LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Bitcoin hat in seinem jüngsten Bärenmarkt rund 55% an Wert verloren, deutlich weniger als frühere Rückgänge von 70 bis 80% oder mehr. Mehrere Marktakteure führen die geringere Ausschlagsbreite auf institutionellere Beteiligung, Rebalancing-Routinen und die wachsende Marktgröße zurück. Gleichzeitig gilt: Die Renditen haben sich laut Einschätzung nicht „automatisch“ verbessert, denn auch Rallys werden durch denselben Mechanismus gedämpft. Offen bleibt vor allem, wie schnell sich die Anlegerbasis künftig weiter professionalisiert.

Die Schlagzeile klingt erst einmal nach Erleichterung, ist aber vor allem eine Frage der Mechanik: Bitcoin hat im jüngsten Bärenmarkt laut den vorliegenden Marktbeobachtungen etwa 55% vom Hoch (Oktober 2025) eingebüßt. Das ist in absoluten Marktbegriffen zwar immer noch ein massiver Rückgang, im Vergleich zu früheren Zyklen jedoch spürbar weniger destruktiv. In der Rückschau zeigt sich, warum das die Erwartungen verändert: Als Bitcoin im Umfeld von November 2021 nach nahezu 69.000 US-Dollar einbrach, folgte ein weiteres Jahr später ein Kursrutsch unter 16.000 US-Dollar. Der damalige Abschwung wurde unter anderem mit steigenden Zinsen, einer Reihe von Insolvenzen im Krypto-Ökosystem und dem Zusammenbruch von FTX in Verbindung gebracht – und der Verlust lag bei deutlich über 75%.
Technisch lässt sich die veränderte Volatilität nicht als „neues Marktgesetz“ erklären, sondern als Mischung aus Eigentümerstruktur, Handelsregeln und Liquiditätsverhalten. Ein zentraler Punkt kommt aus der Argumentation, dass sich Bitcoin durch die Zulassung von Spot-Bitcoin-ETFs seit Januar 2024 in der Allokationslogik vieler Anleger verändert hat. Bitwise-Forschungskopf Ryan Rasmussen sieht ETFs nicht nur als Marketingtreiber, sondern als Übersetzungsmaschine für ein asset-spezifisches Risikomuster in die Sprache klassischer Portfolioplanung. Vor den ETFs war der Markt stärker von Retail-Anlegern, Krypto-nativen Fonds und kurzfristig orientierten Tradern geprägt, die oft „taktisch“ reagieren und damit schneller in Panik- oder Hype-Kurven kippen.
Der wichtigste Hebel ist damit weniger die Existenz der ETFs als die erwartbare Reaktion auf Kursbewegungen. Rasmussen beschreibt den Unterschied anhand von typischen Allokationsgrößen: Ein professioneller Investor könnte Bitcoin mit ungefähr 2% im Portfolio halten, während Krypto-affine Privatanleger auch 20% bis 30% oder mehr binden. In diesem Setup wirkt ein Kurssturz nicht nur als Prozentwert, sondern als Portfoliowirkung: Geht Bitcoin um 50% nach unten, ist ein Portfolio mit 2% Allokation nur um etwa 1% betroffen. Gleichzeitig wird der Marktmechanismus durch Rebalancing ergänzt. Wer eine Zielgewichtung von 2% ansteuert, kauft bei starken Rücksetzern tendenziell nach, um die Position wieder zu normalisieren. Steigt Bitcoin später auf ein Niveau, bei dem die Allokation z.B. 5% erreicht, verkauft der Investor beim nächsten Rebalancing anteilig. Das kann Verkäufe in Abwärtsphasen abfedern – begrenzt aber auch die Größe von bullischen Übertreibungen, weil nach oben ebenfalls konsequent „zurückjustiert“ wird.
Auch Mark Connors von Risk Dimensions ordnet die Entwicklung in diesen institutionellen Kontext ein. Erwartet wird, dass ein wachsender Anteil institutioneller Beteiligung die typischen Drawdowns gegenüber früheren Zyklen reduziert. In seiner Lesart sinkt damit nicht zwingend das Risiko insgesamt, sondern vor allem die Extremität einzelner Ausschläge. Connors weist zugleich darauf hin, dass Anleger keinen kostenlosen Tausch bekommen: Die Volatilität mag zwar im Zeitverlauf abgenommen haben, die Renditen hätten sich aber ebenfalls moderiert. Eine größere Zahl institutioneller Marktteilnehmer kann durch Rebalancing zwar „kleinere blow-off tops“ begünstigen, produziert aber im gleichen Atemzug potenziell auch eine strukturelle Verkäuferseite, sobald Kurse stark anziehen. Anders gesagt: Das Verhalten, das verhindert, dass alle gleichzeitig in den Abfluss sprinten, kann auch bei steigenden Kursen systematisch Abgaben auslösen.
