine Lücke bestehen, weil Technik selten geradlinig zum Ziel führt. Matthes betont genau diesen Punkt, wenn er fordert, nach Vorbildern zu recherchieren, die als Orientierung dienen können. Seine Beispiele aus Boston, Shenzhen und Bangalore ordnet er als Orte ein, die nicht zufällig entstanden seien, sondern durch strategische Arbeit von Wirtschaftspolitik, Wissenschaft und Unternehmen. Dahinter steckt ein industrieökonomisches Kernargument: Innovationssysteme sind Ökosysteme, in denen Rahmenbedingungen, Talentaufbau und langfristige Investitionen zusammenwirken.
Im konkreten Turnaround der Berichterstattung sieht Matthes auch eine Art Infrastruktur für Innovationsdebatten. Wenn Erzählungen sich zu stark auf Probleme konzentrieren, bleibt unklar, welche Lösungsmechanismen tatsächlich funktionieren und wie sie skaliert werden. Wenn dagegen erfolgreiche Technologietreiber und ihre Arbeitsweise regelmäßig in den Mittelpunkt rücken, entsteht für Unternehmen und Nachwuchs ein realistischeres Bild davon, was Entwicklung bedeutet: Iteration, Finanzierung, Talente, Partnerschaften. Sein angekündigtes Buch „Inside 2029“ (Erscheinen am 1. Oktober 2026) passt in diese Linie, weil Matthes darin aus seiner Perspektive die Versäumnisse vergangener und aktueller Regierungen aufarbeiten und zugleich Lösungswege aufzeigen will.
Für Entscheider in Unternehmen und für die KI-Community liegt der praktische Nutzen dieser Position vor allem in der Steuerbarkeit von Aufmerksamkeit. Technologieorganisationen brauchen nicht nur Roadmaps, sondern auch narrative Stabilität: Stakeholder müssen verstehen, dass Fortschritt planbar ist, auch wenn er nicht linear verläuft. Medien können diese Stabilität unterstützen, indem sie Erfolgs- und Lernstories ähnlich konsequent erzählen wie Problemberichte. Matthes’ Forderung zielt damit indirekt auf einen Kulturwechsel in der öffentlichen Wahrnehmung: weg vom Zufalls-Mythos, hin zu einem Verständnis, wie Innovationskraft über Jahre aufgebaut und sichtbar gemacht wird.
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