LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Umfrage der Harris Poll im Juli 2026 beschreibt, wie Gen Z Religion und persönliche spirituelle Praktiken immer häufiger kombiniert. 88 % der 18- bis 29-Jährigen nutzen dabei mindestens eine Form von spiritueller oder religiöser Praxis wie Meditation, Tarot oder Energiearbeit. Gleichzeitig berichten viele von dem Wunsch nach Handlungsmacht und echten Gemeinschaften. Besonders auffällig: Der Anteil Selbstbezeichnungen als religiös liegt bei Gen Z deutlich höher als bei älteren Generationen.

Gen Z mischt Religion und persönliche Rituale: Studie zeigt Hybridglauben
Gen Z mischt Religion und persönliche Rituale: Studie zeigt Hybridglauben (Foto: IT BOLTWISE)
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Die religiöse und spirituelle Landschaft wirkt für viele Beobachter längst nicht mehr eindeutig getrennt. Genau dieses Bild zeichnet eine Harris-Poll-Erhebung aus dem Juli 2026, die auf 2.136 erwachsenen US-Bürgern basiert und den Glauben innerhalb der Generation Z (18 bis 29 Jahre) besonders in den Blick nimmt. Statt einer klaren Trennlinie zwischen institutioneller Religion und persönlicher Spiritualität zeigen die Daten eine hybride Praxis: klassische religiöse Elemente treten mit individuell gewählten Methoden zusammen, darunter Meditation, Tarot oder Energiearbeit. Für die Frage, wie sich Identität in einer unsicherer wahrgenommenen Welt formt, ist das mehr als ein Kulturtrend; es verändert auch, wie Unterstützungsangebote, Communities und Bildungsformate gestaltet werden müssen.

Ein zentraler Befund betrifft zunächst die Selbstbeschreibung. Entgegen dem in vielen Ländern verbreiteten Muster einer zunehmenden Säkularisierung ordnet sich Gen Z laut den Daten stärker religiös ein als ältere Kohorten: 33 % der Befragten aus der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen bezeichnen sich als religiös. Zum Vergleich: Bei Gen X sind es 22 %, bei Millennials 19 % und bei den Babyboomern 18 %. Dieser Unterschied wird noch dadurch greifbar, dass die Untersuchung nicht nur Einstellungen, sondern auch Verhalten abfragt. So gaben 54 % der Gen Z an, im vergangenen Jahr in religiösen Schriften gelesen zu haben; Millennials lagen bei 53 %, Gen X bei 48 % und Boomer bei 43 %. Auch beim Gottesdienstbesuch liegt Gen Z vorne: 49 % nahmen teil, während Millennials bei 44 % liegen, Gen X bei 43 % und Boomer bei 42 %. Im Umkehrschluss lässt sich daraus keine vollständige „Rückkehr zur Institution“ ableiten, denn beim privaten Gebet sind die älteren Generationen weiterhin stärker: 75 % der Boomer und 72 % der Gen X beten selbst, während es bei Gen Z 67 % und bei Millennials 65 % sind.

Technisch betrachtet kann man diese Entwicklung als eine Art „Orchestrierung“ unterschiedlicher Praxisformen verstehen: Menschen wählen Bausteine aus verschiedenen Traditionen und passen sie an ihren Alltag an. In der Darstellung von Libby Rodney von Harris Poll tritt genau dieses Nebeneinander hervor. Demnach kann der Gottesdienst am Sonntag, Manifestationsübungen am Mittwoch und das Legen von Tarotkarten am Freitag parallel existieren. Entscheidend ist dabei die Gesamtschau: 88 % der Gen Z nutzen mindestens eine spirituelle oder religiöse Praxis. Dass diese Praxislandschaft sehr konkret wird, zeigen die genannten Methoden. Manifestation wird von 49 % der Gen Z und 42 % der Millennials praktiziert, während Gen X mit 25 % und die Boomer mit 9 % deutlich zurückliegen. Energiearbeit kommt auf 32 % bei Gen Z und 30 % bei Millennials, verglichen mit 15 % bei Gen X und 4 % bei den Boomern. Bei Astrologie und Tarot liegen die Werte jeweils bei 30 % für Gen Z und Millennials, während Gen X 19 % und Boomer 6 % nennen. Meditation und Rituale erreichen 51 % bei Gen Z und 54 % bei Millennials; auch hier sind die Unterschiede zu älteren Jahrgängen spürbar, was auf eine stärkere Verankerung im Alltag hindeutet.