Ganz anders setzt Jim Ferraioli von Schwab an – nicht über ETFs als Ursache, sondern über die „Größe“ von Bitcoin. Er argumentiert, dass Bitcoin trotz der wachsenden Wall-Street-Präsenz weiterhin überwiegend ein Retail-Asset ist; allein die ETF-Haltenummer ist demnach nicht automatisch gleichbedeutend mit institutioneller Kontrolle, weil auch Privatanleger solche Fonds kaufen können. Stattdessen rückt Ferraioli die Marktkapitalisierung in den Vordergrund: Bitcoin liegt wieder um die 2 Billionen US-Dollar, was bedeutet, dass eine Verdopplung erheblich mehr Kapital erfordert als in den frühen Jahren, als Bitcoin nur wenige Milliarden US-Dollar wert war. Diese Skalierung senkt die Wahrscheinlichkeit spektakulärer Multiples, weil jeder zusätzliche Prozentpunkt auf einer größeren Basis „teurer“ wird. Er ergänzt das Bild um Datenpunkte zu den Kostenbasen: Für ETF-Investoren lag die durchschnittliche Cost-Basis laut seiner Darstellung über weite Teile des Jahres bei rund 83.000 US-Dollar, während ein Indikator für aktive Spot-Investoren von etwa 78.000 US-Dollar in Richtung der mittleren 70.000er rutschte – konsistent damit, dass ein Teil der Nachfrage in der Rückwärtsphase zu niedrigeren Kursen zugriff.
Daneben spielt die Mikrostruktur der Angebotsseite eine Rolle, selbst wenn sie im Alltag selten so benannt wird. Ferraioli verweist auf die grobe Verteilung des zirkulierenden Bestands: Von rund 20 Millionen Bitcoin in Umlauf hält er für möglich, dass vier bis fünf Millionen verloren sind und weitere sechs bis sieben Millionen illiquide vorliegen. Damit bleibt ein großer Teil des Marktes in Händen von Adressen, die bereits mehrere Crashs erlebt haben und typischerweise nicht bei jedem Schock sofort verkaufen. Für die Preisbildung heißt das: Selbst wenn neue Käufer oder neue Verkäufer aktiv sind, trifft deren Verhalten auf eine „gedämpfte“ Angebotselastizität. In der Praxis kann das Extrembewegungen reduzieren – sofern sich die Nachfrage ebenfalls weniger sprunghaft verhält. Hinzu kommt, dass Rasmussen beschreibt, wie Bitwise in der letzten Marktphase ein hohes Maß an professioneller Investoreneinbindung beibehalten konnte, während das Interesse 2022 offenbar deutlich nachgelassen hatte.
Der nächste Teil der Entwicklung hängt damit an Umsetzungsgeschwindigkeit und Geduld. Rasmussen nennt als typisches Muster mehrere Treffen mit Finanzberatern, bevor überhaupt eine Allokation erfolgt; der Prozess könne fast zwei Jahre dauern. Das deutet darauf hin, dass sich die „neue“ Anlegerbasis zwar bereits anbahnt, aber noch nicht in vollem Umfang ausrollt. Ferraioli erwartet dennoch, dass die Richtung stabil bleibt: Mit zunehmender Reife des Assets sieht er flachere Bärenmärkte und weniger explosive Hausse-Phasen. Für Unternehmen und Portfoliomanager heißt das nicht „Risiko weg“, aber es verändert die Planung: Wo früher ein Zyklus als Abfolge aus maximalen Ausschlägen interpretiert wurde, wird er künftig stärker als graduelles Rebalancing- und Skalenphänomen lesbar. Genau deshalb lohnt es sich, Volatilität nicht nur als Marktkennzahl zu betrachten, sondern als Ergebnis von Allokationslogik, Liquiditätsstruktur und Angebotsdynamik.
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