LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie quantifiziert explizite Unterstützung für White Nationalism in den USA deutlich differenzierter als frühere Annäherungen. Erhebliche persönliche Belastungen und ein stark online geprägtes Sozialleben erweisen sich dabei als bessere Prädiktoren als lokale demografische Veränderungen. Durch die Befragung mit präziser Definition steigt die gemessene Zustimmung spürbar an. Besonders junge weiße Männer zeigen laut den Daten die höchsten Werte.

In den USA wird White Nationalism inzwischen häufiger öffentlich sichtbar. Neue Befunde liefern nun aber vor allem eine nüchterne Messfrage: Wie viele Menschen unterstützen die Kernideen tatsächlich, und wodurch entsteht diese Zustimmung? Die Studie veröffentlicht in Nature kommt auf Werte, die je nach Messmethode deutlich schwanken. Ohne Erklärung der Ideologie liegt die Zustimmung bei etwa 5 % weißer US-Erwachsener; nachdem die Befragten eine kurze, sachliche Definition der zentralen Überzeugungen erhalten, steigt der Anteil auf rund 7,6 %. Das ist nicht nur ein methodischer Effekt, sondern ein Hinweis darauf, dass ein Teil der Zustimmung möglicherweise mit dem Etikett „White nationalism“ vorher nicht klar verknüpft war.
Technisch interessant ist dabei der Aufbau der Erhebungen: Die Autorinnen und Autoren testeten zunächst, ob Teilnehmende die Bedeutung des Begriffs wirklich verstehen. In der ersten nationalen Befragung 2021 wurden 3.227 nicht-hispanische weiße Erwachsene über ein Online-Panel befragt, das an die nationale Demografie angeglichen war. Eine Hälfte erhielt die Frage nach Unterstützung direkt, die andere Gruppe bekam zuvor eine kurze Beschreibung der Kerngedanken zu „white power“ und kultureller Überlegenheit. Als die Definition bekannt war, spiegelten die Antworten stärker die bestehenden Einstellungen zu Identität und Machtverhältnissen wider. Für die Interpretation heißt das: Begriffsklarheit verändert messbar, wer „Ja“ sagt – und sie verlagert die Antworten näher an andere gemessene Rasseneinstellungen.
Mit den so „vollständig informierten“ Antworten gingen die Forschenden anschließend in die Ursachenanalyse. Statt lokale demografische Entwicklung als Haupttreiber zu behandeln, testeten sie konkrete Alternativen. Auffällig ist zunächst das Bildungsgefälle: Zustimmung liegt laut den Ergebnissen 15 Prozentpunkte höher bei Personen ohne High-School-Abschluss im Vergleich zu Menschen mit postgradualer Bildung. Auch politisch-kulturelle Variablen korrelieren stark, etwa konservative Einstellungen, häufige Kirchenbesuche, der Glaube an politische Verschwörungen sowie das Gefühl, politisch abgekoppelt zu sein. Die eigentliche Kontroverse betrifft jedoch die Frage, ob demografische „Bedrohung“ – also etwa der wachsende Anteil nicht-weißer Bevölkerungsgruppen – im Alltag tatsächlich die extremen Ideologien speist.
Hier fällt die Studie deutlich weniger erwartungstreu aus. Die Ergebnisse liefern Unterstützung für eine andere Erklärung: persönliche soziale und ökonomische Belastungen. Wer im vergangenen Jahr drei oder mehr Härten erlebt hatte, darunter etwa Arbeitsplatzverlust oder Scheidung, war etwa 4 Prozentpunkte wahrscheinlicher, White Nationalism zu unterstützen als Personen ohne solche Belastungen. Zusätzlich stieg die Zustimmung, wenn die Befragten in Countys lebten, die durch Armut und Arbeitslosigkeit geprägt waren. Demgegenüber fanden die Forschenden keinen Hinweis darauf, dass sich lokale demografische Strukturen systematisch auf die Zustimmung auswirken: Ein hoher Anteil nicht-weißer Bevölkerung oder ein stark schrumpfender weißer Bevölkerungsanteil war nicht mit höheren Werten verbunden. „One finding that is somewhat unexpected is that white people living in areas that are becoming more racially diverse were not more likely to support white nationalism“, sagte Patrick J. Egan; „This is in contrast to what we would expect from status-threat theories, which hold that demographic change can spark backlash and resentment.“
Auch beim Internet zeigt sich ein differenziertes Bild, das für Produkt- und Kommunikationsverantwortliche in digitalen Plattformen relevant ist. Allgemeine Social-Media-Nutzung sagte demnach nichts verlässlich über die Unterstützung voraus. Entscheidend war stattdessen die Art der sozialen Kontakte: In der Befragung lag die Unterstützung um 13 Prozentpunkte höher bei Personen, die angaben, dass alle drei engsten Freunde nur online bekannt seien – verglichen mit denen, die ausschließlich Offline-Freunde als engste Kontakte nennen. Das passt zur Annahme, dass nicht Reichweite oder reine Sichtbarkeit die entscheidende Rolle spielt, sondern die Fähigkeit, soziale Bindungen zu pflegen und dabei ein kompatibles Weltbild dauerhaft zu stabilisieren. Egan verwies außerdem auf eine methodische Einschränkung der „Statusbedrohungs“-Lesart: In Folge von Wohnortwahl könnte eine echte demografische Wirkung statistisch verdeckt werden, wenn Menschen mit bestimmten Einstellungen bevorzugt in passende ethnorassische Umgebungen ziehen.
Um die Robustheit zu erhöhen, erweiterten die Autorinnen und Autoren das Design gleich zweimal. 2024 bestätigte eine zweite Erhebung mit einem probabilistischen Sample von 2.114 nicht-hispanischen weißen Erwachsenen zentrale Muster; auf Basis dieser zweiten Stichprobe schätzen sie einen Anteil von 4,9 % Zustimmung, sobald die Ideologie inhaltlich erklärt wird. In der Gruppe junger Männer erreichen die Werte demnach ihren Höhepunkt: 13,5 % der weißen Männer im Alter von 18 bis 29 Jahren bekennen sich zu den Grundsätzen. Eine dritte Befragungswelle im späten Jahr 2024 sowie Anfang 2025 umfasste 2.548 weiße Erwachsene und testete u. a. Akquieszenz-Bias (also das „einfach zustimmen“ ohne echte inhaltliche Verarbeitung) sowie mögliche Effekte durch Reihenfolge und Priming früherer Fragen. Die Ergebnisse blieben dabei stabil.
Gleichzeitig machen die Forschenden klar, was die Studie nicht leistet. Das Design beruht auf Beobachtungsdaten zu Zeitpunkten, an denen keine strikte Kausalität abgeleitet werden kann; nicht erfasste Faktoren wie Persönlichkeitseigenschaften oder psychische Belastungen könnten sowohl Härten begünstigen als auch die Anfälligkeit für extreme politische Narrative erhöhen. Zudem ist die Beziehung zwischen Online-Freundschaften und extremen Ansichten möglicherweise bidirektional: Isolation kann in Online-Radikalität münden, ebenso kann aber eine extreme, schwer anschlussfähige Position Offline-Kontakte erschweren. Die Messung erfasst außerdem nur ideologische Zustimmung, nicht die organisatorische Mitgliedschaft oder Unterstützung für bestimmte Taktiken. Für die Forschung ist genau das ein nächster Schritt: Egan und Kollegen hoffen, den verwendeten Messansatz in künftigen Surveys zu wiederholen, um zu sehen, ob die wachsende öffentliche Sichtbarkeit von White Nationalism auch in der Breite der Bevölkerung an Zustimmung gewinnt.
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