DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – In den 40 größten deutschen börsennotierten Konzernen sinkt die Zahl der Beschäftigten im Jahresvergleich deutlich. Laut einer Auswertung von EY-Parthenon geht sie weltweit um 47.700 auf 4,06 Millionen zurück. Besonders kritisch wirkt die Kombination aus teurer Produktion, Zöllen und wachsendem Wettbewerb aus China. Gleichzeitig zeigen einzelne Branchen und Konzerne, wie stark sich der Arbeitsmarkt mit Technologie- und Nachfragezyklen dennoch differenzieren kann.

Stellenabbau im Dax: Deutsche Konzerne verlieren im Jahresvergleich Arbeitsplätze
Stellenabbau im Dax: Deutsche Konzerne verlieren im Jahresvergleich Arbeitsplätze (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Stellenabbau in Deutschlands Top-Konzernen ist im laufenden Jahresvergleich nicht nur spürbar, sondern auch messbar: Bei den 40 Dax-Konzernen ist die Zahl der Beschäftigten weltweit um 47.700 oder 1,2 Prozent auf 4,06 Millionen gesunken. Was nach einer nüchternen Kennzahl klingt, beschreibt in der Unternehmenspraxis häufig mehrere parallele Bewegungen: erst werden Funktionen verdichtet, dann Projekte verschoben, anschließend werden Neueinstellungen zurückgefahren. In der gleichen Betrachtung zeigt sich ein scharfer Kontrast zu großen europäischen Nachbarn, die bei ihren Konzernen deutlich weniger Personal abbauen oder sogar leicht aufbauen.

Die Untersuchung, die auf einer Auswertung von Nachhaltigkeitsberichten basiert, stützt den Befund auch durch den internationalen Blickwinkel. Für Frankreich nennt sie einen Rückgang von lediglich 0,2 Prozent, während Italien und Spanien jeweils 0,9 Prozent zulegen: In Italien steigt die Beschäftigung um 10.900, in Spanien um 11.600. Daraus lässt sich ableiten, dass nicht allein konjunkturelle Schwankungen wirken, sondern strukturelle Faktoren. Für Deutschland kommt hinzu, dass die internationale Aufstellung zwar lange wie ein Stabilitätsanker wirkte, heute aber stärker als Bremsklotz interpretiert wird, weil die eigenen Produktions- und Energiebedingungen sowie geopolitische Handelsrestriktionen gleichzeitig Belastung erzeugen.

EY-Parthenon-Partner Constantin Gall ordnet genau diese Gemengelage ein und nennt als Treiber unter anderem US-Zölle, hohe Produktions- und Energiekosten, eine chronisch schwache Konjunktur sowie Überregulierung. Besonders relevant ist daneben der Wettbewerbsdruck durch China, weil sich dort nicht nur Preisvorteile ergeben, sondern auch Tempo: Asiatische Wettbewerber gewinnen Marktanteile häufig, weil sie schneller und günstiger produzieren können. In der Folge gerät das bisher bewährte Steuerungsmodell von Deutschland aus stärker unter Druck. Wenn sich die Kostenbasis verändert und gleichzeitig Absatzmärkte abgeschottet werden, verschiebt sich die Logik von Planung und Investition in Richtung Standortoptimierung, Automatisierung und Kapazitätsanpassung.

Daran knüpft der Blick auf die Aufteilung von Beschäftigung zwischen Heimat und Ausland an. Binnen eines Jahres sinkt die Zahl der Beschäftigten an deutschen Standorten um 1 Prozent auf rund 1,5 Millionen, während sie im Ausland um 1,3 Prozent auf gut 2,5 Millionen zurückgeht. Damit arbeiten 37 Prozent der weltweit bei den Dax-Konzernen Beschäftigten in Deutschland, während der Umsatzanteil im Durchschnitt nur bei 20 Prozent liegt. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn die Produkte international verkauft werden, müssen zentrale Rollen wie Verwaltung, Teile der Forschung und Entwicklung sowie Unternehmenssteuerung im Heimatland an den veränderten wirtschaftlichen Rahmen angepasst werden. Die Belastung entsteht dann nicht nur durch geringere Nachfrage, sondern auch durch den Umstand, dass Produkte und Wertschöpfungsketten in einem Umfeld konkurrieren, in dem sowohl Energiepreise als auch Handelsbarrieren stärker durchschlagen.

