KOUROU / LONDON (IT BOLTWISE) – Bei der Ariane-6-Abtrennung von Boostern und Nutzverkleidung entstehen Schocks und Vibrationen, die empfindliche Satellitentechnik belasten. Forschende von EMPA mit dem Schweizer Raumfahrtunternehmen Beyond Gravity entwickeln dafür eine neuartige, phononische Struktur im Payload Adapter. Statt klassische Feder-Dämpfer zu nutzen, wird die gesamte Adapter-Geometrie so ausgelegt, dass besonders gefährliche niederfrequente Schwingungen weniger durchdringen. Das Konzept soll zugleich leicht, steif und industrialisierbar sein und bereits als Patentanmeldung vorliegen.

Während die Ariane 6 im Startfenster Richtung Erdumlaufbahn geht, arbeitet der Raketenaufbau an einer Stelle, die für viele Nutzlasten erst im Nachhinein sichtbar wird: den Momenten der Stufen- und Bauteiltrennung. Laut der Beschreibung des Projekts entstehen dabei nicht nur „normale“ mechanische Lasten, sondern schlagartige Schocks und anschließende Vibrationen, sobald Booster, Tanks und die Nutzverkleidung abgeregelt werden. Genau in diese dynamischen Ereignisse muss der Payload Adapter hineinpassen, denn er verbindet den Raketenaufbau zuverlässig mit dem Satellitenpaket – und zwar so, dass die empfindlichen Sensoren und Kommunikationskomponenten nicht durch Resonanzen oder übertragene Schwingungsenergie destabilisiert werden.
Das Forschungsteam um Andrea Bergamini von EMPA adressiert dabei ein klassisches Dilemma der Schwingungsdämpfung im Weltraum: Der Adapter darf nicht „weich“ werden, weil Leichtigkeit und Steifigkeit im Startkontext gleichwertig bezahlt werden. Auf dem Boden würden Federn oder federnde Lager oft einen einfachen Ausweg darstellen, doch im beschriebenen Ansatz sind solche Feder-Elemente wegen der Anforderungen an Masse und Struktursteifigkeit keine Option. Stattdessen greifen die Forschenden auf ein akustisches Prinzip zurück, das aus der Material- und Wellenphysik bekannt ist: Phononic Crystals. Diese phononischen Kristalle sollen Schwingungen nicht allgemein dämpfen, sondern gezielt in Frequenzbereichen umleiten, reflektieren oder streuen – also dort „unmöglich“ machen, wo die Nutzlast empfindlich ist.
Entscheidend ist, wie man diese physikalische Idee in die reale Geometrie eines Ariane-6-kompatiblen Payload Adapter Systems übersetzt. Der Payload Adapter System (PAS) wird in der Quelle als abgeschnittener Kegel aus Verbundmaterial beschrieben: unten an der Rakete, oben an der Nutzlast. In dieser Form müssen Vibrationen entlang einer relevanten Achse in kontrollierte Bewegungen überführt werden. Der Ansatz, den das Team ursprünglich modelliert hat, nutzt dafür eine Struktur aus drehbaren „Platten“, die über ein Rahmenkonzept eine Rotation erlauben. Wenn Belastungen entlang der Längsachse einwirken, sollen die Wellen so in rotatorische Bewegungen der relativ schweren, trägheitsdominierten Scheiben übergehen – und genau diese Umwandlung dient als Dämpfungsmechanismus ohne den massiven Einsatz klassischer Dämpferelemente.
Die zentrale Ingenieursfrage lautet jedoch: Kann so ein Wellen-spezifisches Bauteil in einem realen Produktionsprozess wirtschaftlich hergestellt werden, ohne dabei wieder Gewicht oder Steifigkeit zu verlieren? Die EMPA-Forschenden beschreiben hierzu eine „Design-Wende“: Anstatt den PAS als Träger für separate phononische Einsätze auszubilden, wird der gesamte Payload Adapter selbst zu einer phononischen Kristallstruktur. Als drehbares Element dienen Aluminiumringe, während die Verbindung und die tragende Geometrie über kohlefaserverstärkten Kunststoff realisiert werden – also über das Material, das beim PAS ohnehin verwendet wird. Neben dem technischen Effekt soll damit vor allem die Fertigung vereinfacht werden: Phononische Strukturen müssen demnach nicht über komplexes 3D-Drucken verschachtelter Geometrien entstehen, sondern lassen sich durch die Ausrichtung der Kohlefasern im Verbund so „maßschneidern“, dass die Ringe sich geringfügig rotieren lassen, der Adapter aber weiterhin leicht und steif bleibt.
In den beschriebenen Ergebnissen zeigte der neue Adapter in Simulationen und an einem Prototypen, dass er besonders gefährliche niederfrequente Schwingungen „aufsaugt“ und damit die Energieübertragung in kritischen Bereichen reduziert. Für Beyond Gravity ist das besonders relevant, weil der Payload Adapter damit gleich mehrere Ziele auf einmal adressiert: bessere Vibrationsrobustheit der Nutzlast, gleichzeitig strukturelle Anforderungen im Startbetrieb sowie eine konstruktive Lösung, die sich als industrielle Funktion in einem bestehenden System platzieren lässt. Der Hersteller hat zudem eine Patent an die Idee und Umsetzung des integrativen phononischen PAS-Designs angemeldet. Auch die Einbindung über Fördermittel spielt in diesem Kontext eine Rolle: Das Projekt wurde laut Quelle durch Innosuisse, die Schweizer Innovationsagentur, unterstützt.
Vor der Montage auf einer Rakete bleibt allerdings noch Entwicklungsarbeit, denn laut Bergamini muss der neue PAS weiter verfeinert und optimiert werden. Der erwartete Nutzen geht dabei über „nur weniger Vibrationen“ hinaus: Wenn sich Satelliten besser gegen Schwingungen schützen lassen, können künftige Missionen laut der Projektbeschreibung empfindlichere Messinstrumente besser in die Umlaufbahn bringen. Darüber hinaus deutet der Ansatz darauf hin, dass sich Anforderungen an zukünftige Satellitenstrukturen anpassen ließen – etwa so, dass Systeme leistungsfähiger werden, aber potenziell auch mit geringeren Kosten entstehen. Für die Industrie ist das ein Signal, dass Schwingungsmanagement im Launch-Kontext zunehmend nicht mehr allein über passive Masse und klassische Dämpfer gelöst wird, sondern über gezielte Material- und Strukturmechanik im Sinne frequenzselektiver Wellenkontrolle.
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