Damit stellt sich die nächste Frage: Warum genau greifen junge Erwachsene zu diesen Werkzeugen, wenn die Praktiken teils aus unterschiedlichen religiösen oder weltanschaulichen Milieus stammen? In der Auswertung wird ein psychologisches Motiv sichtbar, das sich auch in anderen gesellschaftlichen Debatten wiederfindet: das Bedürfnis nach Kontrolle in einer als unsicher wahrgenommenen Welt. Tim Osiecki von Harris Poll wird in diesem Zusammenhang so zitiert bzw. in der Darstellung eingeordnet, dass Gen Z solche Praktiken nutzt, um Handlungsmacht aufzubauen. Rund 57 % der Gen Z und 59 % der Millennials geben an, Spiritualität oder Manifestation einzusetzen, um Kontrolle über die eigene Zukunft zu erlangen. Die Zahlen legen nahe, dass es weniger um abstrakte Religionszugehörigkeit geht als um konkrete Erwartungssteuerung: Wer an Handlungsmöglichkeiten glaubt, sucht nach Routinen, die das eigene Gefühl von Einfluss verstärken.

Gleichzeitig taucht in den Ergebnissen ein zweiter, sozialer Hebel auf. Genau 60 % der Gen Z arbeiten aktiv darauf hin, mehr „echte Gemeinschaft“ zu finden, und 60 % streben demnach eine höhere Beteiligung an persönlichen Communities an. Im vergangenen Jahr engagierten sich 57 % der jungen Erwachsenen stärker in lokalen Gemeinschaften. Für Organisationen, die mit jungen Erwachsenen arbeiten, ist das ein wichtiger Unterschied: Die Daten sprechen nicht nur für spirituelle Praxis, sondern auch für die Suche nach geteilten Räumen und verlässlichen Beziehungen. Entsprechend ergibt sich auch ein Verhalten bei Krisen. In Notlagen suchen 71 % der Gen Z Hilfe bei ihren Mitmenschen. Das ist ein Indiz dafür, dass Spiritualität und Gemeinschaft in der Praxis zusammenspielen: Rituale können Struktur geben, Communities liefern Anschlussfähigkeit und im Ernstfall praktische Unterstützung.

Für die Einordnung lohnt sich daneben der Blick auf die Frage der Abgrenzung. Die Erhebung macht deutlich, dass Gen Z am seltensten angibt, weder religiös noch spirituell zu sein (19 %). Bei den Boomern liegt dieser Anteil bei 23 %. Das bedeutet nicht, dass alle jungen Menschen klar „auf der einen Seite“ stehen, sondern eher, dass Identität stärker als Spektrum verstanden wird. Ein Teil der Erklärung kann in der geringen Hemmschwelle liegen, unterschiedliche Praktiken zu testen und miteinander zu kombinieren, statt sich an eine einzelne institutionelle Leitlinie zu binden. Historisch betrachtet ist diese Offenheit nicht neu, aber sie wird in der Gen-Z-Perspektive besonders sichtbar, weil viele Informationswege heute schnell, niedrigschwellig und individuell zugänglich sind. Daraus entsteht ein „Baukastenprinzip“: Was hilft, wird behalten; was nicht passt, wird ersetzt.

Aus Markt- und Branchenperspektive ergeben sich daraus wiederum praktische Konsequenzen. Wenn 88 % der Gen Z mindestens eine spirituelle oder religiöse Praxis nutzen, dann ist das für Angebote im Bereich Bildung, Coaching, Community-Moderation und digitale Gesundheits- bzw. Lebenshilfe ein signifikanter Zielgruppenindikator. Unternehmen, Plattformen und Initiativen, die mit jungen Erwachsenen arbeiten, stehen aber auch vor einer Herausforderung: Sie müssen zwischen weltanschaulicher Offenheit und klarer Trennlinie zu risikoreichen Versprechen unterscheiden. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wie man Formate gestaltet, die sowohl den Wunsch nach Routine (z. B. Meditation) als auch den Wunsch nach Zugehörigkeit (Community-Aufbau) adressieren. Die Zahlen zur Handlungsmacht – 57 % bei Gen Z und 59 % bei Millennials – zeigen, dass Erleben von Wirksamkeit in den Mittelpunkt rückt, während die Community-Zahlen (60 % bei Gen Z) verdeutlichen, dass reine „Selbstoptimierung“ nicht genügt.

Unterm Strich liefern die Ergebnisse der Harris Poll ein konsistentes Bild: Gen Z erlebt Glauben als flexibles Zusammenspiel aus Tradition und persönlichen Methoden, nicht als Entweder-oder. Die Daten zeigen dabei zwei Achsen, die für die weitere Beobachtung entscheidend sind: Zum einen die inhaltliche Hybridität (88 % nutzen mindestens eine Praxis; konkrete Häufigkeiten für Manifestation, Energiearbeit, Tarot und Meditation unterscheiden sich deutlich nach Generation), zum anderen die Richtung der Motivation (Handlungsmacht und Gemeinschaft). Für Entscheider in Organisationen und für Anbieter von digitalen oder analogen Formaten heißt das vor allem: Wenn man junge Erwachsene ernst nimmt, muss man ihnen Räume bieten, in denen Praktiken nicht nur erklärt, sondern auch sozial verankert werden können.


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