MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Restrukturierungsstudie 2026 von Roland Berger erwartet eine neue Realität aus Stagnation und steigenden Fallzahlen. 65 Prozent der Befragten rechnen für die nächsten zwölf Monate mit unveränderter Wirtschaftsleistung, während 83 Prozent eine Zunahme der Restrukturierungen beobachten. KI soll vor allem Diagnosen und Umsetzung beschleunigen, ist aber bisher weitgehend auf Pilotprojekte begrenzt. Entscheidend bleiben laut Studie dennoch menschliche Verantwortung bei Führung, Verhandlungen und Stakeholder-Management.

Stagnation wirkt selten wie ein Schalter, der sich sofort umlegt. In der Praxis verändert sie eher den Takt: Unternehmen planen vorsichtiger, investieren später und schieben Anpassungen an Stellen auf, die zunächst nicht „kritisch“ wirken. Genau diese Dynamik greifen die Ergebnisse der Restrukturierungsstudie 2026 von Roland Berger auf. Befragt wurden dafür 130 Restrukturierungs- und Transformationsexperten aus dem deutschsprachigen Raum; das Bild ist dabei bemerkenswert konsistent: Knapp zwei Drittel erwarten für die kommenden zwölf Monate eine unveränderte Wirtschaftsleistung, weitere 29 Prozent ein sinkendes Bruttoinlandsprodukt, nur 6 Prozent rechnen mit Wachstum.
Der Druck kommt dabei nicht aus einer einzigen Richtung. Ein zentraler Risikofaktor ist für 65 Prozent Bürokratie und Regulierung, daneben nennen 53 Prozent Energiepreise und Versorgungssicherheit. Ebenfalls jeweils 51 Prozent führen geopolitische Spannungen sowie den technologischen Wandel als wesentliche Gefahren an. Auffällig ist zudem die Lücke in der Vorbereitung: Mehr als die Hälfte der Experten attestiert deutschen Unternehmen eine schlechte Ausgangslage für eine weitere Konjunktureintrübung, nur 8 Prozent bewerten sie als gut vorbereitet. Das ist weniger eine Frage einzelner Sanierungsfälle, sondern eher ein Indikator dafür, dass viele Organisationen noch keine belastbaren Modelle für „leanes“ Krisenmanagement und schnelle Kurskorrekturen aufgebaut haben.
Dass sich die Lage unmittelbar im Restrukturierungsgeschehen niederschlägt, zeigt die Auswertung der Praktikerstimmen besonders deutlich. 83 Prozent berichten von steigenden Fallzahlen, 21 Prozent sogar von einem starken Anstieg – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Gleichzeitig verlängern sich Prozesse: 61 Prozent nennen längere Restrukturierungszeiträume. Für weitere Komplexität sorgen 56 Prozent bei Finanzierungsstrukturen sowie 42 Prozent bei Stakeholder-Strukturen. Konsensuale Lösungen werden damit schwerer, langsam und in der Regel liquiditätsintensiver. Alexander Müller, Senior Partner bei Roland Berger, bringt den Punkt auf den Kern: „In einer Phase anhaltender Stagnation reicht es nicht mehr aus, lediglich durchzuhalten. Unternehmen müssen den Schritt zur konsequenten Anpassung gehen und die akute Krisenbewältigung zugleich als Ausgangspunkt für die notwendige strukturelle Erneuerung nutzen.“
Besonders stark steigt der Handlungsdruck in Branchen, die stark vom Industriezyklus abhängen oder ohnehin im Umbau sind. Die Automobilindustrie weist aus Sicht der Experten mit 87 Prozent den größten Restrukturierungs- und Transformationsbedarf aus, gefolgt vom Maschinen- und Anlagenbau mit 54 Prozent. Pharma, Gesundheit und Krankenhauswesen kommen auf 26 Prozent, die Chemiebranche auf 31 Prozent. Neben klassischen Sanierungswegen gewinnen auch transaktionale Ansätze an Bedeutung: 72 Prozent erwarten eine moderate oder starke Zunahme von Verkäufen und anderen strukturellen Lösungen. Als Erfolgsfaktor nennen 61 Prozent belastbare Geschäfts- und Liquiditätsplanungen, während ein ambitioniertes und realistisches Maßnahmenprogramm sowie zielgerichtete Stakeholder-Kommunikation deutlich zulegen – beide legen gegenüber dem Vorjahr um jeweils 11 Prozentpunkte auf 38 beziehungsweise 32 Prozent zu. Entscheidend ist damit nicht nur die Diagnose, sondern die Fähigkeit, Geschwindigkeit, Verständigung und Umsetzung im selben Takt zu bringen.
Genau hier setzt die Diskussion um Künstliche Intelligenz an – allerdings ohne dass die Studie den Hype in eine sofort flächendeckende Praxis übersetzt. 74 Prozent erwarten durch KI eine schnellere Diagnose und Umsetzung, 65 Prozent geringere Prozesskosten. Auch aus technischer Sicht ist das plausibel: In vielen Restrukturierungsprojekten steckt ein erheblicher Anteil an Zeit in Datenanalyse, Recherche und dem Aufbereiten von Entscheidungsgrundlagen. Entsprechend sehen 89 Prozent das größte Unterstützungspotenzial in der Datenanalyse, 60 Prozent in der Recherche. Eine höhere Erfolgsquote bei der Umsetzung erwarten dagegen bislang nur 4 Prozent – weil Urteilsvermögen, Vertrauen, Verhandlung und Führung als menschliche Aufgaben bleiben. Der praktische Status bestätigt diese Zurückhaltung: Kein Befragter sieht KI bereits breitflächig in Restrukturierungsprozessen verankert; 45 Prozent berichten von einzelnen Pilotprojekten, 26 Prozent von ersten Diskussionen und weitere 26 Prozent von etablierten Anwendungen in spezifischen Bereichen.
Für die Einführung nennt die Studie außerdem konkrete Leitplanken, die über „datengetrieben“ hinausgehen. 56 Prozent fordern nachweislich hohe Qualität, 50 Prozent höchste Datensicherheit und Vertraulichkeit, 49 Prozent vollständige Transparenz. Dr. Adrian Pielken, Senior Partner bei Roland Berger, formuliert das Verhältnis von Automation und Verantwortung so: „KI verändert die Arbeit der Restrukturierer, nicht ihre Verantwortung. Sie kann Daten schneller auswerten und Routinen automatisieren. Den entscheidenden Freiraum müssen Unternehmen und Berater für Kommunikation, Stakeholdermanagement und Umsetzung nutzen.“ 71 Prozent favorisieren zudem eine Arbeitsteilung, in der KI Daten liefert und Routineaufgaben automatisiert, während der Mensch entscheidet. Unterm Strich liest sich die Studie damit als Weckruf: KI kann Zeit schaffen, aber sie ersetzt keine Strategiegespräche, keine Konfliktlösung und keine Entscheidungshoheit. Unternehmen, die KI jetzt kontrolliert, transparent und systematisch integrieren, reduzieren damit nicht nur Durchlaufzeiten, sondern bauen auch jene Erfahrung auf, die in Stagnationsphasen schnell zu einem Wettbewerbsvorteil werden kann.
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