Dass Stellenabbau nicht überall identisch verläuft, zeigt der Branchen- und Ländervergleich. In Frankreich gilt der CAC 40 als gemischt strukturiert; Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt gelten als Wachstumsbereiche. Dort erhöhen etwa Airbus, Safran und Thales ihre Beschäftigtenzahl binnen eines Jahres um insgesamt gut 15.000 auf 373.000. Italien erlebt ebenfalls einen Beschäftigungsaufbau im Mib 40, vor allem getragen von Finanzdienstleistern, und auch mit dem Rüstungskonzern Leonardo steigt die Belegschaft um 2.300 auf 88.249. In Spanien führt die binnenwirtschaftliche Dynamik zu Zuwächsen: Der Ibex 35 legt um 0,9 Prozent zu, Deutschland dagegen bleibt im Vergleich deutlich schwächer, während Spanien als einziges der betrachteten Länder Beschäftigungsaufbau im Inland meldet.

Auch bei den Dax-Konzernen wird deutlich, dass der Negativtrend nicht für jede Sparte gleich stark gilt. Im industriellen Kern spüren mehrere Auto- und Zulieferbereiche weltweit wachsenden Wettbewerbsdruck: Bei BMW, Mercedes und VW sinkt die Zahl der Beschäftigten um 30.535 auf 982.559, mehr als die Hälfte davon entfällt auf den Heimatmarkt. Volkswagen will zudem rund 50.000 Stellen weltweit abbauen, zusätzlich zu bereits vereinbarten 50.000 Stellen in Deutschland; BMW plant einen Abbau von 8.000 Stellen weltweit bis Ende 2027 mit Schwerpunkt in Deutschland und kündigt ab 2028 jährliche Einsparungen von rund einer Milliarde Euro an. In der energieintensiven Chemie verschärft sich der Effekt ebenfalls: Bei BASF fällt die Belegschaft am Standort Ludwigshafen erstmals seit 1954 unter 30.000 Vollzeitstellen, und der Konzern beziffert den Arbeitsplatzabbau seit Anfang 2024 auf 7.000. Gleichzeitig existiert jedoch ein Gegenbild, bei dem Nachfrage, Service- und Wartungszyklen sowie Investitionen in Infrastruktur den Stellenaufbau antreiben.

Ein wichtiger Hebel dafür ist der Technologiewandel, der kurzfristig zwar häufig Restrukturierungen auslöst, mittelfristig aber neue Rollen schafft. Der Bericht verweist darauf, dass Beschäftigungseffekte aus Künstlicher Intelligenz erst in den kommenden Jahren sichtbar werden, wenn Unternehmen Verwaltung automatisieren oder KI in Forschung, Kundenservice, Einkauf und Produktionsplanung einsetzen. Damit entsteht ein Muster, das im Arbeitsmarkt bereits heute angedeutet ist: Routineaufgaben werden schneller standardisiert, während Know-how rund um Daten, Prozesse und Systeme in stärkerem Maße nachgefragt wird. Beispiele aus dem Dax unterstreichen das: Airbus erhöht die Beschäftigung binnen eines Jahres um 3,2 Prozent auf 177.270, MTU legt um 6 Prozent auf 12.670 zu und profitiert dabei vom Wartungs- und Instandhaltungsgeschäft; Siemens Energy wird durch den wachsenden Bedarf an Strom, Datenzentren und Digitalisierung der Industrie gestützt. Auch Rheinmetall baut Personal deutlich aus, während Vonovia als Sonderfall mit einem Fokus auf den Heimatmarkt zu den wenigen zählt, die den Stellenbestand netto erweitern.

Für Unternehmen liegt die praktische Herausforderung nicht darin, nur Stellen zu zählen, sondern die Ursachen in operative Steuerungsentscheidungen zu übersetzen. Die Daten deuten darauf hin, dass die Rückgänge in Deutschland weniger aus einem einzelnen Ereignis entstehen, sondern aus der gleichzeitigen Wirkung von Kostenstrukturen, internationalen Handelsbedingungen und Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig zeigt der Beschäftigungsaufbau in einzelnen Sektoren, dass Restrukturierung kein einheitliches Schicksal aller Standorte sein muss. Wer als Arbeitgeber und Technologieanbieter die nächsten Schritte planen will, sollte daher drei Ebenen zusammen betrachten: die Energie- und Produktionsfähigkeit im globalen Vergleich, die Marktöffnung beziehungsweise -abschottung in Kernregionen sowie die schrittweise Verlagerung von Arbeit in Automatisierung und KI-gestützte Prozesse. Je schneller diese Zuordnung im Unternehmen gelingt, desto früher lassen sich Qualifikationsbedarfe, Transformationsprogramme und Personalplanung aufeinander abstimmen.


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